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Deutsche Post

19.02.2021

Poststelle in Kammeltal schließt: Das sind die Gründe und so soll es im Ort weitergehen

Die Poststelle in Ettenbeuren wird geschlossen.
Bild: Ulrich Wagner (Symbolbild)

Plus Die Betreiberin der Einrichtung im Kammeltaler Ortsteil Ettenbeuren hat den Vertrag mit der Deutschen Post gekündigt. Sie spricht von großem Druck seitens des Konzerns.

Seit Dezember 2004 hat Christine Geiger die Poststelle in Kammeltal, genauer gesagt im Ortsteil Ettenbeuren, betrieben. Doch zum Monatsende ist nun Schluss. Die Deutsche Post selbst hat darüber nicht informiert, die Gemeinde schreibt es in ihrem aktuellen Mitteilungsblatt. Zu den Gründen äußert sich die Betreiberin im Gespräch mit unserer Zeitung.

Demnach habe sie damals, als die Post die eigene Filiale in der Nähe aufgab, im Familienbetrieb „Geiger Naturprodukte“ an der Sonnenstraße einen Schalter samt Nebenraum eingerichtet. Da sei man noch vom Unternehmen angestellt worden, wenn man etwa im Einzelhandel die Leistungen der Post anbietet. Das habe sich bei Neuverträgen längst geändert, der Konzern setze auf Selbstständige. Und so habe man auch bei ihr dauernd versucht, die Konditionen zu ändern, zuletzt sei alle drei Monate jemand da gewesen. Seit Corona sei die Kundenfrequenz so stark angestiegen, dass es in keinem Verhältnis mehr stehe, was man für die Arbeit von der Post bekomme.

Christine Geiger aus Kammeltal: "Bei der Deutschen Post ist man nur eine Nummer"

Vor einem Jahr habe sie angesichts des Spardrucks des „Gelben Riesen“ auf eine Stellenausschreibung reagiert, um eine Alternative zu haben – und den Job bekommen. Sie wollte die Poststelle eigentlich parallel betreiben, was sie seither tat, aber auf Dauer sei das nicht zu stemmen. Daher habe sie im November ihren Vertrag mit dem Konzern gekündigt. „Ich hätte schon gedacht, dass mal jemand nach den Gründen fragt, aber bei mir hat sich niemand gemeldet.“ Und wohl erst seit Kurzem suche das Unternehmen nach einem alternativen Anbieter.

Geiger kritisiert, dass die Deutsche Post einen „Riesenumsatz“ mache, doch diejenigen, die dafür sorgten, bekämen nichts ab. Damit meint sie explizit auch die Zusteller. Der Konzern biete immer weniger Service – wenn man sich nur ansehe, welch große Standorte es einmal im Landkreis gegeben habe ... Sie sei nicht einmal darüber informiert worden, dass der Briefkasten am ehemaligen Filialstandort abmontiert wurde, nun steht er vor dem Rathaus. „Man ist nur eine Nummer.“ Einen Zusammenhang zu ihrer Entscheidung, die Poststelle in der gut 3300 Einwohner zählenden Gemeinde Kammeltal aufzugeben, gebe es beim Briefkasten aber nicht.

Bürgermeister: Auch der Briefkastenabbau war "Nacht- und Nebelaktion der Post"

Bürgermeister Thorsten Wick ist über die Informationspolitik der Deutschen Post auch nicht gerade glücklich. Zunächst habe er gewartet, ob sie sich selbst bei ihm melde, nachdem er von Christine Geiger über die Schließung informiert worden war. Als sie das nicht tat, habe er im Januar nachgefragt – und vor zwei, drei Wochen eine E-Mail bekommen, ob jemand in der Gemeinde passende Räume vermiete. Wick sagt, er habe angeregt, auf die Dorfläden zuzugehen, was die Post zugesagt habe. Bis Ende der Woche solle es ein Ergebnis geben, die möglichen Konditionen kenne er nicht.

Im Familienbetrieb „Geiger Naturprodukte“ in Ettenbeuren betreibt Christine Geiger die Poststelle – noch. Denn zum Ende des Monats hört sie auf.
Bild: Bernhard Weizenegger

Dass dort eine Poststelle eingerichtet wird, wäre ihm am liebsten, als Alternative würde der Konzern einen Container aufstellen und die Anlaufstelle selbst betreiben, bis sich jemand anderes findet. So oder so habe das Unternehmen zugesagt, in Kammeltal wieder eine Poststelle anbieten zu wollen. Der Abbau des Briefkastens sei gar eine „Nacht- und Nebelaktion“ gewesen. Einen Tag davor sei er kontaktiert und gefragt worden, ob er einen alternativen Standort vorschlagen könne, was er getan habe. „Ich hätte gedacht, dass man mit dem Abbau wartet, bis ein Platz gefunden ist, und dann die Bürger informiert.“

Zur Not will die Post vorübergehend selbst eine Filiale betreiben

Die Deutsche Post erklärt auf Anfrage, die Kündigung von Christine Geiger zu bedauern. Man werde wieder eine Filiale eröffnen, „am liebsten natürlich eine Partnerfiliale“. Weitere Schließungen im Landkreis stünden derzeit nicht an, betont Sprecher Dieter Nawrath. Nach den geltenden Vorgaben müsse man auch in selbstständigen Gemeinden beziehungsweise Ortsteilen mit jeweils mehr als 2000 Einwohnern eine stationäre Poststelle betreiben. In größeren zusammenhängend bebauten Gebieten müsse gewährleistet sein, dass eine Filiale in einer Entfernung von maximal zwei Kilometern erreichbar ist.

Wo sich kein geeigneter Betreiber finde, werde sie vorübergehend selbst geführt. „Solche Interimsfilialen sind für Kunden und für uns keine ideale Lösung, denn sie können meist nicht wirtschaftlich betrieben werden und sie können auch nicht die Öffnungszeiten bieten, die eine von einem Einzelhändler in seinem Geschäft betriebene Filiale bieten kann. Eine Post-Partnerfiliale muss werktäglich und ganzjährig geöffnet sein.“ Trotz des gesellschaftlichen Wandels würden stationäre Anlaufstellen wichtig bleiben, in der Stadt und auf dem Land. Auf Christine Geigers Kritik geht der Sprecher übrigens nicht ein.

Gewerkschaft Verdi übt scharfe Kritik an der Deutschen Post

Robin Faber von der Gewerkschaft Verdi bestätigt jedoch, dass die Post spare, wo es nur gehe. Gemessen an der Vielzahl der Probleme im Konzern hätten die Filialen daran nur einen kleinen Anteil. Es sei eine Frechheit, dass der Staat einen großen Aktien-Anteil am Unternehmen halte und zulasse, dass es tariflose Tochterfirmen gebe oder die Post die Paketzustellung am liebsten outsourcen und die Ausbildung aufgeben würde. Auch nähmen es angelernte Kräfte mit vielem nicht so genau. Aber der Staat verdiene mit an Gewinnen der Post.

Lesen Sie auch den Kommentar von Christian Kirstges:

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