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Burgau

01.10.2016

Robatherm verlagert Sitz nach Jettingen-Scheppach

Die Firma Robatherm verlagert ihren Sitz nach Jettingen-Scheppach. Das Verwaltungsgebäude in Burgau (Foto) wird dann nicht mehr benötigt
Bild: Bernhard Weizenegger

Das Burgauer Traditionsunternehmen verlegt fast alle Jobs und Gewerbesteuern auf die andere Seite der A8 nach Scheppach. Was sagt das über den Standort Burgau aus?

Es ist für Burgau fatal: Der Bauausschuss Jettingen-Scheppach hat vor zwei Wochen mit dem Ja zur Ansiedlung weiterer Teile des Unternehmens Robatherm den Weg für eine fast vollständige Verlagerung frei gemacht. Denn wenn die Firma voraussichtlich im Sommer 2018 ihr neues Verwaltungsgebäude auf dem Betriebsgelände an der Autobahn im Ortsteil Scheppach bezieht, wird das Burgauer Traditionsunternehmen im Grunde genommen genau das nicht mehr sein. Denn während es auf der anderen Seite der A8 dann gut 500 Arbeitsplätze haben wird, bleiben in der Markgrafenstadt nur 60 in der Produktion übrig. 120 Verwaltungsjobs und damit der Sitz werden abwandern. Gut 80 Prozent der Gewerbesteuer wird dann in Jettingen-Scheppach gezahlt, jährlich soll es ein siebenstelliger Betrag sein. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 hatte Robatherm noch 350 Stellen in Burgau.

In einem Interview mit unserer Zeitung hatte der Geschäftsführende Gesellschafter Albert Baumeister 2013 gesagt, dass der Hersteller raumlufttechnischer Geräte viel zu lange mit Burgau verbunden gewesen sei: „Dass die Stadt kein Interesse an uns zeigte, war das Beste, was sie tun konnte. Dagegen hat uns die Marktgemeinde Jettingen-Scheppach unglaublich unterstützt – ganz anders als Burgau.“ Auch jetzt sagt Baumeister, dass es seit Jahren keine Gespräche mehr mit Bürgermeister Konrad Barm gegeben habe. Dabei sucht das Unternehmen nach wie vor Flächen – „Burgau brauchen wir (dafür) nicht mehr“. In Jettingen-Scheppach soll hingegen auch künftig weiter investiert werden. Baumeister betont, dass er nicht nachtragend sei, doch letztlich wirkt sich heute aus, dass die Stadt vor einigen Jahren der nach Expansionsflächen suchenden Robatherm keinen adäquaten Platz anbieten konnte, das persönliche Gespräch offenbar gefehlt und der damalige Vize-Bürgermeister Hermann Mühlbauer, heute noch immer Ratsmitglied, mit einem Satz Vertrauen verspielt hatte: „Zugvögel soll man ziehen lassen.“

Das heutige Verwaltungsgebäude wird das Unternehmen künftig nicht mehr nutzen, es vielleicht vermieten. Dass die Stadt, dass Konrad Barm – „wer ist gerade eigentlich Bürgermeister?“, sagt Baumeister sarkastisch dazu – auch jetzt noch nicht auf ihn zugekommen sei um die künftige Nutzung auszuloten, kann Baumeister auf der einen Seite nicht verstehen. Auf der anderen ist ihm aber klar: „Er kann es nicht. Er ist einfach kein Bürgermeister.“

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Auch andere Firmen investieren beim Nachbarn

Fakt ist, dass beispielsweise auch die frühere Petra-Electric und spätere WMF Consumer Electric ihren Standort in Burgau aufgab, die Produktion ins Ausland verlagern wollte – aber Verwaltung, Entwicklung und Verkauf nach Scheppach umsiedelte. Auch der Rollladenhersteller Roma, ein weiterer großer Arbeitgeber in der Stadt, will auf der anderen Seite der A8 bauen. Zwar wurde weiter in den Sitz Burgau investiert, aber nun entsteht in Scheppach eine Logistikhalle.

Schlecht für den Standort Burgau sei auch, findet Baumeister, dass in die neuen Gewerbegebiete nur kleine Unternehmen mit wenig Arbeitsplätzen kommen, es auf absehbare Zeit keine weiteren großen Flächen mehr gebe und in der Vergangenheit Fehler gemacht worden seien. So verbrauche etwa das Hagebau-Logistikzentrum viel Platz, habe aber nur wenige Jobs und verursache viel Verkehr. Insgesamt habe Burgau zwar Glück, dass es (noch) namhafte Firmen gibt, doch das sei nicht einer bewussten Ansiedlungspolitik zu verdanken. Es liege nur daran, dass Unternehmen größer wurden. Doch die Stadt schaffe keine Voraussetzungen für weiteres Wachstum, egal ob für bestehende oder neue Firmen. Auf der städtischen Internetseite stehen nicht einmal Informationen für Ansiedlungs- beziehungsweise Bauwillige, auf der von Jettingen-Scheppach sind sie auf der Startseite verlinkt.

Firmen hatten noch keinen Kontakt zur Stadt

Das bedeutet nicht, dass es in Burgau keine neuen Firmen gibt. So hat sich die 2015 gegründete Ellzeer Firma Solar Max, die unter anderem spezielle Geräte für Solarstromanlagen entwickelt, produziert und vertreibt, in einer Ex-Petra-Electric-Halle angesiedelt – auf eigene Initiative. Anton Spengler, Geschäftsführer am Standort Burgau, sagt aber, dass es noch keinen Kontakt zur Stadt gegeben habe. Das sagt auch Stefan Offermann, Geschäftsführender Gesellschafter bei BWF in Offingen. Der Unternehmenszweig Thermoforms benötigt Platz zur Expansion und mietet sich in einer früheren Petra-Electric-Halle ein. Die Stadt habe sich noch nicht bei ihm gemeldet, bedauert Offermann. Innerhalb Burgaus ist das Schmuckgeschäft Perlenecke samt Versicherungsagentur umgezogen, die Stadtstraße soll belebter werden. Zu Verwaltung oder Rat habe es keinen Kontakt gegeben, kritisiert Inhaber Stephan Schwarz. Auch nach der Eröffnung „hat sich keiner blicken lassen“. Woanders sei man „nicht so schwerfällig“. Trotzdem sei Burgau für sein Geschäft eine gute Adresse.

Die Firma BSB, die sich vergrößern will, möchte sich auf Anfrage unserer Zeitung nicht äußern. Hagebau spricht von einem Austausch mit der Stadt, äußert sich aber grundsätzlich nicht zu Details. Die Firma Roma erklärt unter anderem auf die Frage, ob in Burgau weitere Investitionen geplant sind und der Sitz erhalten bleibt, nur: Dazu gebe es keine endgültige Entscheidung.

Ein großes Lob für die Stadt

Andere Unternehmer attestieren der Stadt, sie zu unterstützen. Dazu gehört beispielsweise der gebürtige Burgauer Robert Manhardt, der gerade am alten Finanzamt ein Wohn- und Geschäftshaus baut. Ein großes Lob spricht er Bürgermeister, Stadtbaumeister und Stadtrat aus. „So eine Zusammenarbeit wie mit ihnen findet man nicht oft“, hatte er im vergangenen Jahr gesagt. Auch Torsten Klimmer, Geschäftsführender Gesellschafter des Robatherm-Nachbarn Klimmer GmbH in Burgau, ist zufrieden. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zur Stadt“, sagt der Chef des Unternehmens für Stanz- und Umformtechnik. Es gebe einen direkten Draht zu Bürgermeister, dessen Vize und dem Bauamt. Die Stadt habe auch schon Flächen in Unterknöringen angeboten, doch lieber wäre Klimmer eine Erweiterung in Nähe des bisherigen Standorts – doch dort liegen die verfügbaren Flächen im Hochwassergebiet. Das Problem liege eher beim Wasserwirtschaftsamt und dem Kreis, weil sich in Sachen Flutschutz noch nichts getan habe. Würde Robatherm in Burgau Flächen abgeben, hätte sich dieses Problem gelöst, ansonsten käme langfristig eine Erweiterung in Knöringen oder im geplanten interkommunalen Gewerbegebiet in Röfingen infrage – aber definitiv keine Aufgabe des Stammstandorts Burgau.

Die Kritik an der Stadt kann auch Pierre Sauer nicht nachvollziehen. Der Vorsitzende des örtlichen Handels- und Gewerbevereins (HGV) ist mitverantwortlich für die Revitalisierung von Lammbräu. Verwaltung und Rat seien interessiert daran, dass sich in der Stadt etwas tut, sagt der Unternehmer, und suchten den Kontakt zu den Geschäftsleuten. Auch bei der Suche nach dem Grundstück für eine Braugaststätte für Lammbräu, das künftig wieder in Burgau hergestellt werden soll, sei die Verwaltung behilflich. Er sieht eine gute wirtschaftliche Dynamik in der Stadt, was sich nicht zuletzt an den guten Gewerbesteuereinnahmen zeige. „Letztlich ist es die Hauptsache, dass Firmen und die Arbeitsplätze in der Region bleiben“, sagt Sauer. In welchem Ort sei zweitrangig – allerdings ist der Sitz nun einmal wichtig für die Gewerbesteuer. Der HGV-Vorsitzende ist jedenfalls optimistisch, dass sich in der Stadt etwas tut, auch in der Altstadt. Mit dem geplanten Café am Kirchplatz, dem Umzug der Perlenecke oder der neuen Bäckerei an der Mühlstraße gebe es Indizien dafür.

Die Eröffnung hat sich für eine Bäckerei gelohnt

Deren Chef Robert Miller, der das Hauptgeschäft in Edelstetten und eine weitere Bäckereifiliale führt, ist auch zufrieden. Er würde wieder nach Burgau kommen. „Es hat sich gelohnt“, sagt er. Hingegen musste Christine Vogt aus Gundelfingen ihre Bäckereifiliale gegenüber der Kapuziner-Halle kürzlich aufgeben, weil der Umsatz nach 15 Jahren nicht mehr stimmte. Letztlich liege das aber am Druck auf Handwerksbäcker generell. Und Vermieterin Christine Vogele ist guter Dinge, die Räume bald beleben zu können, Interessenten gebe es viele. Dass in der Stadt viele Läden leer stehen oder nicht mehr als Geschäft genutzt werden, liege auch nicht an Burgau allein, sagt Perlenecken-Geschäftsführer Schwarz. Viele Eigentümer investierten nicht, verlangten einen horrenden Preis oder wollten schlicht nicht vermieten. Aber die Stadt müsse etwas tun, damit sich etwas ändert und noch jemand nach Burgau kommen will.

Doch woran liegt es, dass sich gerade in Jettingen-Scheppach so viele Unternehmen ansiedeln oder vergrößern? Hans Reichhart, Bürgermeister der Marktgemeinde, sagt, dass die Ungewissheit, ob sich die Investitionen in ein neues Gewerbegebiet lohnen, lange eine Last gewesen sei. „Wir können ja nur die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Arbeitsplätze entstehen“, betont er. Doch jetzt habe sich alles zum Guten entwickelt. Für ihn ist die Mischung aus großen und kleinen Firmen wichtig, die sich noch entfalten – und der Branchen. Auch ansässige Betriebe müssten Möglichkeiten zum Vergrößern bekommen. Wichtig sei, dass der Kontakt zu den Firmen nach dem Vertragsabschluss nicht abreißt. Ihn zu erhalten erfordere viel Zeit, „aber das ist meine Aufgabe, das ist mein Leben“. Und letztlich sei die gute Entwicklung ein Verdienst aller in Verwaltung und Rat.

Barm ist der Kontakt zu den Firmen wichtig

Auch Burgaus Bürgermeister Konrad Barm betont, dass es in der Stadt einen engen Kontakt zu den Firmen gebe. „Würden wir uns nicht kümmern, wäre unsere wirtschaftliche Entwicklung nicht so gut“, sagt er. Mehr als neun Millionen Euro Gewerbesteuer für eine 9500-Einwohner-Stadt könnten sich sehen lassen sowie mehr als 900 Gewerbe- und Industriebetriebe auch. Natürlich sei die Ansiedlung einer großen Firma wünschenswert, aber viele kleine hätten letztlich genau so viele Arbeitsplätze und seien für den Standort krisensicherer als ein großer Arbeitgeber, daher sei jedes kleine neue Unternehmen auch ein Gewinn für die Stadt.

Barm ist ein Befürworter der interkommunalen Zusammenarbeit, um bestehen zu können – auch weil Burgau nicht unendlich viele Flächen habe. Ansprechpartner für die Wirtschaft sei er selbst sowie das Bauamt und die Kämmerei, denn wegen ihrer Größe könne sich die Stadt keinen Wirtschaftsbeauftragten leisten. „Wir pflegen den Kontakt“, aber angesichts so vieler Betrieb gelinge es mit wenig Personal nicht, ständig präsent zu sein. Gegenüber Robatherm gebe es keine Vorbehalte, sonst wäre fürs Eisstadion auch keine Klimatechnik dieser Firma installiert worden. Zudem hätte sich Barm gefreut, wenn Baumeister auch auf ihn zugekommen wäre, die Gesprächsbereitschaft sei gegeben. Die Verlagerung bedauert er sehr, denn sie könne so nicht kompensiert werden.

Einen kleinen Trost hat Robatherm-Chef Baumeister zumindest: Die 60 Stellen in der Produktion in Burgau sind erst einmal gesichert. Den Standort Burgau komplett aufzugeben plant er nicht, gerade wurden erst 2,5 Millionen Euro in eine neue Anlage investiert. Aber was in ein paar Jahren ist, könne er jetzt noch nicht sagen.

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