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20.03.2010

Napoleons Braut logierte im Ulmer Regierungspalais

Es war eine Geschichte, wie sie sich ein Drehbuchautor nicht hätte besser ausdenken können: Eine 18-jährige Prinzessin wurde gezwungen, einen einundvierzigjährigen Herrscher zu heiraten, den Sie abgrundtief hasste. Es war dies die blutjunge Habsburgerin Marie-Louise, die Kaiser Napoleon, den sie noch nie zuvor im Leben gesehen hatte, zur Frau gegeben wurde. Auf der Kutschenfahrt von Wien nach Paris logierte die habsburgische Prinzessin heute vor 200 Jahren im prächtig dekorierten Regierungspalais bei der Ulmer Dreifaltigkeitskirche.

Unter dem Druck Napoleons hatte Marie-Louises Vater als letzter deutscher Kaiser Franz II. 1806 die Krone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation niederlegen müssen und war seitdem als Franz I. "nur" noch der Kaiser von Österreich. Unter den Zeichen dieser, die Macht der Habsburger fundamental erschütternden Ereignisse, war die 1791 geborene Marie-Louise aufgewachsen. Als Kind hatte sie zusammen mit ihrem Bruder Franz Karl eine Holzpuppe malträtiert, getreten, geohrfeigt und in die Ecke geworfen, die "Buonaparte" hieß.

Die Prinzessin fügte sich in ihr Schicksal

Den Kaiser der Franzosen bezeichnete sie voll Hass als "Menschenfresser" und "Usurpator," 1805 und 1809, als sie in aller Eile zusammen mit ihrer Familie aus Wien vor den heranrückenden französischen Armeen hatte fliehen müssen. Napoleon aber hatte ein Problem: Er brauchte, um die Thronfolge seiner Dynastie zu sichern, einen Erben, den ihm seine erste Frau Josephine seit einem Sturz vom Balkon nicht mehr zu gebären imstande war. Aus diesem Grund ließ er sich Ende 1809 "zum Wohle Frankreichs", scheiden und machte sich auf die Suche nach einer neuen Frau aus höchstem europäischem Adel. Die 18-jährige Prinzessin selbst, die zeit ihres Lebens daran gewöhnt war, zu gehorchen, wurde nicht groß gefragt und fügte sich in ihr Schicksal.

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Am 11. März wurde in der Wiener Augustinerkirche die Prokura-Trauung vollzogen. Noch am selben Tage bestieg sie die prachtvolle Hofkutsche, die sie in die Hauptstadt des "Menschenfressers" bringen sollte. Die weitere Fahrt durch Bayern glich einem Siegeszug. In Münchens Gassen erblickte Marie-Louise ein Transparent, das eindrucksvoll die ganzen Hoffnungen symbolisierte, die mit der Heirat nach so vielen Jahren des Krieges einhergingen: Inmitten des napoleonischen Adlers und des österreichischen Doppeladlers ruhte im tiefsten Frieden der bayerische Löwe.

Ein hell erleuchtetes Ulmer Münster

Am Abend des 19. März schließlich rollte der aus 36 Prachtkarossen bestehende und von mehreren Eskadronen Kavallerie begleitete Konvoi über die alte Ulmer Herdbrücke auf das Herdbruckertor zu (die Schultes-Chronik nennt irrtümlicherweise den 11. März). Ganz Ulm samt dem ehrwürdigen Münster waren auf behördliche Anordnung eigens zu ihrem Empfang hell erleuchtet worden. Das gegenüber der Dreifaltigkeitskirche gelegene Regierungspalais, eines der schönsten Gebäude des alten Ulm, in dem die junge Habsburgerbraut übernachtete, war von Kunsthandwerkern in eine antike Tempelfassade verwandelt worden. Im Inneren war alles auf das Prächtigste dekoriert und vorbereitet, wozu Möbel und Silber vom Grafen Karl Leopold von Stain aus Niederstotzingen ausgeliehen worden waren. Die Liste der eigens zu diesem Zweck nach Ulm entliehenen Luxusaccessoires ist bis auf den heutigen Tag im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv erhalten. Marie-Louise selbst berichtete über das Geschehen in einem Brief an ihren Vater, Kaiser Franz: "Wie erstaunten wir aber nicht, als wir anstatt um 5 Uhr um 11 Uhr in Ulm ankamen. Ohne etwas zu genießen, legte ich mich in's Bett, weil wir den andern Tag schon früh fortmußten...".

Auf dem weiteren Weg nach Paris schickte ihr Napoleon neben zärtlichen Liebesbriefen fast täglich frische Blumen, selbst geschossene Fasane und einen kostbaren Pelzmantel, den ihm der Zar von Russland geschenkt hatte. Acht Tage nach ihrer Einfahrt in Ulm erreichte die junge Habsburgerin den Wald von Compiègne nahe Paris. Plötzlich erhielt die Kutsche ein Zeichen zum Anhalten, die Tür ging auf und Napoleon, der nicht nur auf dem Schlachtfeld gerne Überraschungen bereitete, küsste seine junge Braut.

Da er sich fortan rührend um seine neue Frau kümmerte, war die Ehe wider Erwarten eine Glückliche und bereits 1811 wurde mit dem "König von Rom" der erhoffte Thronfolger geboren. Der Umstand, dass Napoleon jetzt sein Schwiegersohn war, hinderte Kaiser Franz keineswegs daran, ihm 1813 im Bund mit allen europäischen Großmächten erneut den Krieg zu erklären und diesmal zu besiegen. Marie-Louise blieb, was sie von Anfang an gewesen war: eine ausführende Majonette im Spiel der politischen Interessen.

Nach dem Sieg der Alliierten wurde sie zusammen mit ihrem Sohn nach Wien gebracht und es wurde dafür gesorgt, dass sie den entmachteten Napoleon nie wieder sah. Dieser erklärte Wille Metternichs wurde der Ex-Kaiserin versüßt, indem man ihr den Grafen Neippberg als Liebhaber zuführte.

Ausstellungen An die französische Kaiserin aus dem Hause Habsburg erinnern diesen Sommer gleich zwei eindrucksvolle Ausstellungen: im Wiener Schloss Schönbrunn "Napoleons und Marie Louise - 200 Jahre Kaiserhochzeit in Wien und Paris" sowie in Compiègne "1810, the politics of love Napoleon I. and Marie-Louise in Compiègne."

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