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Illertissen

06.11.2018

Nazi-Vorwürfe: "Gastraum"-Chef trennt sich von Geschäftspartner

Auf der Website „Allgäu rechtsaussen“ wird der Mitbetreiber des „Gastraums“ als „Nazi-Rocker“ bezeichnet. 
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Auf der Website „Allgäu rechtsaussen“ wird der Mitbetreiber des „Gastraums“ als „Nazi-Rocker“ bezeichnet. 
Bild: Quelle: „Allgäu rechtsaussen“; Repro: caj

Plus Auf einer Website wird der Mitbetreiber des Lokals Gastraum in Illertissen als rechtsradikal geoutet. Der lässt das so nicht stehen – doch es führt zum Zerwürfnis.

Die Betreiber des Lokals Gastraum in der ehemaligen evangelischen Kirche in Illertissen gehen geschäftlich getrennte Wege: Betriebswirt Oliver Rieger will das aufsehenerregende Lokal künftig alleine führen. Im Hintergrund steht ein Bericht des Online-Portals „ Allgäu rechtsaussen“, in dem sein bisheriger Kompagnon Philipp M. als rechtsextremer Aktivist bezeichnet wird. Von einem „Nazi-Rocker“ ist die Rede. Es geht darum, dass M. in der Band „Act of Violence“ (Gewalttat) spielte, vorgeworfen werden ihr Gewaltaufrufe, nationalsozialistische und antisemitische Texte. Das war für Rieger Grund genug, die Verbindung zu seinem Geschäftspartner zu kappen: „Als ich das gehört habe, habe ich fast einen Blutsturz bekommen“, sagt der 50-Jährige, der nach eigenem Bekunden nie etwas anderes als die Grünen gewählt hat. Für ihn ist klar: „M. ist raus.“

Ein grimmiger Barkeeper wacht im „Gastraum“: Diese Statue hält eine Flasche Bier umklammert. Zu trinken gibt es aber auch Cocktails und Wein.
Bild: Jens Carsten

Der Name wurde vom Türschild radiert, das gemeinsame Foto von der Website entfernt. Rieger wird seinen Ex-Partner wohl auszahlen, beide haben viel Geld investiert. Die Trennung ist aus Riegers Sicht unternehmerisch riskant – aber moralisch ohne Alternative: Der gute Ruf des Gastraums stehe auf dem Spiel, es gehe um die Zukunft des Lokals. Die „Nazi-Vorwürfe“ gegen M. hätten sich negativ aufs Geschäft ausgewirkt, so Rieger.

Mitbetreiber des Gastraum: Bericht ist "völlig überzogen"

Was sagt der Betroffene dazu? „Völlig überzogen und unfair“ sei der Bericht, äußert sich M. auf Anfrage dazu. Ihn als „Neonazi“ darzustellen, sei falsch, „ein absoluter Blödsinn“. Aus seiner politisch rechten Einstellung mache er keinen Hehl, sagt M. Näher ausführen wolle er das nicht. Auch in der fraglichen Band habe er einige Zeit gespielt, ohne jedoch alle deren umstrittene Texte zu kennen. Er habe nie Gewalt angewendet oder dazu aufgerufen: „Davon distanziere ich mich klar.“ Jeder könne sich mal „auf dünnes Eis begeben“, sagt M. zu seiner musikalischen Vergangenheit. „Ich bin nicht radikal.“ Der Gastraum sei als weltoffener Treffpunkt konzipiert worden, Gäste aus vielen Ländern seien dort empfangen und bewirtet worden. Dass damit für ihn nun Schluss ist, bedauere er sehr. Er verstehe, dass Rieger seine Einstellung nicht teile: „Oli hat in vielen Punkten andere Ansichten.“ Streit über die Trennung gebe es nicht.

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Von außen sieht das Lokal noch nach Kirche aus. Das Gebäude wurde entwidmet.
Bild: Jens Carsten

M. erhebt Vorwürfe gegen die Website, die über ihn berichtete. Mehrfach sei sein voller Name genannt worden, obwohl er sich strafrechtlich nichts zu schulden habe kommen lassen. Es sei wohl das Ziel des Autors gewesen, „mich zu zerstören“, sagt M. Er habe sich nach der Veröffentlichung überlegt, aus Illertissen wegzuziehen. So weit kam es dann doch nicht. „Die meisten Leute kennen mich so wie ich bin.“ Seinen vollen Namen will M. nicht in unserer Zeitung lesen. „Ich bin gestraft genug“, glaubt er.

Vorwürfe: Illertissen spricht über den Gastraum

Mehrere Menschen hatten die Ausführungen über M. bei „Allgäu rechtsaussen“ gelesen. In Illertissen wurde darüber gesprochen. Die Lehrer einer örtlichen Schule hätten die Buchung des Gastraums für ihre Weihnachtsfeier storniert, sagt Rieger, der nach der Trennung die Geschäfte fortan alleine führen muss. Jetzt soll ein Neufang her.

Der Gastraum hatte im Frühjahr dieses Jahres eröffnet, zuvor war das ehemalige Gotteshaus mehrere Monate lang umgebaut worden. Die Betreiber legten Wert auf Details: Im Kirchenschiff fanden Bibliothek, Tischkicker und Kaminofen Platz. Blickfang ist die ausladende Bar samt Ziegeln im viktorianischen Stil. „Wir wollten Illertissen etwas besonderes bieten“, sagt Rieger. Die Hotelzimmer sind mit Requisiten wie Sprossenwand, Jägersitz und Ludwig-Erhard-Foto liebevoll ausstaffiert. Draußen gibt es einen Biergarten.

Über seinen ehemaligen Kompagnon, einen alteingesessenen Illertisser und zweifachen Familienvater, sagt Rieger: „Er ist eine ganz liebe Person, aber was er da gemacht hat, ist Mist.“ Aufgefallen sei ihm die politisch rechte Haltung zuvor nicht, sagt Rieger. Außer einmal. Als es darum ging, einen Asylbewerber als Küchenkraft einzustellen. M. sei dagegen gewesen. „Aber so reden heutzutage leider viele.“

Ein Schicksalsschlag für den Gastraum

Mit großen Hoffnungen und viel Elan waren die beiden Geschäftspartner gestartet. Aber schon kurz nach der Eröffnung begannen schwere Zeiten, sagt Rieger. Der Koch verletzte sich und fiel aus. Ein Schicksalsschlag für Rieger, der seine Gäste mit kleiner, feiner Küche überzeugen wollte. Er und seine Frau sprangen ein – stellten sich in die Küche und bedienten. „Aber wir kamen auf keinen grünen Zweig.“ Man sei eben nicht vom Fach. „Gastronomie ist ein Kampf.“

Ein Hotelzimmer ist im Stile einer alten Turnhalle gehalten.
Bild: Jens Carsten

Und dann waren da die Lärmbeschwerden, die Polizei fuhr öfter mal vor. Rieger ist überzeugt, dass der Ärger von einer einzigen Anwohnerin ausgeht. Andere Nachbarn hätten kein Problem. Ob es tatsächlich zu laut ist? Rieger ist skeptisch: „Wenn die Polizei vor der Tür steht, jagt mir das einen Schrecken ein.“ Er wolle sich ein Lautstärkemessgerät zulegen, um auf Nummer sicher zu gehen. Häuften sich ungerechtfertigte Beschwerden, will er möglicherweise dagegen angehen.

Eine Kneipe soll der Gastraum künftig nicht mehr sein, nur noch Veranstaltungsort. Für Versammlungen, Konzerte, private oder geschäftliche Feiern. Und für Hochzeiten. Dieses Wirtschaftsfeld will sich Rieger nun erschließen. Kürzlich war er bei der Hochzeitsmesse in Ulm, hat für den Gastraum geworben und Faltblätter verteilt. Die Nachfrage sei da, 2019 dürften einige Hochzeiten in der ehemalige Kirche stattfinden. Doch jetzt stehe erst einmal das Weihnachtsgeschäft bevor: „Wir sind fast ausgebucht“, sagt Rieger. Und M.? Bei seinen Gefühlen ist der alleinige Geschäftsführer hin- und hergerissen. Groll sei dabei, aber auch Mitleid. „Ich will böse auf ihn sein, aber andererseits hat er einfach oft überfordert gewirkt.“ Rieger hofft, dass der Ärger bald ausgestanden ist, ohne Anwälte oder Rechtsstreit. Und das der Gastraum trotz allem auflebt. Wie es konkret weitergeht? „Es bleibt spannend“, sagt Rieger.

Wie der Gastraum eröffnete. Mehr darüber lesen Sie hier: Wenn das Gotteshaus zur Bar wird.

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