Illertissen

04.08.2015

Plötzlich verwandt

Mehr als zehn Jahre lang waren Teri Gentri (Zweite von links) und Karla Boone (Zweite von rechts) aus den USA auf der Suche nach Verwandten. Ein Foto führte die Schwestern nach Illertissen zu Großcousin Josef Steinle und dessen Ehefrau Helga.
Bild: Madeleine Schuster

Im Nachlass ihres Großvaters entdecken zwei Amerikanerinnen ein altes Familienfoto. Es führt sie zu den Steinles nach Illertissen – und offenbart ein uraltes Familiengeheimnis.

Mehr als zehn Jahre ist es nun her, dass Teri Gentri das alte Schwarz-Weiß-Foto im Nachlass ihres Großvaters gefunden hat. „A lucky break“ – ein glücklicher Zufall, wie die 51-Jährige sagt. In der Amerikanerin aus Apex, einer Stadt in North Carolina, hat es die Neugier geweckt. Gemeinsam mit ihrer Schwester Karla Boone begab sie sich auf die Suche nach ihren Verwandten. Dass sie diese einmal auf das Sofa von Helga und Josef Steinle in Illertissen führen würde, ahnten die Geschwister zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

„Wir hatten nicht viele Anhaltspunkte, nur den Namen unseres Großvaters“, sagt Teri. Ihre dunkelblonden Haare hat die 51-Jährige zu einem Zopf zusammengebunden. Ihre Augen funkeln. „Und jetzt sind wir hier bei Helga und Josef in Illertissen.“ Sie lacht. „A miracle“ – ein Wunder. Josef sei ihr Großcousin, klärt Schwester Karla auf.

Vor wenigen Tagen erst haben die Steinles ihre neu gewonnen Familienmitglieder aus den USA vom Bahnhof in Ulm abgeholt. 24 Stunden waren Teri und Karla da schon unterwegs. Das erste Treffen mit Josef und Helga Steinle sei dennoch „amazing“ gewesen – ganz wunderbar. „Wir waren uns schnell vertraut“, fügt Josef Steinle an. Die Verständigung funktioniert mit Händen und Füßen und ein paar Brocken englisch. Dass er Verwandte in den USA habe? Steinle schüttelt den Kopf. Nein, davon habe er nichts gewusst. Auch das alte Schwarz-Weiß-Foto, das Teri jetzt auf dem Wohnzimmertisch abgelegt hat, sieht Steinle zum ersten Mal. Neben Herbert Steinle ist auch Josefs Großvater Matthäus darauf zu sehen. „Es dürfte eines der letzten Bilder sein, auf denen die Brüder gemeinsam abgebildet sind“, erzählt Teri.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

In den späten 1920er-Jahren wanderte „Grandpa Herbie“, wie Teri und Karla ihren Großvater liebevoll nennen, von Deutschland in die USA aus. 16 Jahre alt sei er damals gewesen. Eine Zeit lang lebte er dort in New York. „Aber er hat uns nie erzählt, wo er geboren und aufgewachsen ist“, sagt Teri.

Über Recherchen im Internet haben die Schwestern jahrelang versucht, mehr über das Leben ihres Großvaters herauszufinden. Warum war etwa der Kontakt zu den Verwandten in Deutschland abgebrochen? Wo hat Herbie seine Jugend verbracht? Den entscheidenden Hinweis fand Teri schließlich in einem Buch, dass sie vor gut einem Jahr ebenfalls im Nachlass des Großvaters gefunden hat. Eine Art Tagebuch, in dem Herbie auch über die Zeit in Illertissen schrieb. Die Puzzleteile fügten sich langsam zusammen.

Über den Kontakt zu Karl Kämmer aus Buch, dessen Homepage Teri durch Zufall im Internet entdeckt hatte, bekamen die Geschwister schließlich die E-Mail-Adresse von Josef und Helga Steinle vermittelt. Erste Kontakte wurden geknüpft und schon bald entstand die Idee, die Steinles in Deutschland zu besuchen. „Vor allem unsere Mutter war sehr aufgeregt“, erinnert sich die 60-jährige Karla, die in Sutton, einer Stadt im Bundesstaat Vermont, lebt. Da die betagte Frau selbst allerdings zu krank sei um weit zu verreisen, habe sie die Aufgabe, den Großcousin kennenzulernen, ihren Töchtern anvertraut.

Mehr als zehn Jahre, nachdem Teri Gentri ein Foto ihres Großvaters in einer Box voller alter Bilder entdeckt hat, kommen sich die Verwandten langsam näher. Die Schwestern erzählen von ihrem Leben in den USA, die Steinles haben ein straffes Besichtigungsprogramm auf die Beine gestellt: Ulmer Münster, Schloss Neuschwanstein, Bodensee, eine Fahrt durch die Alpen und natürlich eine Rundtour durch Illertissen. Den Amerikanern gefällt’s. „Illertissen ist eine schön Stadt“, sagt Karla. Das Klima sei ähnlich wie in ihrer Heimat Vermont.

Karla ist es auch, die erzählt, warum Herbert Steinle vor mehr als 90 Jahren Illertissen verließ und den Kontakt zu seiner Familie verlor. „Er hat einem seiner Brüder bei der Arbeit den Finger abgeschnitten.“ Ein Unfall, für den sich Herbie so sehr grämte, dass er Zuflucht in einem neuen Land suchte – ohne sich von seiner Familie zu verabschieden. Nur einmal sei er nach Illertissen zurückgekehrt. „Kurz vor seinem Tod 1971“, sagt Teri. Seine Heimat aber war Herbie in all den Jahren fremd geworden. „Das alte Bauernhaus, in dem die Familie gelebt hat, gab es nicht mehr.“ Teri Gentri lächelt. Auch wenn die Stadt in ihrem Großvater keine Heimatgefühle mehr hervorrief – die 51-Jährige ist froh, sie endlich gefunden zu haben.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren