Barocksaal

18.04.2011

Slawisches Empfinden

Mit viel Beifall und Blumen bedacht wurde das Schostakowitsch-Trio beim Konzert im Illertisser Barocksaal.
Bild: Foto: ch

Schostakowitsch-Trio musiziert in Illertissen mit glühender Leidenschaft

Illertissen Für die Konzertreihe „Musik im Schloss“ hatte ein Mitglied des Freundeskreises die Begegnung mit dem in Nürnberg ansässigen Schostakowitsch-Trio angeregt. Jetzt trat es mit Tatiana Shapiro, Klavier, Mischa Sinelnikov, Violine und Sascha Shapiro, Cello, im voll besetzten Illertisser Barocksaal auf. Die aus der Ukraine stammenden Künstler musizieren in dieser Besetzung seit 14 Jahren zusammen. Schon lange zuvor hatten sie sich als Spezialisten ihrer Instrumente einen Namen gemacht.

Triebkraft des Klaviers

Bei allen Kammermusikbesetzungen mit Klavier spielt das Tasteninstrument eine tragende Rolle und auch beim Schostakowitsch-Trio geht die Triebkraft vom Klavier aus. Hingebungsvoll, mit enormer Intensität, aber auch mit kühnem Schwung stellte die Pianistin in Antonin Dvoraks berühmten Dumky-Trio ernst-schwermütige und freudvoll-ausgelassenen Klänge in den Raum. Die charakterisieren in ihrem ständigem Wechsel den folkloristischen Dumka-Tanz. Dvorak, der hier auf urslawisches Gedankengut zurückgreift, überhöht sie künstlerisch und baut ausschließlich aus ihnen eine national gefärbte Komposition, die in ihrer rhapsodischen Art auf die üblichen Formen einzelner Sätze verzichtet. Die Streicher ergänzten die von der Partnerin leidenschaftlich und mit großer Anschlagskultur vorgezeichneten Stimmungen durch eigene charakteristische Farben in musikantischen Zwiegesängen und spielten dabei mehr als nur Routine aus.

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Überzeugend im Ausdruck vermittelte der Cellist die schwelgerische Kantilene des vierten Satzes, die nach dem schnellen Trio erneut beglückte. Da und dort schlichen sich auch ein paar unsaubere Intonationen ein. Entfesselte Leidenschaft vermittelte der letzte Satz mit dem Zitat einer prägnanten Volksweise, die vor allem die Violine spitzig und temperamentvoll abwandelte.

Ähnlich forsch draufgängerisch begannen die Interpreten auch Schuberts geniales B-Dur-Trio, eine seiner größten Eingebungen überhaupt. Das stand im gewissen Gegensatz zum Charme, zur Beschwingtheit des Werkes, das in dieser Form nicht in Wien, sondern einige Hundert Kilometer weiter östlich verwurzelt schien. So stürzte die stürmische Bewegung in die mehrfach eingestreuten Generalpausen, die dadurch ihre Bedeutung als Zwischenglieder verloren. Erst im zweiten Satz stellten sich bei beseligendem Duettieren der Streicher im wundersam modulierenden Thema Momente berückender Schönheit ein. Das Scherzo litt wieder durch zu robusten Ansatz.

Dem Namen Schostakowitsch -Trio wurden die Gäste zum Schluss gerecht, als sie mit dem letzten Satz aus seinem zweiten Klaviertrio ein mächtiges Klanggemälde vorstellten. Der Komponist handelte auch hier nach der eigenen Erkenntnis, dass Musik ohne einen bestimmten Ideeninhalt nicht wirksam sein könne. In diesem Falle gedachte er, der selbst unter der Willkürherrschaft des ihm verhassten Regimes zu leiden hatte, eines ihm lieb gewordenen, liquidierten jüdischen Freundes. Je eine russische und jüdische Volksweise bilden Keimzellen der Komposition, die sich leidenschaftlich, Klang wühlend bis zum Kulminationspunkt aufschwingt, danach auseinanderzudriften scheint, um sich dann nach immenser Innenspannung zu beruhigen und leise auszuklingen. Hier waren die Gäste, aufs Äußerste gefordert, in ihrem ureigenen Element und sorgten für eine eindrucksvolle Wiedergabe. Ohne ideologische Zwänge beglückte dann noch eine Bearbeitung der unsterblichen „Melodie in F“ von Anton Rubinstein.

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