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Illertissen

12.11.2020

So läuft die Arbeit der Illertisser Tafel zu Corona-Zeiten

Ulrike Tiefenbach (vorne rechts) mit einem Teil der Helfer und Helferinnen der Tafel in Illertissen. Vor allem frisches Obst und Gemüse sind sehr begehrt.
Bild: Alexander Kaya

Plus Die Tafel in Illertissen hat auch während der Corona-Pandemie geöffnet. Wie die Lebensmittel zu den bedürftigen Menschen kommen.

Am Freitagmorgen stehen etwa 20 Menschen vor dem Gebäude der Tafel. Es ist nebelig und kalt, ihr Atem bildet kleine Wolken in der Luft. Viele sind schon lange vor den Öffnungszeiten da und warten, in den Händen leere Plastiktüten.

Ulrike Tiefenbach begrüßt sie mit einem Lächeln hinter der Maske. Die Leiterin ist seit der Gründung der Tafel im Jahr 2004 im Vorstand. Sie war neu nach Illertissen gezogen, fand mit zwei Kindern keine geeignete Arbeit und kümmerte sich um den Aufbau der Tafel. Diese Tätigkeit erfüllt sie bis heute: „Es tut gut, etwas für die Menschen im Umfeld zu tun, nicht nur für sich selbst.“

Tiefenbach verteilt Nummern an die Wartenden, die nach und nach in den Raum dürfen. Das System gab es bereits vor Corona, um Streit zu vermeiden: „Es gab schon mal Gezeter, wer als Erstes rein darf.“ Jetzt hilft es zusätzlich bei der Organisation. Die rund 80 Menschen, die in der Woche zur Tafel kommen, sind auf vier Gruppen verteilt und haben feste Zeiten. Von ihnen dürfen maximal drei gleichzeitig in den Raum und suchen gemeinsam mit Helfern ihre Lebensmittel zusammen. „Von vorgepackten Tüten halte ich nichts“, sagt Tiefenbach. Weil die Tafel als Lebensmittelgeschäft zählt, durfte sie durchgehend geöffnet bleiben.

Die Tafel in der Corona-Krise: Anfangs kamen weniger Kunden

Die Leiterin ist froh, dass das Konzept so gut funktioniert. Anfangs war der Andrang während der Corona-Pandemie weniger geworden. „Viele hatten Angst davor, sich anzustecken“, sagt Tiefenbach. Die Kunden seien aber rasch wiedergekommen. Unter das Tafelteam hätten sich einige neue Gesichter gemischt, wie Tiefenbach erzählt. Der Gemeinschaftssinn in der Pandemie ist groß.

Nach einem Aufruf unserer Zeitung haben sich neue Unterstützer eingefunden, vor allem Studenten und Menschen in Kurzarbeit. Von vielen Unternehmen und Läden gingen Spenden ein, wie etwa eine Lieferung von Hefe und Kartoffelsalat vom Kartoffelhof Dettingen.„Die Solidarität hat geholfen und unserem Team gutgetan“, sagt Tiefenbach.

Welche Produkte in den Regalen der Tafel landen, ist stets unterschiedlich. Manche Firmen aus der Umgebung von Illertissen spendeten Waren, von denen zu viel produziert wurde, wie Tiefenbach erläutert. Der Großteil der Lebensmittel in der Tafel komme jedoch aus Supermärkten. Die Produkte haben ihr Ablaufdatum erreicht, stecken in kaputten Verpackungen oder entstammen Fehlbestellungen.

Hans Faulhaber ist seit zehn Jahren Fahrer bei der Tafel, Otto Bock seit vier Jahren. Von manchen Läden karren die beiden kistenweise Lebensmittel zur Tafel. Bei anderen gibt es weniger, ab und zu auch nichts. „Woran das liegt? Vielleicht am Konzept der Supermärkte“, rätselt Bock. „Oder an ihrer Planung.“

Hier eine Kiste Schokolade, dort ein Wagen Salat: Das holen Helfer bei Supermärkten

Bock und Faulhaber sind zwei Mal im Monat zusammen unterwegs, so auch am Dienstagmorgen. Sie klingeln im Hinterhof des Rewe in Vöhringen. Die Mitarbeiterin, die ihnen entgegenkommt, hat eine kleine Kiste auf dem Arm. Darin häuft sich aussortiertes Gemüse: Karotten, Salat, Paprika. „Mehr habe ich für euch nicht“, sagt sie zu den beiden Fahrern der Tafel Illertissen und zwinkert. Hans Faulhaber lacht laut. „Ja, genau!“, erwidert er, auch die Mitarbeiterin lacht. Natürlich ist noch mehr da. Sie verschwindet im Gebäude und schiebt einen voll beladenen Wagen heraus, dann noch einen, einen dritten, einen vierten.

Illertissen - Illertisser Tafel e.V.
Bild: Alexander Kaya

Das herzliche Miteinander ist ein wesentlicher Grund, warum die beiden Rentner sich bei der Tafel engagieren. „Man kommt bissle raus, es macht Spaß und gibt mir einen anderen Blick auf das Leben“, sagt Bock. Sie sind sich einig, dass die Arbeit ihre Einstellung zu Lebensmitteln verändert hat. „Wenn wir das Essen nicht holen, schmeißen sie es weg. So eine Verschwendung.“

Mit geübten Bewegungen sortieren die beiden matschige Mandarinen aus Netzen, inspizieren Packungen mit Trauben. Schimmelt eine einzige, kommt die ganze Packung in die Tonne. Bock sagt: „Da gehen wir kein Risiko ein.“ Auch fertig gemischte Salate fliegen in den Müll. „Hier ist Hähnchen und Ei drin – und das wurde vielleicht nicht durchgehend gekühlt“, vermutet Faulhaber. Vor dem Lidl-Markt steht für die Fahrer eine Kiste mit Schokolade bereit, vor Kaufland Käse, Minze im Topf und Schnittlauch.

Dieselben Lebensmittel stehen später in den Regalen der Tafel. Vor der Tür wartet ein ungleiches Pärchen: Eine Frau mit türkischen Wurzeln und ein 71-jähriger Rentner. Sie kennen sich durch die regelmäßigen Gänge zur Tafel und haben sich angefreundet. „Die Tafel hilft mir so“, sagt die Frau in gebrochenem Deutsch, ihre braunen Augen strahlen. „Das gute Obst, Joghurt, ab und zu Süßigkeiten – das sind so schöne Sachen.“ Sie komme seit sieben Jahren zur Tafel. Mit ihrem 450-Euro Putzjob könne sie sich und ihre Tochter nur schwer über Wasser halten.

Manche Lebensgeschichten berühren die Helfer besonders

Wie ihr ergehe es vielen anderen Menschen, sagt Tiefenbach. Auch Frührentnern, die durch schwere Arbeit nicht mehr weiterschaffen konnten, Asylbewerbern, Alleinerziehenden, Familien. „Traurigerweise auch manchmal, wenn beide Elternteile arbeiten“, sagt Tiefenbach. Eine Lebensgeschichte sei ihr besonders in Erinnerung geblieben. Eine Frau verlor ihren kranken Mann und konnte die gemeinsame Firma nicht erhalten. Nach der Zwangsversteigerung stand die Frau vor dem Nichts – und kam zur Tafel. „Sie hat mir unter Tränen erzählt, dass sie niemals dachte, einmal auf die Tafel angewiesen zu sein.“

Wenn Menschen sich bei der Tafel anmelden, prüften die Helfer den Einkommensbescheid und gegebenenfalls den Rentenbescheid und die Höhe der Miete. Das sei höchstens ein bisschen mehr als der Sozialhilfesatz, sagt Tiefenbach. Konkrete Grenzwerte gibt es keine: „So ganz streng sind wir nicht.“ Ob durch Corona mehr Leute auf die Tafel angewiesen sind, stelle sich erst noch heraus: „Wenn es im kommenden Jahr eine Arbeitslosenwelle gibt – dann merken wir das auch.“

Mehr über die Arbeit der Tafeln in der Corona-Krise lesen Sie hier:

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