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Dinkelscherben

09.04.2016

Ein kleiner Kunstschatz

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2 Bilder
Die Bleistiftzeichnungen sind etwa 140 Jahre alt.
Bild: Marcus Merk

Ein Skizzenbuch der Künstlerbrüder Scherer aus Ettelried ist aufgetaucht: Die präzisen Bleistiftzeichnungen geben noch so manches Rätsel auf.

Unscheinbar ist das kleine handgebundene Büchlein, das in eine Jackentasche passt. Wer es vorsichtig aufklappt, entdeckt auf dickem Papier mehrere etwa 140 Jahre alte Bleistiftzeichnungen – ein kleiner Kunstschatz, der jetzt im Heimatmuseum Dinkelscherben zu sehen ist. Die Skizzen haben ihren Ursprung im Augsburger Land. Wie sie nach Amsterdam gelangt sind, bleibt ein Rätsel.

In den vergangenen Wochen hatte der Heimatverein Reischenau mehrere Konvolute mit Werken von Joseph Scherer, seinen Brüdern und seinem Neffen erworben. Darunter das Skizzenbuch mit Zeichnungen, die Joseph Scherer wohl Mitte des 19. Jahrhunderts in München fertigte. Auch Alois Scherer könnte es benutzt haben. „Das ist noch unklar“, sagt Konrad Niederhuber, der sich seit vielen Jahren mit den Künstlern beschäftigt. „Nach meiner Erfahrung hat es derjenige benutzt, der es gerade in die Hände bekam.“ Mit exakter Linienführung sind überwiegend Männer porträtiert – richtige Charakterköpfe, die mal von links, mal von rechts mit fotografischer Genauigkeit verewigt wurden. Niederhuber schwärmt: „Sie sind fantastisch ausgearbeitet.“ Auch eine Stadtansicht findet sich im Skizzenbuch und eine Männerrunde an einem Tisch – vielleicht Künstler, die sich bei einem Bier oder Glas Wein austauschen? Auf einer anderen Seite findet sich die Skizze eines Mannes, der am Tisch eingeschlafen ist. War er müde von der Arbeit? Oder hat er zu tief ins Glas geschaut?

Konrad Niederhuber hat in der Vergangenheit das eine oder andere Rätsel um die Scherers gelöst. Jüngstes Beispiel ist ein bemalter Karton, der als Vorlage für eine Glasfensterarbeit diente. Lange war nicht klar, wo sich dieses Fenster befindet. Niederhuber konnte die Vorlage schließlich zuordnen: Umgesetzt wurde sie am Augsburger Dom, wo Joseph Scherer beschäftigt war. Er schuf das untere Rundmedaillon am Passionsfenster, dessen oberer Teil einer Münchner Glasmalerwerkstatt zugeschrieben wird – entstanden sind die oberen Glasarbeiten um 1415. Um das Jahr zeitlich einzuordnen: Damals besiegte der König Heinrich die Franzosen und der Prediger Jan Hus brannte auf dem Scheiterhaufen.

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Mehr als 400 Jahrhunderte später erhielt Joseph Scherer als renommierter Glasmaler den Auftrag, das Passionsfenster im Chorumgang zu restaurieren. Beschriftete Skizzen dazu sind in einem Büchlein erhalten, das ebenfalls in Dinkelscherben zu sehen ist. Wie vielfältig die Künstler aus Ettelried bei der Motivwahl waren, zeigt ein weiteres Skizzenbuch: Darin finden sich das Hinterteil eines Pferds, ein gehörntes Rindvieh, auch ein Reh genauso wie eine Dorfkirche oder eine kolorierte Nürnberger Stadtansicht.

Meistens waren die Skizzen das Gedächtnis der Künstler: Die kleine Erinnerung im Taschenformat war später Vorlage für Glasbilder, Werke in Öl oder auch Fresken. Joseph Scherer beherrschte die große Kunst der Freskenmalerei, wie die im Auftrag König Ottos von Griechenland in der Residenz zu Athen geschaffenen Bilder beweisen.

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