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Landkreis Günzburg

06.05.2020

Marc Hettich über Corona: Lieber Maske tragen als Ärzten die Triage zumuten

Marc Hettich ist Vorsitzender des Krumbacher Kulturvereins. Er spricht über umsichtige Politiker, einen Lügen-Clown und krude Verschwörungstheorien.

Bekannte und weniger bekannte Menschen aus dem Landkreis Günzburg geben an dieser Stelle in jeder Mittwochs- und Samstagsausgabe ihr ganz persönliches Statement in Corona-Zeiten ab. Heute schreibt Marc Hettich, Vorsitzender des Krumbacher Kulturvereins Kult und des Lokal-Forums Krumbach:

Knackende Leitungen, verpixelte Videobilder: Auch Subkult-Sitzungen finden derzeit via Skype im Netz statt. Das mag gewöhnungsbedürftig sein – aber es funktioniert. Die Corona-Krise zwingt uns förmlich, mit alten Bequemlichkeiten zu brechen und neue Wege zu gehen.

Bürgerrechtsdebatte kippt in absurde Verschwörungstheorien

Sicher, niemand verzichtet gerne auf grundlegende Rechte wie Bewegungsfreiheit und zwischenmenschlichen Kontakt. Erschreckend ist jedoch, wie schnell eine angebrachte Bürgerrechtsdebatte in absurde Verschwörungstheorien kippt. Wer ernsthaft glaubt, dass wir in einer Diktatur leben, verhöhnt jene, die in chinesischen oder saudi-arabischen Gefängnissen auf Ihre Hinrichtung warten.

Ich begrüße die bedachte Vorgehensweise. Es wäre albern zu erwarten, dass die Regierung in einer so speziellen Situation einen perfekten Masterplan aus dem Hut zaubert. Fehler erkennen und Maßnahmen ändern, zeugt nicht von Inkompetenz, sondern von der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Zwar wünsche ich mir mehr Mut, wenn es zum Beispiel um den Test eines Grundeinkommens geht – aber im wesentlichen bin ich dankbar, in diesen Tagen von Frau Merkel und Herrn Söder und eben nicht von einem narzisstischen Lügen-Clown regiert zu werden. Kurz gesagt: ich trage lieber eine Maske, als Ärzten die Triage zuzumuten.

Corona-Krise erzeugt auch Solidarität

Die Krise weckt Solidarität: Schüler schicken Briefe an Senioren, Omas nähen Masken. Zusammenhalt ist möglich – vor allem auf lokaler Ebene: Einkaufen in der Krumbacher Buchhandlung und Essen abholen in lokalen Gaststätten stärkt die Gemeinschaft. Dieses Gefühl in die Zeit nach der Krise zu retten, birgt großes Potenzial. Eine Stadt, die zusammenrückt, kann sich gesellschaftlichen Utopien öffnen. Wir sollten nach der Krise nicht vergessen, dass es nicht die Börsen waren, die Leben gerettet haben, sondern Pflegekräfte; dass Pädagogik kein chilliges Freizeitvergnügen, sondern eine der wichtigsten Professionen in der Gesellschaft ist – die auch entsprechend bezahlt werden muss; dass Verzicht und Entschleunigung nicht nur unserem Gemüt, sondern auch dem Planeten gut tun. Die Debatte über solche Fragen anzuregen, ist nicht nur Aufgabe der Medien, sondern auch der Kultur. Der lange Verzicht auf Meet & Eat in Krumbach, Live-Musik und Lesungen weckt in mir eine riesige Vorfreude auf die Zeit, in der all das wieder möglich sein wird.

Bis dahin wünsche ich allen Lesern Gesundheit und Optimismus. Ich skype derweil mit meinem Neffen.

Zur Person: Marc Hettich wurde 1978 in Memmingen geboren und lebt seit 2013 in Krumbach. Seit 2013 betreibt der Mediengestalter und freie Journalist mit Subkult ehrenamtliche Kulturarbeit in Krumbach. 2019 gründete er den Lokal-Forum, ein Verein, dessen 1. Vorsitzender er ist. Im Februar 2020 wurde Hettich außerdem zum Vorsitzenden des Vereins Kult gewählt.

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