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Thannhausen

30.07.2020

Nach 127 Jahren erscheint der Mindel- und Zusambote nicht mehr

Er bedauert das Ende des Mindel- und Zusamboten selbst am meisten. Allerdings muss er sich der veränderten wirtschaftlichen Situation beugen: Jörg Redl. Im Vordergrund die letzte Ausgabe des „Blättle“ vom 25. Juni.
Bild: Hans Bosch

Plus Das Anzeigenblatt galt in Thannhausen lange als publizistische Institution. Wie es mit der Druckerei und dem Verlag in Thannhausen weitergeht.

„Servus lieber Mindel- und Zusambote! Du hast mich als Pfarrer von Balzhausen und Mindelzell von 1974 an bis heute begleitet.“ Das schreibt Prälat Ludwig Gschwind in der letzten Ausgabe des Kirchenanzeigers und Anzeigenblatts für den Großraum Thannhausen. Er selbst war über 40 Jahre einer der engsten und fleißigsten Mitarbeiter fürs „Blättle“. Dieses wurde vor 127 Jahren gegründet, von drei Generationen der Familie Busch/Redl herausgegeben und stellte jüngst sein Erscheinen ein. Verleger Jörg Redl sprach jetzt ausführlich über die weiteren Perspektiven des Betriebs.

Was Verleger Jörg Redl dabei sehr wichtig ist: „Nur die Wochenzeitung wird der Stadt künftig fehlen. Druckerei und Verlag führen wir unverändert weiter.“

Als Grund nennt der Geschäftsinhaber mehrere Punkte: Einmal die derzeitige wirtschaftliche Situation, die durch die fortschreitende Digitalisierung den herkömmlichen Medien, Druckereien und Verlagen größte Sorgen bereitet. Ein zweiter ist für ihn der Auflagenrückgang der Printmedien, verursacht durch die digitale Entwicklung. Hinzu kommt der rückläufige Kirchenbesuch, verbunden mit einem geringeren Interesse für den Kirchenanzeiger.

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Sein Fazit: „Wir waren immer ein Familienblatt für den Raum Thannhausen mit einem sehr geringen Abo-Preis. Deshalb bedauern wir selbst die Einstellung am meisten, doch sprechen die Zahlen der Wirtschaftlichkeit eine deutliche Sprache.“

Die Anfänge des Blattes im Jahr 1893

Zurück geht der „Mindel- und Zusambote – allgemeines Anzeigenblatt für Handel und Verkehr“ auf das Jahr 1893. Herausgeber war damals noch ein Karl Kober, der seine Druckerei samt zugehörigem Verlagsrecht 1909 an den Buchdruckermeister und Großvater des heutigen Inhabers Hans Busch verkaufte. Am 1. Januar 1910 erschien die neue Zeitung erstmals unter seiner Regie dreimal pro Woche mit einem Inhalt, der neben regionalen auch internationale Nachrichten umfasste. Der Erste Weltkrieg wurde überbrückt mit Notausgaben und der Veröffentlichung des Kirchenanzeigers sowie kirchlicher Nachrichten und familiärer Angelegenheiten aus Thannhausen und seiner Umgebung.

Die Wende des Zweiten Weltkriegs

In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg weigerte sich Hans Busch, auf den Kirchenanzeiger zu verzichten. Er wollte auch kein Propaganda-Blatt der Nazis sein. Die Folge: Die Zeitung wurde konfisziert und die Druckerei eingestellt. Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation ergab sich erst im Jahre 1949, als der Mindel- und Zusambote wieder mit den Kirchenanzeigern erscheinen durfte. Hans Busch starb im Alter von 82 Jahren im Mai 1963. Den Betrieb führte seine Tochter Eva (sie starb 2007) mit ihrem Mann Georg Redl weiter. Besonders die Chefin dürfte noch vielen Thannhausern in guter Erinnerung sein. Sie sorgte „mit heißer Feder“ dafür, dass die Leser jahrzehntelang über sämtliche Ereignisse im Mindeltal informiert wurden. Sie war ständige Besucherin in Stadtrats- und Gemeinderatssitzungen, aber auch bei Vereins- und Kirchenfesten.

Sie ist im Raum Thannhausen noch vielen bekannt: Eva Redl, Mitherausgeberin des Mindel- und Zusamboten (sie starb 2007), und ihr Sohn, der heutige Geschäftsführer Jörg Redl.
Bild: Hans Bosch

Seit 1983 ist nun Jörg Redl Chef, der sich nach grundlegender, fachgerechter Ausbildung als Schriftsetzer- und Buchdruckermeister die Voraussetzung zur weiteren positiven Entwicklung selbst geschaffen hat. Groß gefeiert wurde zehn Jahre später das 100-jährige Bestehen des Mindel- und Zusamboten, dessen Bedeutung zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu würdigen wussten. So war die Zeitung für den damaligen Landrat Dr. Georg Simnacher eine „liebe Begleitung seit meinen Jugendtagen, die trotz der alltäglichen Informationsflut immer Interessantes aus dem kirchlichen und gesellschaftlichen Bereich berichtet“.

Wie Pfarrer Thoma sein Taschengeld aufbesserte

Noch weiter zurück gehen die Gedanken bei Ziemetshausens langjährigem Pfarrer Karl B. Thoma. Er erinnert sich noch gut, dass er für das „Blättle“ als „Austrägerbua“ aktiv war und sich so sein Taschengeld aufbesserte. Für Dr. Theo Waigel war der Bote „mit seiner attraktiven Mischung lokaler Informationen aus Pfarreien, Gemeinden und Vereinen“ stets willkommener Lesestoff. Alfred Sauter, damals Staatssekretär, überschrieb seine Grußbotschaft mit „Ein kleines Unternehmen gegen starke Konkurrenz, dahinter verbirgt sich ein gesunder Familienbetrieb“. Und für den damaligen Zweiten Bürgermeister Johannes Schropp war das Blättle „eine kaum versiegende Informationsquelle“.

Viel Lob für eine publizistische Institution, der viele Thannhauser und Bürger der umliegenden Gemeinden nachtrauern werden. Zitieren wir noch einmal Prälat Gschwind: „Ich weiß nicht, ob es allen Blättle-Beziehern bewusst war, dass dieser Kirchenanzeiger in der Diözese Augsburg einmalig gewesen ist.“ Und doch hat Judith Hornung, die ältere Schwester von Jörg Redl, recht, wenn sie schreibt: „Alles hat seine Zeit. Und in Zeiten von absoluter Digitalisierung kann sich eine kleine regionale Wochenzeitung nicht mehr behaupten.“

Da ist es nur ein geringer Trost für Jörg Redl, dass er neben Verlag und Druckerei noch ein zweites Standbein besitzt, nämlich die Firma „JR Folien-Design“, gleichfalls in Thannhausen. Ihr Metier ist die farbliche Beschriftung und Gestaltung mittels Folie für unterschiedliche Firmenwünsche und speziell Modellflugzeuge.

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