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Kriegsbeginn in Mittelschwaben

30.08.2014

Nach dem Bartholomämarkt zogen sie hinaus ...

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10 Bilder
Am Bartholomämarkt 1939 marschierten die ersten Soldaten aus Krumbach und Umgebung an die Front. Unser Bild zeigt sie in der Mindelheimer Straße auf Höhe der heutigen Volksbank.
Bild: Sammlung Urban Lecheler

Soldaten marschieren nach Osten, doch noch ahnt in Mittelschwaben kaum jemand das kommende Grauen. Warum die Zeitenwende 1939 bis heute so beklemmend aktuell ist

 „Bartholomämarkt in Krumbach, am Sonntag, 31. August, von 13 bis 17 Uhr für Sie geöffnet“: Vielfach ist dies gerade in Anzeigen nachzulesen. Wenn die Menschen am kommenden Sonntag durch den Markt schlendern, ist das, was vor genau 75 Jahren geschah, wohl weit weg. Der 31. August des Jahres 1939 ist der letzte Friedenstag. Einen Tag später beginnt mit dem deutschen Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg. Auch vor 75 Jahren steht Krumbach im Zeichen des Bartholomämarktes. Aber da ist auch etwas Beklemmendes. Soldaten treten vor dem Gasthof „Deutsches Haus“ in der Mindelheimer Straße an, Soldaten sind im Traditionsgasthof von Josefa und Leo Koch am Rittlen (Stern, heute Delphi) einquartiert. Der spätere Breitenthaler Bürgermeister Urban Lecheler, Jahrgang 1932, hat die Bilder des August 1939 immer wieder vor Augen. Deutsche Soldaten marschieren schließlich aus Krumbach hinaus Richtung Babenhausen. „Mein Onkel war auch dabei“, erinnert sich Lecheler viele Jahre danach noch genau. Lechelers Vater war bereits im Ersten Weltkrieg an der Westfront schwer verwundet worden. Im Krieg, der nun, 1939, kommt, werden zwei seiner Onkels fallen. Ein Onkel und ein Cousin sind seitdem vermisst.

August 1939 in einer Kaserne in Magdeburg. Unter den jungen, gerade eingezogenen Rekruten ist auch ein 19-Jähriger namens Alfred Hennings. „Hinlegen!“ Der Unteroffizier vom Dienst schreit den Rekruten Hennings, der noch nicht einmal eine Uniform erhalten hat, an. „Ich war noch in Zivil und musste schon über den Korridor robben“, erinnert er sich viele Jahre später. Der junge Alfred Hennings findet nur schwer in diesen militärischen Alltag hinein. Im kleinen Kreis hatte er mit seinen Freunden heimlich die verbotene amerikanische Jazzmusik gehört. Die Platten hatten sie im jüdischen Geschäft Silbermann gekauft. Dann kommt die Pogromnacht. Hennings erfährt, dass sie Silbermanns Klavier aus dem ersten Stock geworfen hatten, er wird nie wieder etwas von Silbermann hören. Das aus dem ersten Stock geworfene Klavier steht symbolisch für die Schreckensherrschaft der Nazis, auch in Krumbach und Ichenhausen waren die Synagogen zerstört worden, die jüdische Bevölkerung wird immer mehr terrorisiert.

Die Nazis brauchen Soldaten für ihren Krieg, die Verleihung des sogenannten Mutterkreuzes steht dafür. Die Krumbacherin Anna Hilber, die acht Kinder hat, bekommt 1939, im Jahr des Kriegsausbruchs, das Mutterkreuz verliehen. Ihr Sohn Ernst wird im September 1943 an der Ostfront fallen.

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Jahrelang Soldat an der Ostfront

Zu diesem Zeitpunkt ist auch Alfred Hennings an der Ostfront, der Krieg wird für ihn noch lange dauern. 1945 gerät er an der Moldau in sowjetische Gefangenschaft, er wird erst 1949 in seine Heimatstadt Magdeburg zurückkehren – die dann hinter dem „Eisernen Vorhang“, der Deutschland teilt, liegt. Er flieht in den Westen, macht Karriere als Grafiker, wird in Krumbach zum angesehenen Künstler. Der Abgrund des Krieges wird bis zum Lebensende präsent bleiben. Er stirbt mit 94 Jahren im März 2014. In dem Jahr, in dem des Kriegsausbruchs 1914 so intensiv gedacht wird. Eine andere Weltkriegsgeschichte, wird vermutlich so mancher sagen. Ist es eine andere Geschichte?

Am 22. April 1939, wenige Monate vor Kriegsbeginn, ist der spätere Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel in Oberrohr geboren. Sein Vater hat den Ersten Weltkrieg überlebt, sein Bruder wird im Jahr 1944 in Lothringen fallen – mit 18 Jahren. Im Juni 1939 wird die 26-jährige Dr. Ilsabe Gestering Anstaltsärztin der Ursberger Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Was ist das für eine Aufgabe für diese junge Frau. Durch einen Erlass Hitlers, datiert auf den 1. September 1939, sind Menschen mit Behinderung in Lebensgefahr. 200000 werden umgebracht. Die mutige Anstaltsärztin verzögert das Ausfüllen von Meldebögen, sie rettet vielen das Leben. 1944 stirbt sie in einem Zug bei einem Luftangriff auf München.

Nach dem Beginn des Krieges 1939 bleibt es in Mittelschwaben zunächst relativ ruhig, die Front ist lange weit weg. Kaum jemand ahnt das, was nach 1939 kommen sollte, diese Orgie der Gewalt, Kriegsverbrechen, Holocaust, Luftangriffe, Vertreibung. Umso beeindruckender sind die Zeichen der Versöhnung. Im Landkreis steht dafür symbolisch die kleine Gemeinde Ellzee und ihre Partnerschaft mit dem polnischen Kamieniec Zabkowicki. Bis 1945 und der Vertreibung der deutschen Bevölkerung heißt der Ort Kamenz. Nach Kamenz südlich von Breslau kommen 1945 viele Polen, die von den Sowjets vertrieben wurden. „Deutsche und Polen teilen ein sehr ähnliches Schicksal, jeder hat etwas verloren und immer wieder hat es die Unschuldigen getroffen“, sagt Marcin Czernjec, der Bürgermeister von Kamieniec. Das ist nach all dem, was war, eine bemerkenswerte Botschaft.

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