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Thannhausen

08.04.2017

Sie wollte eine dauerhaftere Erinnerung

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2 Bilder
Sophia Tegel demonstriert wie das Fell auf den Schädel gezogen wird.
Bild: Petra Nelhübel

Sophia Tegel aus Thannhausen präpariert Tiere. Wie die 23-Jährige zu ihrem außergewöhnlichen Hobby kam.

Wir töten keine Tiere. Wir kaufen unser Grillsteak beim Metzger oder plastikverpackt im Supermarkt. Zu verführerisch ist die Vorstellung, es möchte bereits dort, im Kühlregal, irgendwie gewachsen sein. Kein armes Schwein, kein süßes Kälbchen sollte deswegen sein Leben verloren haben. „Wir haben die Beziehung zur Natur, zum Leben und zum Tod verloren“, formuliert es Sophia Tegel aus Thannhausen. Sie schießt das Tier, das bei ihr im Kochtopf oder auf dem Grill landen soll, schon seit sie mit 16 Jahren den Jagdschein gemacht hat.

Als sie irgendwann ihren ersten Rehbock erlegte, wollte sie eine dauerhaftere Erinnerung als den Geschmack des Fleisches auf ihrer Zunge. Sophia Tegel beschloss, den Kopf des Rehbocks präparieren zu lassen. So ging sie zum Weindl Artur, wie man ihn nannte, nach Burgau. Der beherrscht die Kunst des Präparierens. Das war damals kurz nach dem Abitur und Sophia Tegel wartete auf einen Studienplatz für Medizin. „Ich hab dem Artur damals förmlich Löcher in den Bauch gefragt über seine Arbeit“, erzählt die mittlerweile 23-jährige. „Bis er irgendwann gesagt hat ’ja, wenns dich so interessiert, dann machen wir die Arbeit halt zusammen’. Und so haben wir es dann auch gemacht.“

Und so steht sie nun auch mit etlichen ihrer Präparate im Thannhauser Kulturhaus „Beim Schwung“ und versucht ihre Leidenschaft für ein Metier zu erklären, das bei nicht wenigen Menschen, wenn schon nicht auf offene Ablehnung, so doch auf ein leicht befremdliches Gruseln stößt. Vielleicht ist also nicht allein das frühlingshafte Wetter an diesem Sonntagnachmittag für das doch recht überschaubare Publikumsaufkommen verantwortlich.

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Sophia Tegel allerdings entspricht so gar nicht dem Bild, das sich der Laie von einem Jäger und Tierpräparator macht. Als Artemis, die griechische Jagdgöttin, mit Pfeil und Bogen mag man sich die grazile, dunkelhaarige Schönheit mit den leuchtend blauen Augen noch am ehesten vorstellen. Aber mit einem Gewehr? Und dann noch mit dem blutigen Geschäft des Häutens beschäftigt. „Die Jagd ist das älteste Gewerbe der Welt. Wir Menschen haben schon immer gejagt, um zu essen“, sagt Sophia Tegel. Und Jagdtrophäen als Beweis für eine erfolgreiche Jagd habe es schon immer gegeben.

Nach ihrem präparierten Rehbockschädel war Sophia Tegels Leidenschaft geweckt und Artur Weindl unterrichtete sie in der Kunst des Präparierens. Will man ein Tier möglichst naturgetreu darstellen, braucht es ein solides Wissen über die tierische Natur. Wie ist der natürliche Lebensraum des Tieres? Wie zeigt es sich in Ausdruck, Mimik, Kopfhaltung und Nüstern? Soll ein wachsam, besorgtes Muttertier dargestellt werden oder ein stolzer Revierherrscher? Ebenso wichtig sind anatomische Kenntnisse. Welche Muskeln werden in welcher Haltung angespannt? Wo treten Sehnen oder Adern sichtbar hervor? Wie ist das Auge in die Knochenhöhle eingebettet?

Vor ihrem Publikum im Thannhauser Kulturhaus demonstriert Sophia Tegel den Aufbau des Auges am Beispiel eines Rehbockschädels. Mit einer Modelliermasse wird die Knochenhöhle aufgepolstert und sorgsam an den Außenrändern verstrichen. Ein Glasauge wird in die weiche Masse gedrückt, dann stülpt sie die mitgebrachte Tierhaut über den Schädel und schon sieht das Tier, wenn schon nicht lebendig, so doch sehr lebensnah aus.

Im Publikum sitzen lauter interessierte und wohlwollende Kenner des Jagdbetriebs. Im persönlichen Gespräch ist Sophia Tegel aber auch kritischen Fragen gegenüber sehr aufgeschlossen. Die große Fuchsfelldecke, die sie sich gemacht hat zum Beispiel: Die Füchse hat sie doch wohl nicht gegessen? Die hat sie doch „einfach so“ geschossen? Auch bei so viel Ahnungslosigkeit bleibt die junge Frau ganz ruhig und geduldig: „Wir Menschen haben doch schon in den Naturkreislauf eingegriffen, indem es für den Fuchs keine natürlichen Feinde mehr gibt. Bär, Wolf oder Luchs kommen bei uns praktisch nicht mehr vor. Der Fuchs vermehrt sich ungehindert, Fuchsräude und Staupe breiten sich aus und ich habe auf der Pirsch schon Füchse fast ganz ohne Fell gesehen. Es ist an uns, den Bestand mit Augenmaß zu regulieren.“ Ähnlich sei es bei den Wildschweinen, wo die Landwirte vom Jagdpächter finanzielle Entschädigungen verlangen, wenn so eine Rotte, aufgrund von immer weniger Lebensraum und Nahrungsangebot, die Felder verwüstet und die Ernte vernichtet.

Ganz anders dagegen verhalte es sich bei den sogenannten Exoten wie Bison, Wapiti, Kaffernbüffel oder Tiger, an deren Präparation Sophia Tegel auch schon mitgearbeitet hat. Dazu könne man stehen, wie man will. „Aber“, gibt sie zu bedenken, „der Abschuss zum Beispiel eines Nashornes kostet den Jäger bis zu 270000 US-Dollar. Immer wird dabei darauf geachtet, ein nicht mehr fortpflanzungsfähiges oder aggressiv gewordenes Problemtier aus einer Herde auszuwählen. Mit dem so erlösten Geld werden die Ranger bezahlt, die den Lebensraum der Herden bewahren und sie vor Wilderern schützen. Afrika wäre leergefegt von Wilderern auf der Jagd nach Elfenbein, wenn es diese groß angelegten Schutzgebiete nicht gäbe. Und die werden nun mal durch den kontrollierten Jagdbetrieb bezahlt.“ Da müsse man dann einfach froh sein um so verrückte Kerle, die einen Haufen Geld bezahlten für einen kontrollierten Abschuss und dann um das präparierte Tier herum ihr Haus bauen lassen, weil es sonst nicht hineinpasst. „Einer hat sogar mal“, erzählt Sophia Tegel, „seinen Innenpool abgelassen, weil nur da die Giraffe reinpasste, die er sich hatte präparieren lassen.“

Und überhaupt dürfe man nicht unsere westlich-europäischen Maßstäbe anlegen, wenn es um fremde Jagd- und Ernährungsgewohnheiten gehe, meint Sophia Tegel. „In Ruanda und Uganda werden Krokodil, Giraffe und Büffel gegessen. Sogar Gorillafleisch wird auf dem Markt verkauft. Nicht weil die Menschen dort so einen dekadenten Geschmack haben, sondern weil es nichts anderes gibt. Wenn dort ein Jäger sein Büffelfell erhalten will, muss er es schnell abziehen, weil gleich ein ganzes Dorf mit Messern zusammenläuft, um sich mit dem Fleisch zu versorgen.“ Letztendlich habe das Tier immerhin ein freies, selbstbestimmtes Leben gehabt. Sophia Tegel erinnert sich an das eine Mal, als sie hier in Deutschland einen Schlachthof besucht hat. „Rein aus Interesse“, sagt sie. „Ich kann jeden verstehen, der da zum Vegetarier wird.“

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