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Männer-Mode

21.04.2018

Männer und Anzüge: Passt das heute noch zusammen?

Detlev Diehm setzt in seinem Atelier in München auf Handarbeit und feinste Stoffe, entstehen doch Herrenanzüge, die die Persönlichkeit unterstreichen.
Bild: Ulrich Wagner

Lässig ist die Mode heute. Sportlich. Umso auffallender, wenn ein Mann Anzug trägt. Doch wer tut das noch – und warum?

Plötzlich waren sie weg. T-Shirt und Jeans. In einem feinen blauen Anzug erschien Mark Zuckerberg zur Anhörung vor dem US-Kongress. Sogar mit Krawatte. Auch sie wählte der Facebook-Chef in zur Firmenfarbe passendem Blau. Kritische Beobachter kommentierten den neuen Auftritt sofort: Demut will der aufgrund des Datenskandals mächtig unter Druck stehende Firmenboss mit seiner Outfitwahl zeigen. Seriosität. Respekt. Was doch so ein Herrenanzug alles kann.

Kleidung ist Kommunikation. Sie markiert bis heute die gesellschaftliche Stellung ihrer Träger, schreibt Anja Meyerrose in ihrem Buch „Herren im Anzug“ (Böhlau, 320 S., 40 Euro). An ihr kann man auf den ersten Blick erkennen, mit wem man es zu tun hat. Einen Anzug zieht Mann also nicht nur an. Mann spricht mit ihm. Eine Sprache, die trotz angesagter modischer Lässigkeit gehört, auf die vertraut, die verstanden wird. „Der Herrenanzug ist nicht weg“, betont denn auch Robert Stork. Der, etwas längeres, braunes Haar, schicke Brille, feiner blauer Anzug, weißes Hemd, blaue Krawatte, lehnt lässig an der roten Espressobar im Herrenmodegeschäft Eckerle in Augsburg. Er ist dort Geschäftsleiter. Blickt man nach draußen auf die Straße, schaut sich so um, was Männer heute tragen, kann man auch den gegenteiligen Eindruck gewinnen. Viele bevorzugen das, was sonst der Facebook-Chef favorisierte: T-Shirt und Jeans. Wer es eleganter mag, kombiniert beides mit Sakko oder Blazer. Aber Anzug?

Gerade jüngere Männer legen Wert auf ihr Äußeres

Im Eingangsbereich des Herrenmodegeschäfts Eckerle stapeln sich denn auch Freizeithemden, teils mit floralen Mustern in frischen Frühlingsfarben. Sportliche Polo-Shirts, Pullover, Westen. Erst in der zweiten Etage befinden sich die Herrenanzüge. Anders als unten dominieren hier Grau, Blau, Schwarz – „Business-Anzüge bestechen durch ihre Nichtfarbigkeit“, erklärt Stork. Werden sie aber auch noch immer stark nachgefragt? „Aber ja. Herrenanzüge sind eine Säule unseres Geschäfts, eine sehr stabile.“ Noch immer hätten viele Firmen in der Region Dresscodes oder es wird zumindest von den Führungskräften Anzug erwartet. Es seien aber nicht nur Managertypen, die sich für Anzüge begeistern. „Wir haben auch sehr viele junge Kunden, die viel Wert auf ihr Äußeres legen, die beraten werden wollen, die wirklich Geld ausgeben, um einen gut sitzenden Anzug zu haben“, erzählt Stork.

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Die jungen Männer, die wieder verstärkt Lust auf Mode haben, neugierig sind, sind auch die Hoffnung von René Lang. Er ist Präsident des VDMD, des Netzwerks der Mode- und Textildesigner in Deutschland. „Der durchschnittliche Mann fühlt sich vom Anzug beengt“, sagt Lang. Ist er zu Hause, legt er sofort alles ab und zieht wahrscheinlich eine Jeans an – „eine vermeintlich bequeme Hose, dabei ist eine Jeans, die sitzt, eng und nicht bequem“. Bequemer sei dagegen eine Stoffhose. Die wiederum habe aber eben den Ruf des Dresscodes. „Und was über Jahrzehnte Pflicht war, will ich nicht. Das ist ein psychologisches Problem.“

Männer tun sich bei der Wahl des Anzugs schwer

Hinzu kommt: „Mode ist in Deutschland kein Kulturgut“, betont Lang. Viele Männer tun sich schwer bei der Farb- und Formwahl, „einfach, weil sie es nicht gewohnt sind“. Was in anderen Ländern ein schicker Anzug ist, ist hierzulande ein großes Auto. „Es werden andere Prioritäten gesetzt.“ Viele Männer kauften Kleidung, damit sie nicht frieren. Nicht aus Spaß. „Daher geht der deutsche Mann im Schnitt zwei Mal im Jahr zum Herrenausstatter seines Vertrauens, sagt dem Verkäufer seines Vertrauens, er soll ihm so und so viele Hosen, Sakkos, Hemden zusammenstellen.“ Schluss. Alles müsse sofort passen, „weil viel Anprobieren wollen die meisten Männer auch nicht“.

Die Auswahl des richtigen Stoffs ist entscheidend für einen guten Anzug.
Bild: Ulrich Wagner

Doch es ändere sich etwas. Davon ist Lang überzeugt. Das beobachtet Stork in Augsburg. Viele, gerade jüngere Männer, lernten mit Anzügen zu spielen. Teile zu kombinieren, legten Wert auf Passform. Und gerade Beratung tut beim Anzugkauf not. Schließlich unterlaufen immer wieder grobe Fehler. Fehler, die nur allzu deutlich ins Auge stechen: Hose zu lang, Hose zu kurz, Ärmel zu lang, Ärmel zu kurz, der Kragen steht vom Hals ab, die ganze Jacke bewegt sich, nur weil ein Arm bewegt wird, der Reversbruch knickt und man kann ins Sakko hineinschauen. Und. Und. Und. Perfekter Sitz ist aber nur das eine. „Ich muss mich in dem Anzug vor allem auch wohlfühlen“, sagt Stork.

Manche Männer geben mehr als 3000 Euro für einen Anzug aus

Ein anerkannter Experte, wenn es darum geht, den Anzug wie eine zweite Haut zu empfinden, ist Detlev Diehm. Der gebürtige Augsburger ist seit über 30 Jahren Herrenschneidermeister und Modedesigner. Lange Jahre war er Chefdesigner bei der Traditionsmarke Regent, hat Modelle für Stars wie Roger Moore oder Richard Gere entworfen. Heute ist er selbstständig. Wer sein Reich betritt, spürt sofort eine bestimmte Geisteshaltung, die Noblesse der Welt von gestern. Der 53-Jährige empfängt in einer Villa aus dem frühen 19. Jahrhundert. Gelegen in ruhiger Lage in Obermenzing in München. Alles in diesem Haus hat Stil. Der Raum, in dem das entscheidende Gespräch mit dem Kunden stattfindet, wird von einem wandhohen Gemälde dominiert. Münchner Schule. Max Bergmanns Kühe scheinen direkt ins Zimmer zu marschieren. Was für ein Blickfang. Vor dem Gemälde elegante Stühle, ein Tischchen, Nymphenburg-Service mit Goldrand. Wer hier Platz nimmt, will sich etwas gönnen, kennt die feinen Unterschiede zwischen Anzug und Anzug, legt Wert auf sein Äußeres, weiß um dessen Wirkung, ist bereit, 3300 Euro und mehr auszugeben.

Es sind Männer, die oft in der Medienbranche tätig sind, erzählt Diehm. Chefredakteure, Schauspieler, Architekten. Sie kommen zu ihm etwa aus Zürich, Paris, Düsseldorf, aber auch aus Bayern. Diehm zählt etwa 45 Stammkunden – sie sind zwischen 35 und 65 Jahre alt. Manchmal ist es auch der Anlass – beispielsweise eine Hochzeit – der Männer zum Maßschneider gehen lässt. Einen Hochzeitsanzug hat Diehm gerade in Arbeit, aber auch Anzüge für den Alltag. Diehm fertigt alles bis zum Knopfloch per Hand. Doch nicht nur die liebevolle Handarbeit, die an den Körper perfekt angepassten Formen machen den Unterschied. Es sind auch die Stoffe. Diehm hat viele Stoffbücher. Wer seine Finger über die verschieden verarbeitete Wolle in unterschiedlichen Stärken und Mustern gleiten lässt, deren faszinierende Leichtigkeit spürt, versteht, warum schon im 16. Jahrhundert feine Baumwollstoffe aus Indien als „gewobener Wind“ gepriesen und geschätzt wurden.

Der Anzug hat bereits eine lange Geschichte

Eine große Begeisterung für leichte, aber strapazierfähige Stoffe entwickelte sich früh in England. Beim Landadel. „Reiten, Jagen, Landpartien verlangten nach einer Kleidung, die bequem war“, schreibt Anja Meyerrose. Die von der Aristokratie bevorzugte Prachtkleidung aus Rüschen, Franzen, Brokat und Seide war da eher hinderlich. „In Anlehnung an die Uniform der englischen Kavallerie entwickelte sich für diese Tätigkeiten der riding coat.“ Bald begannen die Oberkleider, „jetzt dress coats genannt, in die Alltagskleidung überzugehen“. So war es nicht etwa Frankreich oder die Französische Revolution, die dem Anzug zum Siegeszug verhalf, bilanziert Meyerrose, sondern England. Dort bildete sich früh neben besagten Landadel eine neue Klasse von Händlern und Unternehmern, die sich auch optisch vom Pomp des Adels abheben wollten. Erfolgreiche Händler waren es denn auch, die dann die Textilindustrie aufbauten. „Mit der neuen heterogen zusammengesetzten Bourgeoisie war es zur Ablösung der ständischen Gesellschaftsordnung gekommen“, schreibt Meyerrose. „Die Ideologie des freien Zusammenschlusses auf dem Markt drückte sich in der freiheitlichen Wahl der uniformen Kleidung aus, die Uniform der Bourgeoisie setzte sich durch. Prinzipiell stand der Anzug als dress coat jedem offen, der den Preis dafür bezahlen kann.“

Doch, wenn alle Anzug tragen können, auch die Arbeiter, wie sich dann abheben von der Masse? Ein Wunsch, der nie verschwindet. Ein Wunsch, den zu realisieren Schneider sich seit jeher in besonderem Maße verpflichtet sehen. Zumal sie im Zuge der Industrialisierung um ihre handwerkliche Kunst kämpfen mussten. Zu ihrem Glück gab es früh den Gentleman, der bewusst keine industriell gefertigte Massenware kaufte, sondern Maßanzüge.

Maßanzüge sind beliebt wie lange nicht mehr

Maßanzüge erfreuen sich auch heute wachsender Beliebtheit. Berichtet doch Diehm, dass sich immer mehr junge Maßschneider selbstständig machen – auch in Bayern. Dabei verfolgt Diehm selbst noch ein anderes Ziel: Er will die Persönlichkeit des Mannes hervorheben. Um sie zu erkennen, führt er zunächst ein langes Gespräch mit seinen Kunden. „Diehm Bespoke Design“ heißt denn auch sein Konzept. So erfährt er, was sich der Kunde vorstellt, welche Stoffe passen, welcher Stil bevorzugt wird.

Die richtige Verarbeitung garantiert ein langes Leben des Kleidungsstücks.
Bild: Ulrich Wagner

Genau diese persönliche Note ist es, die Markus Grob schätzt. Der gebürtige Schweizer war beeindruckt, als Diehm mit ihm besprach, wie sein Anzug werden sollte, vertraute ihm sofort. Über das Äußere konnte der 65-jährige Schweizer einiges sagen: dunkelblau sollte er sein, die Hose nicht zu weit, ein Zweireiher ja, aber nicht zu bombastisch, die Silhouette eher schmal. „Doch eigentlich geht es um etwas anderes“, sagt der Architekt. Es gehe nicht darum, einen teuren Anzug zu bekommen, nicht darum hervorzustechen, Luxus zu verströmen. „Es geht darum, eine Balance zwischen meinem Innenleben, meiner Seele und der Welt draußen zu schaffen.“ Dies gelinge eben nur mit Maßanzügen. Stangenware habe zu sehr etwas Uniformhaftes, etwas zur Schau Gestelltes. Dabei haben nur die wenigsten Menschen den Blick dafür, einen Maßanzug zu erkennen. Das ist nicht schlimm, findet Grob: „Ich bin gut gekleidet, fühle mich aufgrund der vorzüglichen Passform rundum wohl. Mein Anzug macht alles mit. Ich könnte sogar in ihm schlafen. Das reicht.“

Aufsehen soll der Anzugträger nicht erzeugen, sagt Diehm. „Der Anzug soll zum natürlichen Teil des Auftritts werden.“ Mark Zuckerberg ist das irgendwie nicht gelungen. Er sieht doch ein wenig aus wie ein Junge im Konfirmationsanzug. Als sei ihm der Anzug übergestülpt worden. Vielleicht ist es nur eine Frage der Glaubwürdigkeit. Mann spricht eben mit seinem Anzug.

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