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Roger Waters in München

14.06.2018

Pink-Floyd-Spektakel und Politik-Porno

Der britische Rockmusiker Roger Waters sorgt mit den Hits seiner Legendenzeit mit Pink Floyd für eine spektakuläre Show.
Bild: Igor Vidyashev, dpa (Archiv)

Eine Überwältigungskanonade in der vollen Olympiahalle. Warum Münchens OB das am liebsten verhindert hätte. Und was Roger Waters antwortete.

Gleich, ja gleich muss es wieder um Israelkritik und die Antisemitismus-Frage, um Nazi-Vergleiche und auch um den Aufritt von Kindern in der Kluft von Guantanamo-Häftlingen gehen. Und darum, dass Münchens Oberbürgermeister Reiter verlautbarte, er hätte an diesem Mittwoch diesen Auftritt des Rogers Waters vor 11.000 Zuschauern wegen unerwünschter Politik-Propaganda gerne noch verhindert. Und darum, dass sich die Pink-Floyd-Legende auf der Bühne eine Entgegnung nicht verkniff und sagte, von solchen Versuchen aus sei es nur noch ein kleiner Schritt bis zu einer Gesinnung, aus der heraus wieder Bücher öffentlich verbrannt würden. Das ganze, mächtige Politik-Theater in neuer Inszenierung also, das Waters nun seit Jahren bei seinen Auftritten in aller Welt begleitet.

Sternstunden der Popmusik in der Olympiahalle

Aber weil das dabei doch allzu leicht zu kurz kommt, zunächst zum doch vermeintlich Wesentlichen: zur Musik und nicht weniger als einem fulminanten Konzertspektakel. In zwei jeweils gut einstündigen Showhälften präsentiert Roger Waters nämlich auf dieser „Us + Them“-Tour mit einer fabelhaften, achtköpfigen Band Sternstunden der Popmusik. Denn der 74-jährige Brite, selbst meist den Bass zupfend und in gut der Hälfte der Songs singend, zockt sie eben nicht routiniert runter, „Wish You Were Here“ und „Welcome To The Machine“, „Another Brick In The Wall“ und „Money“, all die Hits seiner Legendenzeit mit Pink Floyd – sie werden hier zu einem Musikerlebnis. Das beginnt schon dabei, dass der Sound sehr plastisch, ja dreidimensional wird, weil Boxen in der Tiefe der Halle immer wieder eine Spuren und Effekte Richtung Bühne ergänzen spiegeln. Das geht standesgemäß damit weiter, dass die epischen Formate in Songs wie „Breathe“ oder „Dogs“ mit Solos virtuos ausufern. Das macht auch mit der charmant brüchig gewordenen Stimme von Waters selbst nicht halt („Time“) - so sänge wohl auch David Bowie selig in 20 Jahren.

Und das hält auch noch über Waters' vier eingestreute, neuere Solosongs hinweg zusammen, ob an der Akustik-Gitarre zu „Deja Vu“ oder wuchtiger in „The Last Refugee“ und „Picture That“. Der Protagonist ganz in Schwarz meist zentral im Spot, aber auch diese Band samt Sängerinnen-Duo regelmäßig zu Auftritten aus dem Schattenriss-Dasein vor der riesigen, hochauflösenden Videoleinwand geholt... - es ist ein tolles Konzert, das nach „Eclipse“ die Zuschauer in der komplett bestuhlten Arena aus ihren Sitzen reißt. Und dazu formen nach der wohl größten Benebelung der Olympiahalle aller Zeiten Laserstrahlen auch noch das legendäre Pink-Floyd-Farpbrisma deckenhoch in den Raum. Und zum Hinaustaumeln gibt’s "Comfortably Numb" samt Konfettiregen...

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Waters spickt sein Konzert mit politischen Botschaften

Bleibt nur die Frage, ob das wirklich das Wesentliche für Roger Waters selbst ist. Denn über weite Strecken dieses Abends und spätestens ab kurz vor der 20-minütigen Pause wird dieses Konzert dominiert von den mächtigen, extrem plakativen politischen Botschaften, die der Herr serviert. Natürlich passt Systemkritik schon zu alten Songs wie „Welcome To The Machine“ und freilich illustrieren Flüchtlingsbilder auch passend neuere wie „The Last Refugee“ - die Aufnahmen einer Flüchtlingsfrau am Meer rahmen quasi den Abend, zu Beginn allein am Meer sitzend, wartend, zwischendurch verzweifelt, vom Kind ist nur die angespülte Puppe geblieben, am Schluss mit dem Mädchen glücklich vereint. Aber wenn eine politische Haltung und eine Botschaft auch zur Erotik eines Stars gehören: Hier wächst sich das geradezu zu einem Porno aus.

Zu „Another Brick...“ kommen zwölf Menschen auf die Bühne, in Kluft der Guantanamo-Häftlinge, ziehen sich irgendwann die Kapuzen von den Köpfen, sind Münchner Kinder, recken die Fäuste, schlüpfen dann auch noch aus den orangefarbenen Overalls und tragen weiß auf schwarz die Losung des Abends auf den T-Shirts: „Resist“.

Der britische Rockmusiker Roger Waters sorgt mit den Hits seiner Legendenzeit mit Pink Floyd für eine spektakuläre Show.
Bild: Bertrand Guay, afp (Archiv)

Die ganze Pause über wird dann in roten Großbuchstaben auf der Videoleinwand aufgeführt, gegen wen und was dieses „Widerstand leisten“ gelten soll: Mark Zuckerberg, dem Neo-Faschismus (hier werden Trump und Orban und Le Pen und Farage und auch Sebastian Kurz genannt), gegen den Antisemitismus, aber auch gegen „israelischen Antisemitismus“, gemeint die Unterdrückung der Palästinenser ihrer Kultur und Religion wegen, außerdem gegen den „Militärisch Industriellen Komplex“, gegen Kriegsprofiteure, aber auch gegen Plastik in den Weltmeeren und die Umweltverschmutzung... Die CIA-Chefin Gina Haspe ist Feind, Julian Assange Freund. Die ganze Welt wird eingeordnet.

Assad, Erdogan, Le Pen, May, Merkel - Die Gesichter des Bösen

Und mit voller Wucht weiter. Dazu genügt die Riesenleinwand nicht mehr, zusätzlich kommt von der Hallendecke eine rechtwinklig dazu ausfahrende, längs die Halle teilende Leinwandfront hinzu. Und dann geht’s zu „Pigs“ mächtig gegen Trump, der mit Hitlergruß gezeigt und mit Minipimmel verhöhnt wird, Waters reckt Schilder: „Pigs Rule The World“ und „Fuck The Pigs“ - am Schluss erscheint auf allen Leinwänden auf Deutsch „Trump ist ein Schwein“. Zum anschließenden „Money“ wird daraus eine ganze Parade: Assad und Duterte, die ganze G7 (samt Angela Merkel), Erdogan und Putin, Wilders und Le Pen, May und Rajoy... Die Gesichter des Bösen. Und gegeneinandergeschnitten immer wieder: Gesichter trauriger Kinder und Obdachloser mit Raktenabschüssen und rollenden Panzern, friedlicher Demontranten mit hochgerüsteten Polizisten... Und das alte aufgeblasene Riesenschwein schwebt dann auch noch von Drohnen getragen eine Runde durch die Halle, mit der Aufschrift: "Bleibt menschlich!"

Dass der die Welt so mit plumper Verve ordnende Waters selbst für manche zu einem Bösen geworden ist, kommt auch noch zur Sprache. Als prominenteste Stimme der BDS-Bewegung, die aus Kritik an der israelischen Politik den wirtschaftlichen und kulturellen des Landes fordert und aufgrund manch mindestens grenzwertiger Verallgemeinerung stellen Kritiker den Musiker immer wieder unter Antisemitismus-Verdacht. Dazu gehört auch Münchens OB Reiter, und der ganze Stadtrat hat vor einem halben Jahr ja tatsächlich beschlossen, keine Veranstaltung mehr zu fördern und für keine mehr städtische Räume freizugeben, in der für BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) geworben wird. Die Olympiahalle ist städtisch, Waters trat auf, und die Stadt hatte entweder versäumt, das rechtzeitig zur Kenntnis zu nehmen, oder die Eskalation gescheut – jedenfalls wollte Reiter dann doch noch am Tag des Konzerts nicht ohne kritischen Kommentar bleiben und distanzierte sich, sagte, er hätte den Auftritt am liebsten verhindert, er nannte die BDS-Kampagne und auch Waters antisemitisch.

Waters wehrt sich gegen Antisemitismus-Vorwürfe: Lächerlich, aber nicht lustig

Was der vor der Zugabe und nach Vorstellung der Band dann natürlich nicht unkommentiert lassen wollte: das sei eigentlich lächerlich, aber eben auch gar nicht lustig und zeuge eben von einer Gesinnung, die nur einen kleinen Schritt von Bücherverbrennungen... Und so weiter. Die Halle jedenfalls quittierte das von Waters vorgetragene Reiter-Zitat mit Buhrufen und seine Entgegnung mit Applaus, der Star zeigte sich versöhnt mit München. Und als das Konfetti am Ende in die Halle regnete, war es rot, und jeder einzelne Schnippsel trug den Schrift in Großbuchstaben: „Resist“.

So schreitet Roger Waters konzertierend und ordnend durch die Welt. So begegnet die epische Wucht der Musik der persönlichen Wut ihres Protagonisten. Und so zertrümmert der Vorschlaghammer seiner Bekenntnisse in Teilen auch seine Konzerte. Denn die Pink-Floyd-Perlen, sie verkommen mitunter zur Hintergrundmusik der Botschaften auf den Leinwänden. Passt vielleicht in die Zeit. Ist aber doch schade.

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