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Schondorf

01.08.2020

Bauen am Ammersee: Eine ganz besondere Bootshütte

Die Gestal­tung des Holz­hau­ses, das bei den "Architektouren" präsentiert werden sollte, lehnt sich an die ort­s­ty­pi­schen Boots- und Fischer­häu­ser an.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Die alljährlichen „Architektouren“ sind in diesem Sommer coronabedingt ausgefallen. In Schondorf hätte aus dem Programm ein besonderes Wohnhaus präsentiert werden sollen.

Auch die „Architektouren“, mit denen die Bayerische Architektenkammer seit vielen Jahren auf außergewöhnliche Bauprojekte aufmerksam macht, sind aufgrund der Corona-Beschränkungen in diesem Jahr ausgefallen. Im Landkreis Landsberg hatte die Kammer für heuer jedoch schon eine ganze Reihe von neuen und erneuerten Gebäuden in die 241 Objekte zählende „Architektouren“-Liste aufgenommen – unter anderem ein Wohnhaus im alten Ortszentrum in Unterschondorf.

Drei junge, ambitionierte Architekten taten sich zusammen, um ein Hanggrundstück mit Seeblick mit einem Haus für die Eltern eines der Architekten zu bebauen – und zwar abseits des Mainstreams. Bereits 2015 entstanden erste Konzepte, 2017 ging man in die Ausführungsplanung, Baubeginn war April 2018 und nach einem Jahr konnten Katharina und Robert Glatt einziehen. Sie wohnen in der oberen Etage, das Erdgeschoss dient vor allem dazu, Besuchern wie den Kindern und Enkelkindern ein Feriendomizil am Ammersee zu bieten.

Die Gartenhütte des Großvaters ist stehen geblieben

Damit greift das Architektenhaus auch wieder den ursprünglichen Gedanken auf, den einst der Großvater von Robert Glatt dazu gebracht hatte, ein großes Grundstück in der Seestraße zu kaufen. Der Besitzer eines Malergeschäfts in Friedberg suchte hier Erholung und verbrachte mit seiner Familie viele Wochenenden und später im Alter mit seiner Frau auch den Sommer am See. Zuerst baute er eine große Gartenhütte zum Nächtigen, später ein kleines Ferienhaus. Die Gartenhütte ist noch erhalten und strahlt heute frisch gestrichen in Rot. Das Ferienhaus wich jedoch dem Neubau, konzipiert von Bayr Glatt Guimaraes Architekten, deren Büro am alten Schlachthof in Augsburg liegt.

Bauen am Ammersee: Eine ganz besondere Bootshütte

Dieses Haus mit grauer Holzverschalung – der Farbanstrich nimmt die natürliche Vergrauung vorweg – kommt schlicht daher. Es will nicht protzen und blenden, sondern ist bemüht, sich einzufügen in diesen alten Dorfkern, der früher von der Fischerei und kleinen Anwesen geprägt war. Gekonnt nimmt es mit den hölzernen Schiebeelementen, die zur Verschattung der großen Fensterflächen dienen, die Optik der nahen Bootshäuser auf. Diese Elemente mit ihrer Holzlattung sorgen für Sichtschutz und angenehme Temperaturen im Haus. Trotz der recht breiten Latten ist die Sicht nicht eingeschränkt, das Licht im Innenraum angenehm gedämpft.

Ein großer Dachüberstand dient als Schutz

Schlicht ist auch der rechteckige Baukörper, der das gen Westen ansteigende Gelände im Innenraum mit Treppen und Stufen überwindet. Der einzige Vorsprung des Hauses besteht im großen Balkon gen See, geschützt von einem weiten Dachüberstand. Gleichzeitig schützen Balkon und Dachüberstand die Holzfenster mit ihren edlen, schmalen Rahmen vor Regen. Angenehm knirscht der Splitt unter den Füßen beim Gang ums Haus, vorbei an den bunt bepflanzten, betonierten und teilweise aufgrund der Hanglage auch terrassierten Blumenbeeten. Einige Meter höher im Westen angekommen erscheint das Haus plötzlich niedrig, gemütlich, fast wie ein großzügiges Ferienhaus, denn hier gelangt man über das große Holzdeck direkt ins Wohnzimmer des Ehepaares Glatt.

Bild: Julian Leitenstorfer

Vorher bleibt jedoch der Blick an einem weiteren stilistischen Detail hängen: Der Dachaufbau erscheint so graziös, als sei gar keine Dämmung verbaut – dabei handelt es sich um ein hochgedämmtes KfW55-Haus mit Luft-Wasser-Wärmepumpe. Erreicht wurde diese moderne Optik durch eine innenliegende Dämmung. Verbaut wurden im Dachaufbau zudem Furnierschichtholzplatten, zum Abschluss wurde das Dach verblecht, die Untersicht mit Platten verkleidet. Das Blechdach hat mehrere Vorteile, erklärt Architekt Lukas Glatt. Zum einen ist es leichter als eine Ziegeleindeckung, es trägt weniger auf und kann auch bei der vorhandenen geringen Dachneigung von zehn Grad verwendet werden.

Innen wurden besonders hochwertige Tannenhölzer verbaut

Auch die Innenräume überraschen durch ihre puristische und harmonische Gestaltung: Decke, Wände und Böden sind aus einer so ausgesuchten Weißtannen-Qualität, dass sich nahezu keine Unterbrechung des hellen Farbtons durch dunkle Astflecken findet. Durch die Einheitlichkeit und die handwerklich hochwertige Holzverarbeitung strahlen die Räume eine große Ruhe aus.

Bild: Julian Leitenstorfer

Auch hier wurde auf durchgehende Flächen geachtet: Die Türzargen sitzen auf dem gleichen Niveau wie die Wände, viele Utensilien wie Waschmaschine und Trockner im Bad verschwinden in Einbauschränken, die lediglich durch eine Fuge auffallen. Das helle Feinsteinzeug im Bad passt sich optisch und mit dem Verlegemuster unaufdringlich der Wandverkleidung an. Die schlichte Ausführung gibt so auch den idealen Rahmen für die Kunstwerke, mit denen das Ehepaar Glatt die Räume gestaltet: Katharina Glatts Bilder sorgen für Farbtupfer und spannende Motive und Robert Glatts Holzobjekte präsentieren sich vor den großen Fensterflächen. Bei aller Modernität hat jedoch auch die Vergangenheit ihren Platz gefunden, so erinnern Tritt und eine Holzleiter voller Farbkleckse, die heute als Schuhregal dient, an die Malerwerkstatt des Großvaters.

Weitere „Architektouren“-Objekte, über die im LT bereits bei anderen Anlässen berichtet wurde, waren in diesem Jahr:

Eine sanierte denkmalgeschützte Villa im Maximiliansstil mit Bauernhof am Kirchsteig in St. Georgen;

das zum Haus der Gestalt umgenutzte ehemalige Steinhauser-Kaufhaus am Dorfbrunnen in Utting und

der zum Rathaus und Bürgersaal umgebaute ehemalige Gasthof Hirsch in Denklingen.

Diese und weitere Objekte - teilweise auch mit Filmen - finden sich auf der Internetseite der Architektenkammer.

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