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Landkreis Landsberg

27.06.2017

Das Neubaugebiet ist das Maß der Dinge

Eine typische Szenerie im Landkreis: In Neubaugebieten an den Ortsrändern (wie hier in Eresing) werden Einfamilienhäuser gebaut.
Bild: Julian Leitenstorfer

Auf dem Land wird zu viel gebaut, warnt das Institut der Deutschen Wirtschaft. Zwar sehen auch manche Kommunalpolitiker diese Entwicklung kritisch. Aber die Jungen zieht es ins neue Haus auf der bislang grünen Wiese.

Auf dem Land wird in Deutschland mehr gebaut als gebraucht wird und in den Ballungsräumen und Städten fehlen die Wohnungen. Das ist die Quintessenz einer vor ein paar Tagen veröffentlichten Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (DIW). Die Aufforderung der Forscher an die Kommunalpolitiker: auf den Dörfern keine neuen Bauflächen mehr ausweisen, stattdessen die innerörtlichen Bereiche attraktiver machen und Leerstände abbauen.

Im Hinblick auf den Landkreis Landsberg skizziert die Studie ein einigermaßen ausgeglichenes Verhältnis von Bevölkerungsentwicklung und Wohnungsbau. Die Forscher haben einen 96-prozentigen Deckungsgrad errechnet wird. Allerdings: Bei den einzelnen Wohnungsgrößen ergibt sich in der Studie ein differenziertes Bild. Zwei- und Vier-Zimmer-Wohnungen seien in den vergangenen Jahren zu wenig gebaut worden, dagegen wurden fast doppelt so viele Fünf-Zimmer-Wohnungen errichtet als notwendig gewesen (268 statt 150).

Also auch im Landkreis ein Überhang an Einfamilienhäusern? Allerorten ragen die Baukräne in die Höhe, es gibt kaum eine Gemeinde, in der kein Baugebiet entsteht. Die Zahlen bestätigen dies. Der Bestand an Wohnungen wuchs laut Statistischem Landesamt von 2007 bis 2014 um fast acht Prozent, die Einwohnerzahl erhöhte sich von 2008 bis 2015 nur um gut drei Prozent.

In einigen Gemeinden klaffen Einwohnerentwicklung und Bautätigkeit besonders auseinander. Beispiel Egling: Die Paartalgemeinde verzeichnete ein Einwohnerminus von 1,1 Prozent, während die Zahl der Wohngebäude und Wohnungen um über sieben Prozent stieg. Zu viele Wohnungen in Egling? „Absolut nicht“, sagt Bürgermeister Ferdinand Holzer. Die 19 neuen gemeindlichen Bauplätze an der Au-straße könnten allesamt an Eglinger verkauft werden. Der Markt für Gebrauchtimmobilien sei ebenfalls ziemlich übersichtlich. In einem bekannten Immobilienportal im Internet werde genau ein Haus angeboten, sagt Holzer. Leerstand sei kein Thema. Die gegenüber der Bevölkerung stärkere Zunahme an Wohnungen erklärt sich Holzer so: Die großen Familien, die ein Haus bewohnen, gebe es nicht mehr, „da will jeder sein eigenes Haus“. Tatsächlich, das belegt eine 2015 veröffentliche Studie der Landesbausparkasse, unterscheiden sich die Haushaltsgrößen in Stadt und Land nicht mehr groß: In Landsberg teilten sich damals durchschnittlich 2,1 Personen eine Wohnung, in den Landgemeinden 2 bis 2,5 Personen. Dass das Einfamilienhaus auf dem Land keine Nachnutzer mehr bekommen würde, glaubt Holzer nicht: „Da sehe ich auch in 30 Jahren keine Probleme “ – Stichwort Greater Munich. Die Tendenz zu immer kleineren Haushalten dürfte auch erklären, dass in großen Gemeinden wie Dießen und Schondorf und der Stadt Landsberg die Zahl der Wohnungen stärker stieg als die Zahl der Einwohner, ohne dass hier Wohnungen leerstehen und Immobilien- und Mietpreise sinken.

Ziemlich synchron verlief die Entwicklung zwischen 2007/08 und 2014/15 in Fuchstal mit Zunahmen von acht bis neun Prozent. Der anhaltende Trend zum Einfamilienhaus im Neubaugebiet ist auch hier sichtbar, und Bürgermeister Erwin Karg ist wie die DIW-Forscher darüber wenig glücklich: „Ich gebe jedem ein Frei-Eis aus, der im Ortskern baut“, verspricht er. Neben dem Elternhaus auf der Hofstelle im Dorf tue das fast niemand: „Die meisten wollen lieber mit ihren Kumpels auf der freien Wiese ein Einfamilienhaus errichten.“ Werde da der Kaufwunsch für einen Einheimischen-Bauplatz verwehrt, weil auf dem Familienbesitz Platz für ein weiteres Haus wäre, stoße dies oft auf Unverständnis.

Daneben wolle die Gemeinde den Bauboom in bestehende Siedlungsbereiche lenken. Die Gemeinde baue momentan innerörtlich selbst vier Vierfamilienhäuser, private Bauherren insgesamt 44 Wohnungen, zählt Karg auf. Dass die Einfamilienhäuser der Gegenwart die Ladenhüter der Zukunft sind, befürchtet auch Karg nicht: Solange die hiesige Wirtschaft gut laufe, werde Fuchstal gefragt bleiben. Über ähnliche Erfahrungen kann Thainings Bürgermeister Leonhard Stork berichten: Auf vielen Höfen im Ortskern lebten nur noch eine oder zwei Personen. Das Elternhaus zu erweitern oder daneben zu bauen wollten nur wenige junge Leute. Gebrauchtimmobilien seien bei Einheimischen ebenfalls wenig gefragt, diese fänden meist auswärtige Käufer, erzählt Stork. Die Jungen ziehe es ins Neubaugebiet.

Und die Kommunalpolitik tue sich schwer, sich diesem Wunsch zu entziehen. Als in Thaining über viele Jahre keine neuen Bauflächen ausgewiesen wurden, seien etliche junge Leute weggezogen – und teilweise mit den Bauplätzen wieder zurückgekommen. „Das ist ein Dilemma“, so Stork. Weil man dies erkannt hat, nimmt die Gemeinde das Städtebauförderungsprogramm in Anspruch, das auf die Ortskerne abzielt. Ergebnisse liegen aber nicht vor: „Wir machen eine Bestandsaufnahme“, berichtet Stork.

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