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Herrsching

08.09.2018

Der Tag, als „Anna 2“ in sein Leben trat

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2 Bilder
Viele haben die Antonov AN-2 von Andreas Wild bestimmt schon einmal bei einem Flug über den Ammersee gesehen. Im Hintergrund Pilsen- und Wörthsee.
Bild: Andreas Wild

Der Herrschinger Andreas Wild fliegt einen der größten Doppeldecker der Welt. Mit seiner Antonow 2 bietet er Rundflüge über dem Ammersee an. Der Pilot

Muss man tollkühn sein, einen inzwischen 60 Jahre alten Doppeldecker von Afrika bis nach Bad Wörishofen zu fliegen? Muss man nicht. Aber es gehören Liebe zur Fliegerei und ein Hang zur Nostalgie dazu, eine goldene Ära der Luftfahrt tagtäglich nacherleben zu dürfen. Der Herrschinger Andreas Wild ist einer der wenigen, die im Besitz eines der größten Doppeldecker der Welt, einer Antonow 2, sind und damit fliegen.

Dabei hatte Andreas Wild eigentlich schon eine Antonow. „Ein Bekannter schenkte mir mal zum 40. Geburtstag ein kleines Flugzeugmodell.“ Das war 2001. Die erste Antonow 2 stand also im Haus des gebürtigen Münchners, der über Kaufbeuren und Kempten nach Wessling gekommen war. Von da aus ist es nach Oberpfaffenhofen nicht weit und dort war Wild während seines Studiums der Elektrotechnik Teil der Flugsportgruppe der DLR. „Das waren alles Wissenschaftler“, erinnert er sich. 1999 tauchte dann zum ersten Mal die Frage auf, ob er nicht Fluglehrer werden wollte. Für den heute in Herrsching lebenden Berufspiloten war das „eine weitere Komponente der Sinnhaftigkeit“.


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Und nur zwei Jahre später war es so weit: Anna trat in sein Leben. Anna, das ist die Antonov AN-2, eine 1958 gebaute – Andreas Wild ist Jahrgang 1961 – Flugmaschine mit einem legendären 9-Zylinder-Sternmotor, 1000 PS und einer Fluggeschwindigkeit von 180 Stundenkilometern. Wie langsam dies aber doch eigentlich sein kann, sollte er am eigenen Leib erfahren, als er 2004 den Auftrag bekam, eine Antonow, die in Afrika für die Gesellschaft Classic Wings (Nordrhein-Westfalen) eingesetz war, nach Deutschland zurückzuholen. „Das waren 10.500 Kilometer entlang einer alten Postroute.“ Zuvor hatte sich Andreas Wild bereits ganz der Fliegerei verschrieben. Der neue Markt war zusammengebrochen, als freischaffender Programmierer sah er keine große Zukunft.

Die generelle Einweisung auf einer Antonow, dem „russischen Urviech“, erhielt er am Neusiedler See. „Ich saß plötzlich in dem monströsen Cockpit mit vielen Schaltern, Uhren - und vor allem kyrillischen Schriftzeichen.“ Andreas Wild notierte sich auf einem Din-A4-Blatt alle wichtigen, elementaren Dinge und dann ging’s los. Der inzwischen erfahrene Flieger war überwältigt: „Du sitzt in vier Metern Höhe und bewegst fünf Tonnen sanft und behutsam.“

Mit Kerosin fliegt überhaupt nichts

Noch stand die Anna 2 aber in Afrika. Mit LTU dauerte der Hinflug nach Windhoek (Namibia) neun Stunden, bequem in der Passagierkabine – der Rückflug über 60 Flugstunden, vorne im Cockpit, verantwortlich für sich, die Crew und zwei Fluggäste, die das Abenteuer mitmachen wollten. Was er schnell lernte: Afrika hat seine eigenen Gesetze. Schon in Livingston, bei den Victoriafällen, wollte er tanken. Kein Benzin verfügbar. Erst am nächsten Tag kam der Spritlaster. Der Zeitplan war durcheinander und damit auch sämtliche Genehmigungen futsch. Die Zeit konnte Wild zwar wieder aufholen, den Fluggästen jedoch wurde es zu viel. „In Nairobi sind sie während der Flugzeugwartung ausgestiegen und waren raus“, erinnert sich der Pilot lachend. Was ihn jedoch weiter begleitete, war die Ungewissheit: Wie komme ich an Sprit? Die Antonow fliegt mit richtigem Benzin, nicht mit Kerosin. „Wir waren also auf den Flugplätzen der Exot.“ Ergo galt: Wenig Nachfrage, teurer Sprit. Sogar auf Treibstoff einer christlichen Mission griff der Herrschinger Flieger zurück.

Voll beladen mit Sprit gibt das Flugzeug ein leichtes Schussziel ab

Weniger christlich entpuppte sich die Lage im Sudan. Wegen der dortigen politischen Unruhen wurden immer wieder Flugzeuge von Rebellen beschossen. „Wir schafften also so viel Sprit an Bord, wie es ging.“ Der Nachteil: Die Antonow flog wie ein nasser Sack – und blieb in Schussweite. Doch das Wetter meinte es gut. Es hatte die Nacht über geregnet und die Wolken hingen tief. „Ich bin echt kein Draufgänger, aber unsere schwangere Auster wurde mit zunehmender Flugdauer leichter und stieg, bis wir außer Schussweite waren.“ Dann war der schwarze Kontinent Vergangenheit. Der Rest des Fluges über Kreta, Albanien und Dubrovnik war Entspannung pur. Noch einmal Afrika? „Never ever“ versichert Andreas Wild. Als er in Oberpfaffenhofen landen durfte, war das Glücksgefühl groß. Freunde aus Wessling, Mitglieder der Flugsportgruppe - alle waren sie gekommen, um ihn und seine Crew zu begrüßen.

Seit 2011 gibt es nun die Classic Wings Bavaria, die Antonow AN-2 wartet im beschaulichen Bad Wörishofen auf ihre Fluggäste. Nicht Afrika, sondern das Fünf-Seen-Land und die heimischen Berge sind Ziele der Nostalgieflüge, die Andreas Wild und Christian Zeus, ebenfalls Berufspilot, anbieten. Und sollte jemand Flugangst bekommen, kein Problem: „Bei uns ist alles offen und die Leute können ins Cockpit kommen.“ Dort sehen sie dann: alles ist ruhig, die Instrumente und der Pilot auch. Gelassenheit, die man in Afrika lernt.

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