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Landsberg

29.06.2020

Die Kirchen und die abwandernden Schafe

Immer mehr Menschen kehren auch im Landkreis Landsberg den Kirchen den Rücken. Die Zahl der Pfarrgemeinde- und Kirchengemeindemitglieder schwindet, die der Kirchenbesucher bleibt jedoch mehr oder weniger stabil. Unser Foto zeigt die Pfarrkirche St. Nikolaus in Reichling.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Die Zahl der Kirchenaustritte erreicht bayernweit ein neues Rekordhoch. So stark ist der Landkreis Landsberg von der Welle betroffen. Eine Gemeinde trotzt dem Trend allerdings.

Die Bayern laufen den Kirchen davon. Wie berichtet, bewegen sich die Austrittszahlen bei der katholischen und der evangelischen Kirche auf einem Rekordhoch. Auch im Dekanat Landsberg traten 2019 mit 884 Menschen mehr aus der katholischen Kirche aus, als 2018 (770 Menschen). Auch die evangelischen Christen werden in ihren Gemeinden weniger – Ausnahme: Kaufering. Das Landsberger Tagblatt hat mit einigen Pfarrern gesprochen.

Im katholischen Dekanat Landsberg – dazu gehören neben den Landkreisgemeinden auch Pfarreien in Birkland, Wessobrunn, Moorenweis und Türkenfeld – gab es laut Auskunft der Diözese Augsburg Ende 2019 67.275 Katholiken, 2018 waren es noch 68.459.

Dießen 5425 Katholiken zählte die Pfarreiengemeinschaft Dießen Ende 2019, und es gab im vergangenen Jahr 72 Austritte, wie Pfarrer Josef Kirchensteiner mitteilt. Er geht davon aus, dass es in den vergangenen zehn Jahren immer um die 50 Personen pro Jahr waren – „Das ist der Trend, das war schon bei meiner letzten Pfarrei in Penzberg so.“ Kirchensteiner stimmen die Austritte traurig, „für mich ist der Glaube echte Lebenshilfe“, wobei auch zwischen Glaube und Kirchenzugehörigkeit zu unterscheiden sei.

Die Kirchen und die abwandernden Schafe

„Wir als Kirche müssen glaubwürdig sein“

„Wir als Kirche müssen glaubwürdig sein“, so Kirchensteiner, viele verstünden auch die Kirchensprache nicht mehr, Symbole und Bilder müssten übersetzt werden. Er nennt das Thema „Guter Hirte“, das er mittlerweile erklären müsse. Sind leere Kirchen zu befürchten? Der durchschnittliche Kirchenbesuch liegt laut Kirchensteiner bei 573 Besuchern in Summe an einem Wochenende in den Gottesdiensten der neun Kirchen der Pfarreiengemeinschaft Dießen. Und es sind nicht die Gottesdienstbesucher, die austreten: „Es bricht nicht von der Kerngemeinde aus weg, sondern von den Rändern.“ Der Kirchenbesuch bleibe also gleich.

Landsberg In der Pfarrei Mariä Himmelfahrt gab es 2018 48 und im Jahr 2019 81 Kirchenaustritte und in beiden Jahren jeweils einen Eintritt, das heißt ein evangelischer Christ ist konvertiert, teilt das Pfarrbüro mit. Laut Stadtpfarrer Michael Zeitler hat die Pfarreiengemeinschaft Landsberg zwischen 4000 und 4500 Mitglieder. Er macht die Erfahrung, dass Austretende selten das Gesprächsangebot wahrnehmen. Wie kann Kirche den Austritten entgegenwirken? Für Zeitler ist wichtig, dass Kirche an den „Knotenpunkten“ Taufe, Hochzeit und Beerdigung positiv wahrgenommen wird. Am Heiligen Abend begrüße er in der Messe auch die Ausgetretenen oder Besucher anderer Religionen, die in die Stadtpfarrkirche gefunden haben.

Rund zehn Prozent besuchen den Gottesdienst

„Ich bin durchaus der Meinung, dass in unserer Kirche manches reformbedürftig ist. Wir halten an vielen lieb gewonnenen Dingen der vergangenen Jahrhunderte fest, die durchaus kritisch hinterfragt werden sollten.“ Und er wünscht sich, dass die Anliegen von Kritikern ernst genommen werden. Rund zehn Prozent der Gemeindemitglieder besuchten in der Regel vor Corona den Gottesdienst, das sei ein Stück weit gleichbleibend. „Aber wo sind die anderen 90 Prozent?“ Zu Weihnachten sei die Kirche mit bis zu 1000 Besuchern voll.

Reichling Prodekan Michael Vogg erlebt in der Pfarreiengemeinschaft Lechrain, dass die Austretenden, wenn sie sich denn äußern, oft die Einsparung der Kirchensteuer als Grund nennen. Zumeist sind es laut Vogg Personen, die keine Beziehung zur Kirche hätten. Er erlebt aber auch, dass Menschen, die bisher noch keinen Kontakt zur katholischen Kirche hatten und nun beispielsweise eine Katholikin heirateten, eintreten. Und dafür gibt es laut Vogg den Alfakurs, den Grundkurs im Glauben. Für den Geistlichen ist auch wichtig zu vermitteln, dass die Kirchensteuer gewissermaßen eine „Sozialsteuer“ sei und zu erklären, was mit dem Geld im sozialen Bereich getan wird. Beim Kirchenbesuch kann er für die Pfarrei in Reichling sogar einen Anstieg benennen. In Reichling gibt es 736 Katholiken. 2018 traten sechs Gläubige aus der Kirche aus, 2019 waren es zehn.

In einer Kirchengemeinde gibt es eine gegenteilige Entwicklung

Evangelisch-lutherisch Auch bei der evangelisch-lutherischen Kirche im Dekanat Weilheim werden die Gläubigen weniger, bis auf die Kirchengemeinde Kaufering, wie Pressesprecher Norbert Räbiger berichtet. In Landsberg reduzierte sich die Zahl von 6499 auf 6376 Gläubige im Jahr 2019. Es gab 95 Austritte, aber auch Aufnahmen. Bei der Kirchengemeinde Ammersee-West waren es 2018 4346 Gläubige, und 2019 4293 Gemeindemitglieder. 2018 habe es 90 Austritte und 2019 78 Austritte gegeben, so Räbiger. In Kaufering, einer Kirchengemeinde mit einer eher in charismatische Richtung, gehenden, beziehungsweise frömmeren Ausrichtung des Glaubens, habe es dagegen einen Zuwachs gegeben von 2947 im Jahr 2016 bis hin zu 3085 im Jahr 2019.

Für den evangelischen Pfarrer Dirk Wnendt (Ammersee-West) bedeutet, dass jemand aus der Kirche austritt, nicht automatisch, dass er kein Christ mehr sei. Er persönlich müsse den Glauben im Austausch leben und er setzt auch auf einen lebendigen Austausch im Gottesdienst. Jeder Mensch müsse aber für sich seinen Weg zur Spiritualität finden. Für Wendt ist der Verzicht auf „klerikales Gehabe“ und ein hohes Maß an Natürlichkeit wichtig.

Lesen Sie dazu auch: Bayern laufen den Kirchen davon: Austrittszahlen auf Rekordhoch

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