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Augsburg/Landsberg

11.07.2019

Prozess gegen Pfleger: Nothilfe oder sexuelle Belästigung im Pflegeheim?

Wegen eines schweren sexuellen Übergriffs auf einen Wachkoma-Patienten muss sich ein Pfleger vor dem Amtsgericht Augsburg verantworten. Er war in einer Einrichtung im Landkreis Landsberg tätig.
Bild: Jakob Stadler/Archiv

Plus Ein Pfleger legt bei einem Wachkoma-Patienten im Landkreis Landsberg Hand an. Jetzt steht er wegen schweren sexuellen Übergriffs vor Gericht.

Wo hört Nothilfe auf, wo fängt sexuelle Belästigung an? Mit dieser Frage hat sich derzeit das Schöffengericht des Augsburger Amtsgerichts zu beschäftigen. "Wegen schweren sexuellen Übergriffs“ muss sich ein 42-jähriger Pfleger verantworten. Er soll einem Wachkoma-Patienten mit seiner Hand bei einer Dauer-Erektion geholfen haben. Dabei soll er den Patienten auch verletzt haben.

Der Angeklagte spricht von einem Akt der Menschlichkeit

Dem Pfleger war klar, dass er ein delikates Thema anspricht, als er Stellung zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft nahm. Ja, er habe Hand an seinen Patienten gelegt, bestätigte er. Dieser Patient, ein 36-jähriger Mann, liegt seit Längerem im Wachkoma in einer Wohngemeinschaft eines privaten Pflegedienstes im Landkreis Landsberg. Er sei zu keinen Willensäußerungen fähig, hieß es im Prozess. Gleichwohl, so zeigte sich vor Gericht, sei er empfänglich für Berührungen, was sich beispielsweise bei der Intimpflege durch Personal der Einrichtung zeige. Der Angeklagte erklärte, er habe bei dem Patienten im November 2018 – nicht zum ersten Mal – eine stundenlange Dauer-Erektion beobachtet. Um dem 36-Jährigen zu helfen und ihn nicht dem Stress eines Arztbesuches auszusetzen, habe er selbst Hand an den Patienten angelegt. Dabei habe er Latexhandschuhe getragen. Das sei ein Akt der Menschlichkeit und der Nothilfe gewesen, sagte der Pfleger.

Eine Kollegin stellte Rötungen und Hämatome fest

Bei eben dieser Manipulation wurde der Angeklagte von einer 44-jährigen Kollegin beobachtet. Sie sei geschockt gewesen, berichtete die Pflegerin vor Gericht. Sie habe aber zunächst niemanden von ihrer Beobachtung erzählt. Erst als am nächsten Tag am Geschlechtsteil des Patienten Rötungen und Hämatome festgestellt worden waren, habe sie der Heimleitung ihre Beobachtung geschildert.

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Als sich die Pflegedienstleiterin der Einrichtung mit einer unverzüglich beschlossenen fristlosen Kündigung an den Angeklagten wenden wollte, sei sie etwas zu spät dran gewesen. Quasi auf dem Weg in ihr Büro sei der Angeklagte von drei Kriminalbeamten verhaftet worden. Seit November sitzt der 42-Jährige in Untersuchungshaft. Mehrere Zeuginnen bekräftigten, dass aus ihrer Sicht das Handeln des Kollegen nicht akzeptabel gewesen sei, sondern dass er sich an einen Arzt hätte wenden müssen. Auch vom Gericht musste er sich die Frage gefallen lassen, ob nicht ein Arzt der fachlich bessere Helfer für den Wachkomaptienten gewesen wäre.

Das Gericht benötigt fachliche Unterstützung

Obwohl zwei Gutachter, eine Gerichtsmedizinerin und ein Psychologie-Professor, der Verhandlung beiwohnten, war für Richterin Rita Greser schnell klar: Ohne die fachliche Stellungnahme eines Urologen sei vom Gericht kaum zu entscheiden, ob das Handeln des Angeklagten in irgendeiner Form als Nothilfe eingeschätzt werden könne oder ob es sich wie angeklagt um eine Straftat gehandelt habe. Zu unklar waren die von Zeugen geäußerten Beobachtungen und Einschätzungen von Erektionen bei dem Patienten.

Das Gericht setzte deshalb zwei Fortsetzungstermine für die Hauptverhandlung an. Mit einem Urteil ist Mitte August zu rechnen.

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