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Themenwoche

22.10.2019

Was es über Palliativmedizin zu wissen gibt

Palliative Gesprächsrunde in der Säulenhalle mit (von links) Dr. Karlheinz von Jan, Moderatorin Sabine März-Lerch, Rebecca Dafain, und Dr. Josef Binswanger.
Bild: leit

Drei Experten berichten, auf was es bei ihrer Arbeit ankommt

In jeder Stunde sterben in Deutschland um die 100 Menschen, die meisten davon in Krankenhäusern, einige in Senioren- oder Pflegeheimen. Nur rund ein Viertel stirbt daheim. Letzteres sei dank gut vorbereiteter und ausgebildeter Hospizbegleiter und palliativer Fachkräfte möglich, führte Moderatorin Sabine März-Lerch zu Beginn einer vom Hospiz- und Palliativverein Landsberg (HPV) organisierten Gesprächsrunde mit dem Titel „Zum Schluss SAPV“ aus. SAPV bedeutet „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung“. Die Gesprächsrunde war Teil der Veranstaltungswoche „Bis zuletzt lachen“ des Hospizvereins.

Auf dem Podium in der Säulenhalle, inmitten der Ausstellung „Abschied“, hatten dafür neben der Moderatorin, die beiden Palliativmediziner Dr. Karlheinz von Jan und Dr. Josef Binswanger sowie die Palliativpflegefachkraft Rebecca Defain Platz genommen. Von Jan, Ärztlicher Leiter des Ambulanten Palliativteams (APT) Fürstenfeldbruck, hatte weitere Zahlen parat. So kenne nur ein Viertel der Bevölkerung den Begriff palliativ „und 80 Prozent davon reagieren bei dem Begriff gehemmt“.

Palliativcare sei einfach zu beschreiben. Palliare bedeute umhüllen, den ganzen Menschen sehen. Care sei Ausdruck für sorgen, sich kümmern. Mit Palliativ sei eine Kultur des Gegenübertretens gemeint. „Es ist die Haltung, wie ich auf jemanden zugehe“, sagte Rebecca Defain. Einiges Fingerspitzengefühl sei notwendig, schließlich seien jeder Kranke und jeder Krankheitsverlauf unterschiedlich.

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Wer kann nun die Dienste des SAPV beziehungsweise des APT nutzen? Wenn Pflege an Grenzen stoße, der Patient sehr stark leide, wenn er auf das Sterben zugehe, dann spätestens sei es Zeit dafür, sagte von Jan. „Das hausärztliche System wird nicht ersetzt“, so von Jan, vielmehr werde auf vertrauensvolle Zusammenarbeit gesetzt.

Die SAPV stehe auf zwei Säulen, erklärte der Palliativmediziner. Etwa 40 Prozent seien medizinische und pflegerische Maßnahmen. „Die Care-Säule trägt 60 Prozent, weil wir es mit einer hochsensiblen Situation mit Unsicherheiten und Ängsten zu tun haben.“ In Landsberg ein APT-Team zu gründen (LT berichtete), sei eine unbedingte Notwendigkeit gewesen, betonte Dr. Josef Binswanger. „Vorher haben wir auf hemdsärmelige Art und Weise versucht, Versorgung zu gewährleisten.“

Der Palliativmediziner forderte hinzusehen, „was tut dem Patienten besonders gut“ und gebe es nicht mehr viel Hoffnung auch Offenheit diesem gegenüber. Es dürfe nichts beschönigt werden. Leider sei das Tabu „Sterben“ auch unter Medizinern verbreitet, so Binswanger. Auf Sabine März-Lerchs Frage, ob denn der Arzt nicht mit seiner Profession hadere, wenn er einem Patienten sagen muss „es geht nicht mehr weiter“, erklärte Dr. von Jan: „Ärzte müssen das akzeptieren, auch für ihr eigenes Leben“. Binswanger meinte dazu: „Auch wenn nichts mehr zu tun ist, ist noch sehr viel zu tun“.

Rebecca Defain kritisierte, dass stets zu spät mit dem Patienten über das geredet werde, was er wirklich möchte. Der richtige Zeitpunkt, wann palliative Maßnahmen ergriffen werden sollten, sagte Defain, könne nicht exakt vorhergesagt werden. „Wir sind flexibel und spontan da. Mal sind es nur zwei oder drei Tage, mal zwei oder drei Jahre.“ Über die Rolle der Hospizbegleiter sagte Binswanger, Betreuung und Begleitung seien immer eine Gemeinschaftsleistung. Es sei vernetzte Teamarbeit und Verständigung auf kurzem Dienstweg. Die Zusammenarbeit innerhalb des Klinikums Landsberg sei ebenfalls sehr gut, betonte Josef Binswanger, als Internist selbst Teil des Teams. Es gebe zwar keine Palliativstation, so Binswanger, er erfahre aber bei Teambesprechungen von Fällen für Palliativversorgung.

Das Wissen um Betreuungsmöglichkeiten in Familien verbreiten, Scheu und Angst davor und vor dem Sterben ablegen, authentisches Miteinander und vor allem eine offene, wahrhaftige Haltung den Menschen gegenüber waren Dinge, die sich die Podiumsteilnehmer wünschten. Letztendlich gebe es bei aller Trauer über den Tod eines Menschen auch Grund zu lachen, sagte Rebecca Defain. „Wenn Angehörige unser Angebot annehmen und wir gemeinsam den eben Verstorbenen einkleiden, dann werden oft lustige Anekdoten erzählt.“ (löbh)

Hospiz- und Palliativverein HPV Landsberg, Telefon 08191/42388, Ambulantes Palliativteam APT Landsberg 08191/9859864.

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