Rund 100.000 jüdische Menschen leben aktuell in Deutschland. Doch was macht jüdisches Leben heute aus? Was wissen wir darüber? Welche jüdischen Feste gibt es? Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Chanukka“? Fragen, die der Verein Gedenken in Kaufering in einem Videoprojekt beantworten möchte, das am Sonntag offiziell vorgestellt wird. Dabei habe junge Erwachsene jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger interviewt und viel über das jüdische Leben erfahren.
Der Verein Gedenken in Kaufering hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Denn heuer werden 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert. Bereits im vergangenen Jahr reichte der Verein ein Projekt bei der deutschlandweiten Aktion zu diesem Anlass ein. Die Idee: Im Rahmen von Workshops die einzelnen Feste und Traditionen der jüdischen Mitmenschen genauer ansehen und die Kultur miterleben. Bedingt durch die Corona-Pandemie stand das alles vor dem Aus, weshalb sich die Mitglieder des Vereins Gedenken in Kaufering kurzerhand dafür entschieden, das Thema stattdessen in der digitalen Welt umzusetzen: eine sechsteilige Videoreihe sollte entstehen.
„Der Aufbau der Videos ist immer gleich: Ein Kamerateam besucht zusammen mit einem Jugendlichen einen Gesprächspartner, welcher über einen Themenbereich der jüdischen Feste mehr erzählen kann. Bei jedem Gespräch treffen unterschiedliche Jugendliche und Gesprächspartner zusammen, die jungen Erwachsenen haben wenig bis keinerlei Ahnung von den jüdischen Traditionen“, sagt Sophia Albrecht, die Aufnahmeleiterin der Gesprächsreihe.
Zusammen mit der Studentin Rebecca Breeger besuchte die 20-Jährige beispielsweise Assja in Frankfurt. Assja bezeichne sich selbst als modern-orthodoxe, deutsche Jüdin und habe Rebecca einen groben Überblick über den jüdischen Kalender mit sämtlichen Feiertagen und Anlässen für eine Feier gegeben. Weiter ging es in Berlin: dort war das junge Team zu Gast bei einer jüdischen Hochzeit, und die Studentin Carla Fischer durfte das frisch vermählte Brautpaar im Nachhinein zum Thema „jüdische Hochzeiten“ interviewen. Neben Essen, Getränken und einem weißen Brautkleid geht es in dieser Folge auch um den Begriff „Chuppa“, die Unterschiede zwischen der christlichen und der jüdischen Hochzeitszeremonie, sowie die Hintergründe mancher Bräuche und Traditionen.
Die Teilnehmer des Projekts kommen aus ganz Deutschland und sind zwischen 18 und 22 Jahre alt, sagt Sophia Albrecht. Sei seien über verschiedene Kanäle zum Projekt gestoßen – unter anderem Berliner Studienkollegen ihres Bruders Stephan Maximilian Albrecht, der sich ebenfalls im Verein engagiert. Gesprächspartner bei den Videos waren auch zwei Mitglieder des neuen Vorstands des Vereins Gedenken in Kaufering. Maximilian Frommer aus Schwabmünchen und Benedikt Mayer aus Beuerbach konnten dabei mehr über die jüdische bezeihungsweise jiddische Musik erfahren und koscheres Essen im Restaurant der israelitischen Kultusgemeinde München probieren.
Die Videoreihe soll an den Schulen im Kreis Landsberg gezeigt werden
Insgesamt seien in den vergangenen Wochen sechs Videos entstanden, in denen zudem die Themen Musik, Kabarett, jüdische Jugendliche und koscher im Restaurant beleuchtet wurden. „Sämtliche Gespräche sind aufgezeichnet, und aktuell arbeiten wir intensiv am Schnitt“, sagt Sophia Albrecht. Sie sei glücklich darüber, dass das Projekt „Jüdische Feste feiern“ nun tatsächlich mit einem kleinen Abschlussfest in München am Sonntag, 27. Februar, gefeiert werden könne. Ab Sonntag werden die sechs Videos der Gesprächsreihe auf dem Youtube-Kanal „Gedenken in Kaufering e.V.“ sowie der gleichnamigen Facebookseite veröffentlicht. Außerdem soll die Videoreihe aktiv den Schulen aus den Landkreisen zur Verfügung gestellt werden, um dort neben der Holocaust-Gedenkarbeit und Zeitzeugengesprächen in Zukunft auch mehr Unterrichtsmaterial zum aktuellen jüdischen Leben in Deutschland anbieten zu können.
„Der Verein ist glücklich über dieses innovative, in die Zukunft blickende Projekt“, sagt Sophia Albrecht, deren Familie in Denklingen lebt. Zuletzt hatte die Mitgliederversammlung eine Satzungsänderung beschlossen, um Jugendarbeit und digitale Gedenkarbeit zu fördern und zu entwickeln.