Rieden: Agrarminister Özdemir in Rieden: Grüne Politik und weißes Gold
Rieden
Agrarminister Özdemir in Rieden: Grüne Politik und weißes Gold
Der Bundesagrarminister besucht den Jackelhof in Rieden. Wie Politiker und Milchbauern einander von ihren Vorstellungen von ihren Ideen überzeugen wollen.
Cem Özdemir auf dem Hof der Familie Höpfl und die Landtagsabgeordneten Ludwig Hartmann, Gabriele Triebel sowie dem Fürstenfeldbrucker Grünen-Landtagskandidaten, Andreas Birzele.Foto: Thorsten Jordan
Grün ist am Mittwochmorgen nicht nur das Futter für die Milchkühe auf dem Jackelhof in Rieden. Auch Bauer Josef Höpfl hat sich ein grünes Hemd angezogen für den Besuch von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), den hiesigen Landtagsabgeordneten der Grünen und seinen Kollegen vom Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM). Knapp vier Wochen vor der Landtagswahl gilt es Überzeugungsarbeit zu leisten – und zwar von beiden Seiten.
Den Politikern geht es um Stimmen, und den Bauern darum, die Politiker von ihren Vorschlägen und Interessen zu überzeugen. Zum Warm-up wird aber erst einmal der seit mehr als 500 Jahren nachweisbare Hof besichtigt, den die Familie Höpfl seit 2009 ökologisch bewirtschaftet. 60 Milchkühe, ein Zuchtstier, Jungvieh und Kälber sowie ein paar Schweine werden gehalten, 40 Hektar Wiesen und Weiden, 20 Hektar Acker und 15 Hektar Wald bewirtschaftet. Dazu kommen ein Holzvergaser, der aus Hackschnitzeln Strom und Wärme erzeugt, eine Photovoltaikanlage und die Direktvermarktung von Milch und Milchprodukten, Brot und Fleisch.
Agrarminister Özdemir nimmt auch eine Gabel in die Hand
Der Bundeslandwirtschaftsminister hört dem Vortrag Höpfls aufmerksam zu. "Es ist ein Phänomen, wie das Vieh das in großartige Produkte verwandelt", sagt Özdemir, während er vor den Fotografen mit einer Gabel ein Büschel Gras hebt. Das lässt er gern geschehen. "Solange ich nicht mit der Mistgabel vertrieben werde, ist das okay", fügt er launig an. Man redet übers Wetter, das besonders den Grünlandbauern zu schaffen macht. Wiesen reagierten sensibler auf Trockenphasen als Äcker, erklärt Höpfl. In trockenen Jahren fehle ein Grasschnitt und man komme öfter ans Limit der Futterversorgung.
(Von links) Erika und Josef Höpfl mit Cem Özdemir, Ludwig Hartmann, Gabriele Triebel und Andreas Birzele, Christian und Michael Höpfl und Franziska Klügl vom Jackelhof in Rieden.Foto: Thorsten Jordan
Dann geht's an den großen Frühstückstisch unter dem Vordach einer Scheune und ans Eingemachte: Bäuerin Erika Höpfl gibt den Grundton der nächsten Stunde vor. Es geht ums Geld, um den Milchpreis. 54 Cent pro Liter seien es aktuell für Biomilch, erklärt sie. Um die Kosten zu decken, wären nach Berechnungen des BDM aber 67 Cent nötig. Nachdem 2021/22 die Milchmengen um zwei Prozent rückläufig waren, stiegen die Preise, zuletzt seien sie aufgrund wieder gestiegener Milchmengen gefallen, fügt BDM-Vorstandssprecher Hans Foldenauer aus Irsee an. Da schon kleine Mengenschwankungen große Preisschwankungen auslösten, setze der BDM auf ein feineres Marktmanagement. Eine politisch anerkannte europaweite Branchenorganisation der Milcherzeuger solle die Produktion verringern, wenn eine Milchschwemme zu erwarten ist, um die Preise nicht abstürzen zu lassen, so lautet die Vorstellung des BDM. Dass die Grünen in der Opposition ebenfalls in diese Richtung dachten, "hat uns viel Hoffnung gegeben", blickt Foldenauer zurück. "Jetzt haben wir seit fast zwei Jahren eine andere Konstellation, aber passiert ist wieder nichts", kritisiert der BDM-Funktionär. Dsas habe ihn als Wähler der Grünen enttäuscht.
Den Milchpreis benennt der BDM als Hauptproblem
Die Landespolitik könne nur "kleine Rädle" drehen, erwidert die Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel, und sich beispielsweise für mehr Bioprodukte in Firmenkantinen und Schulküchen einsetzen. Agrarminister Özdemir verweist auf die Bemühungen, die Konsumenten zu informieren etwa über den Wert ökologischer Landwirtschaft für die Humusbildung und die Wasserbindung. Er erwähnt Bundesprogramme für den ländlichen Raum und den Umbau der Tierhaltung. Aber er benennt auch auf die Grenzen seiner Möglichkeiten, die ihm die Koalitionspartner, die EU, und zuletzt nicht mehr so üppige Steuereinnahmen und die hohe Inflation setzten.
An einem großen Frühstückstisch auf dem Jackelhof in Rieden diskutierten die Vertreter des Bunds Deutscher Milchviehhalter mit Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir.Foto: Thorsten Jordan
"Wir haben keine kostendeckenden Preise, das ist das Kernproblem", sagt Manfred Gilch vom BDM-Bundesvorstand. Wenn der Milchpreis um 25 Cent zurückgehe, seien das für die deutschen Milcherzeuger Mindereinnahmen von 7,5 Milliarden Euro. "Da kann kein Steuergeld helfen", unterstreicht Hans Foldenauer.
Wo die Grünen für die Landwirtschaft pragmatisch sein wollen
Kritik wird auch an den Stilllegungsvorgaben vier Prozent der Agrarfläche betreffend geübt. Das sei im Landkreis Landsberg die Fläche von 20 durchschnittlich großen Höfen, rechnet Bauernverbandsobmann Johann Drexl vor. Als praxisfremd werden die neuen Standards für den guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand von Flächen kritisiert. Da verweist Özdemir auf die Verantwortung der EU-Kommission, des Europaparlaments und der EU-Mitgliedsländer, und die seien mehrheitlich "schwarz" dominiert. Er habe deren Vorgaben bei seinem Amtsantritt geerbt. Auch das Naturschutzgesetz sei in der Zeit seiner Vorgängerin geändert worden, merkt Özdemir mit Blick auf das Thema Wolf an – und zeigt sich offen, den Wolfsschutz zu relativieren: "In der Almwirtschaft wollen wir keine Zäune, da bin ich für pragmatische Lösungen."
Dass man sich an der Lebenswirklichkeit orientiert, hebt auch Gabriele Triebel hervor: Die bayerischen Grünen hätten gesagt, dass auch Holz als nachwachsender Rohstoff im Gebäudeenergiegesetz zu behandeln sei, und setzten sich für Übergangsfristen für eine Kombination aus Weide- und Anbindehaltung in der Milchkuhhaltung ein.
Knapp zwei Stunden dauert der Besuch Özdemirs beim BDM und das Fazit von Sprecher Foldenauer hört sich danach diplomatisch an: "Die Politik verteilt gerne Geld", meint er.