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Porträt

25.08.2018

„Das ist unser Haus“

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5 Bilder
Vorher: Das in Türkheim als „Satzger-Haus“ bekannte Gebäude wurde wohl um 1767 gebaut. Seit dieser Zeit hatte der Zahn der Zeit erkennbar Spuren hinterlassen.

Wie ein Allgäuer Ehepaar in China auf die Idee kam, in Türkheim ein marodes, altes Haus zu kaufen und liebevoll bis ins Detail zu renovieren. Jetzt freuen sie sich, bald Türkheimer zu sein

Eigentlich war es ganz einfach: „Das ist unser Haus“, waren sich Manuela und Antanas Zakys sofort einig, als sie das in Türkheim als „Satzger-Haus“ bekannte alte Bauern- und Gesindehaus aus der Zeit von Herzog Maximilian Philipp in der Grabenstraße 7 in Türkheim entdeckt hatten.

Und doch hatte die Sache einen klitzekleinen Haken: Manuela (37) und Antanas Zakys (38) konnten nicht eben mal so vorbei fahren, das Haus besichtigen oder den Kaufvertrag unterschreiben – ganze 12 147,5 Kilometer liegen zwischen ihrem Türkheimer Traumhaus und ihrem derzeitigen Wohnsitz, der Acht-Millionen-Einwohner-Metropole Shenyang im Nordosten der Volksrepublik China, der Hauptstadt der Provinz Liaoning, gut eine Flugstunde von der Hauptstadt Peking entfernt.

Dort arbeitet Antanas Zakys als Manager bei BMW, hier werden seit Anfang 2016 in einem neuen Werk jährlich rund 300 000 Fahrzeuge nur für den chinesischen Markt produziert. Seit sechs Jahren lebt das Ehepaar Zakys nun schon in China, der fünfjährige Sohn Maximilian wurde hier geboren und kennt Deutschland nur aus kurzen Urlaubsaufenthalten.

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Seine dreijährige Schwester Magdalena hingegen wurde in Deutschland geboren – weil die Schwangerschaft schwierig war, kam Manuela Zakys in die „alte Heimat“, um sich im Memminger Krankenhaus auf die Geburt der kleinen Magdalena vorbereiten zu lassen. Und damit begann die Geschichte eigentlich auch erst so richtig ...

Schön wäre es, wenn der kleine Maximilian dann in Deutschland eingeschult werden könnte, so die Pläne der jungen Familie. Als feststand, dass der gebürtige Memminger Antanas Zakys wieder zurück an den Münchner Stammsitz von BMW wechseln wird, war für die jungen Eltern schnell klar: Sie wollen zurück ins Allgäu, wo sie selbst eine schöne und behütete Kindheit hatten. Das wollten sie ihren beiden Kindern unbedingt auch ermöglichen: „Wir wollten die Kinder in unserer Heimat aufwachsen sehen, nicht in der Großstadt München“, sagt Manuela Zakys, die aus Lautrach kommt. Und dann machten sich auf die Suche nach einem Haus.

Na ja, nach „einem“ Haus dann auch wieder nicht – es sollte schon ein Haus mit einem besonderen Charakter sein, sagt Manuela Zakys, die Informatik studiert hat und zudem ein Händchen für Gestaltung mitbringt. Ein schönes, altes Haus vielleicht? Ja! Aber wo?

So hatte sich das Ehepaar schon länger auf die Suche gemacht – allerdings erstmal am Computer, von China aus. Doch irgendwie wollte kein Objekt so recht zu ihnen passen – entweder die Lage war nicht ideal oder das Haus passte nicht zu ihren Vorstellungen und Bedürfnissen. Bei einem ihrer seltenen Besuche in ihrer Allgäuer Heimat setzten sie sich dann einfach mal ins Auto und klapperten einige Objekte in der Region ab.

Sie kamen dabei mehr zufällig auch nach Türkheim – und verliebten sich schnell in die schön gelegene und historische Marktgemeinde an der Wertach mit ihrer reichen Geschichte, der idyllischen Landschaft drumherum und der guten Verkehrsanbindung durch Autobahn und Bahnlinie. Allein – „ihr“ Traumhaus war auch in Türkheim nicht zu finden. Noch nicht ...

Denn erst in der Zeit im Memminger Krankenhaus hatte Manuela Zakys plötzlich viel mehr Zeit, um sich der Suche nach dem passenden Haus zu widmen: „Mir war in der Klinik ganz schön langweilig“ sagt sie heute.

Ein Glück, denn so stolperte sie auf einem Online-Portal über ein altes Haus in Türkheim: Zwar hatte der Zahn der Zeit schon erkennbar seine Spuren an dem historischen Gebäude hinterlassen. Doch auf den Fotos sah es immer noch bezaubernd aus, erinnert sich Antanas Zakys.

Als Manuela Zakys noch im Wochenbett lag, hatte sie das Inserat entdeckt und spontan eine E-Mail an ihren Mann Antanas geschickt mit dem Kommentar: „Unser Haus!!!“. Ein paar Tage später nahm der frisch gebackene zweifache Papa dann mit seinem Vater das Haus erst einmal vorsichtig unter die Lupe – und kam begeistert zurück ins Krankenhaus. Erst fünf Wochen nach der schwierigen Geburt konnte auch Manuela Zakys ihr Traumhaus mit eigenen Augen sehen – aber nur ganz kurz, weil da schon wieder der Flieger nach China wartete. Solche „Kleinigkeiten“ wie Notartermin etc. musste die Familie dann nach der Abreise aus der Ferne per Mail und Telefon regeln.

An ihrer Begeisterung änderte das aber ganz und gar nichts, denn es war ja eigentlich ganz einfach: „Das ist unser Haus!“

Ganz einfach, eigentlich – doch dann kamen auch schon die Probleme: Immerhin stammt das alte Gemäuer vermutlich aus dem Jahr 1767, wurde als Bauern- oder Gesindehaus für die Bediensteten des Herzogs Maximilian Philipp gebaut.

Wie sich später herausstellte, wurde es wohl um das Jahr 1811 zu einem Wohnhaus umgebaut. Und danach auch immer wieder verändert, verbaut, neu genutzt, abgewohnt.

Wie kann man denn ein so altes und renovierungsbedürftiges Gebäude sanieren – von China aus, mehr als 12 000 Kilometer entfernt? „Nur mit der Unterstützung von Menschen, auf die man sich absolut verlassen kann“, sagt Antanas Zakys heute. Der Memminger Architekt und Dipl.-Ing. Franz Arnold war für das Ehepaar Zakys der ideale Partner vor Ort, Vater Antanas Zakys senior (66) übernahm die Organisation vor Ort und ab und zu half auch Florian Miller (30), der Bruder von Manuela Zakys, tatkräftig mit.

Das klingt dann aber doch viel einfacher, als es tatsächlich war: Jeden Tag gingen mehrfach Fotos hin und her, wurden Pläne und Skizzen per E-Mail verschickt und abgestimmt, unzählige Telefonante geführt, Handwerkerfirmen gesucht, Fliesen oder Fenster ausgesucht und und und.

„Ich glaube, das war für unsere Leute vor Ort manchmal schon ein bisserl anstrengend“, sagt Manuela Zakys heute mit einem entschuldigenden Augenzwinkern. Denn schließlich war auf manchem Foto das Ergebnis dann eben doch nicht immer so, wie sie sich das im fernen China vorgestellt hatten. Also nochmal – hin und her, bis die optimale Lösung gefunden war.

Ein entscheidendes Mosaikteilchen war letztlich ein 3-D-Modell, das Manuela Zakys auf Basis der Planunterlagen des Architekten kurzerhand selbst erstellt hatte, um das Innendesign planen zu können und eine bessere Vorstellung vom Haus zu bekommen: „So können wir wenigstens virtuell schon mal durch unser Haus laufen und die wichtigsten Entscheidungen am Computer überdenken und gemeinsam treffen“, ist Manuela Zakys noch immer erleichtert über die modernen Möglichkeiten der Bautechnik. Dass der Zeitunterschied – China ist Deutschland sechs Stunden voraus – die Kommunikation auch nicht gerade erleichterte, liegt auf der Hand.

Ach ja, dann war da ja auch noch der Denkmalschutz: Immerhin konnte nicht einfach so losgewerkelt werden an diesem historischen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Vor allem der wunderschöne Stuck an der Hausfront und einige Stuckelemente im Inneren wollten die neuen Hausbesitzer unbedingt erhalten. Dass ihnen dabei vonseiten der Marktgemeinde Türkheim, dem Landratsamt und der Regierung von Schwaben auch finanzielle Mittel zugutekamen, freute die beiden Bauherren natürlich umso mehr.

Und auch die reibungslose Zusammenarbeit mit den Behörden, allen voran mit Kreisbaumeister Claus Irsigler und Oberkonservator Michael Habres vom Bayerischen Landesamt für Denkmalschutz loben die Hausherren genauso in den höchsten Tönen wie die Arbeit der ausführenden Handwerkerfirmen.

So behutsam wie nur möglich wurde aus dem alten Gesindehaus ein liebevoll restauriertes Traumhaus, das seinen altehrwürdigen Charme auf einmalige Art und Weise bewahrt hat – und dennoch einer modernen jungen Familie ein wunderschönes Zuhause bieten wird. Bald ist es also vorbei mit dem „virtuellen Rundgang“ durch ihr neues Türkheimer Zuhause – zum Jahreswechsel will die vierköpfige Familie Zakys dann endgültig hier einziehen.

Alle vier freuen sich schon so sehr auf ihre neue Heimatgemeinde Türkheim und die vielen freundlichen Menschen, die sie bei den gelegentlichen Besuchen an der Wertach in den vergangenen zwei Jahren hier auch schon kennenlernen durften. Und sie sind auch ganz sicher, dass sich Söhnchen Maximilian schnell in seine neue Heimat einleben wird. Er kennt Deutschland zwar bislang nur aus kurzen Urlaubsaufenthalten – aber mit zwei waschechten Allgäuern als Eltern wird es er hier ganz leicht haben: „Er spricht fließend Chinesisch und Deutsch. Und natürlich auch Allgäuerisch...“, sagen seine Eltern lachend. Dann kann ja nichts mehr schief gehen ...

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