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Oberrieden

27.02.2018

Eine Prüfung mit Gänsehautmomenten

Gerade jetzt, bei den letzten Proben vor ihrem wichtigen Konzert, legt Marina Beer Wert auf jedes Detail. Die 23-jährige Dirigentin der Musikkapelle in Oberrieden weiß, was sie will.
Bild: Ulla Gutmann

Marina Beer steht am Samstag ein besonderes Konzert bevor. Es geht um nichts Geringeres als ihre Zukunft als professionelle Dirigentin. Was sie und die Musiker aus Oberrieden den Zuhörern bieten wollen

Marina Beer ist erst 23, aber wenn sie über ihre Berufung spricht, wirkt sie wie eine Frau, die schon jahrzehntelang den Takt vorgibt. Für ihr Alter hat sie enorm viel Erfahrung: Sie war kaum volljährig, da übernahm die Gennacherin schon die Leitung der Musikkapelle Oberrieden. Nun, fünf Jahre später, will die junge Dirigentin mit „ihren“ Musikern einen Meilenstein in ihrem Leben schaffen: ihr Examenskonzert zum „Bachelor of Music“. Am Samstag ist es soweit – und jeder, der will, kann hautnah dabei sein.

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Marina Beer stammt aus einer musikalischen Familie und spielt selbst neben diversen Blasinstrumenten auch Akkordeon, Gitarre, steirische Harmonika und Klavier. Erste Erfahrungen sammelte sie auf der Musikfachschule in Krumbach; bei einem Kurs zur Ensembleleitung merkte die heute 23-Jährige, wie sehr ihr das Dirigieren liegt. Sie belegte einen C3-Kurs beim Allgäu-Schwäbischen Musikbund (ASM) und stellte dann fest: „Ich will mein Hobby zum Beruf machen.“

Das nötige Talent dazu hat sie offenbar auch, denn die Gennacherin bekam einen der seltenen Plätze am Leopold-Mozart-Zentrum in Augsburg, wo sie jetzt Blasorchesterleitung und Trompete studiert. Sie ist eine der Jüngsten, die diesen Weg gehen, doch sobald sie den Taktstock in die Hand nimmt, sind Angst oder Unsicherheit vergessen. „Ich habe im Dirigieren irgendwie das Selbstbewusstsein“, sagt Marina Beer, als wundere sie sich selbst darüber. „Da habe ich nicht drüber nachgedacht, ich habe mich einfach wohlgefühlt.“

Eine Prüfung mit Gänsehautmomenten

Die Musiker stehen hinter ihr

„Ihre“ Musikkapelle Oberrieden, die sie vor fünf Jahren übernahm, hat sie mit ihrer Arbeit überzeugt. „Die Leute hatten das Vertrauen in mich“, sagt sie heute. Dass sie sich vorstellen könnte, gemeinsam mit ihnen das Examen zu absolvieren, hatte die Studentin ihren Musikern früh angekündigt. Sie waren bereit, diesen Weg mit ihr zu gehen. Was es wirklich bedeutet, merkten sie aber erst jetzt, sagt Marina Beer: „Das ist heftig und wir müssen viel proben. Aber alle sind sehr ehrgeizig und jeder steht hinter mir.“ Drei Stücke der Prüfung wurden schon beim Jahreskonzert „geübt“. Doch statt der üblichen Erholungspause nach dem Jahreskonzert stehen jetzt zwei- bis dreimal pro Woche Proben auf dem Programm. Jedes Mal mit den Musikern ein Stück voranzukommen, das ist das erklärte Ziel der ehrgeizigen jungen Frau.

Ihre eigene Arbeit für die Prüfung dauert schon viel länger an. Marina Beer hat die ganze Partitur auswendig gelernt und analysiert, sie hat sich Interpretationen angehört und eine eigene gefunden. Bevor sie in die erste Probe ging, kannte sie bereits jeden Ton in- und auswendig – und wusste, wie er gespielt werden soll: breit, hüpfend, mit Akzent oder ohne. „Es ist eine immense Vorarbeit, bis man den Musikern das Stück zeigt“, sagt sie.

Ihre Tage bis zur Prüfung sind gut gefüllt, denn auch die Musikvereinigung Thannhausen oder das Jugend- und das Vororchester des Musikvereins Krumbach wollen von ihr als Dirigentin entsprechend betreut werden. „Ich gehe am Limit“, sagt die 23-Jährige, zumal sie auch Musikunterricht gibt und als Dozentin für andere Kapellen im Einsatz ist. „Man muss schauen, dass man sich einen Namen macht.“ Ihr Wunsch: eine Festanstellung an einer Musikschule oder die Leitung einer guten Stadtkapelle oder eines Projektorchesters.

Wer am Taktstock bestehen will, braucht nicht nur Selbstbewusstsein

Wie gut sie als Dirigentin mit Musikern umgehen kann, wird sie auch in ihrem Examen beweisen müssen. Denn neben dem Teil, in dem das Orchester die lange eingeübten Titel präsentiert, steht auch eine Lehrprobe auf dem Programm. Marina Beer bekommt dazu drei Wochen vorher ein Stück, ihre Musiker erhalten die Noten allerdings beim Examenskonzert. Beers Aufgabe ist es nun, das Stück so gut wie möglich einzustudieren. „Kann ich nicht nur gut dirigieren, sondern auch Probenarbeit machen?“, das sei die Frage, auf die die Prüfer eine Antwort finden wollen, erklärt Marina Beer. Denn: „Ein Musiker kann noch so sehr Profi sein, er muss kein Dirigent sein.“ Was braucht es dann, um am Taktstock bestehen zu können? „Selbstbewusstsein“, antwortet Marina Beer und lacht. „Eine positive Ausstrahlung, damit die Musiker Freude daran haben, besser zu werden.“ Außerdem müsse man „sau-flexibel“ sein, Organisationstalent besitzen und sich pädagogisch weiterbilden. Denn: „Es ist auch viel Menschliches dabei.“

Ein dritter Teil des Examens ist die sogenannte Instrumentation. Dazu hat sich die 23-Jährige ein Werk für Sinfonieorchester gesucht, und es auf Bläser umgeschrieben – und zwar so, „dass man den Komponist noch vertreten kann“, wie Musiker es nennen. Zu hören sein wird dieses Stück beim Examenskonzert allerdings nicht. Es ist auf solch hohem Niveau, dass nur Profiorchester es spielen können.

So etwas gibt es nur einmal

Stattdessen bekommen die Zuhörer in Oberrieden anderes präsentiert. Neben Eröffnung und Zwischenstück werden zwei völlig unterschiedliche Arten der Blasmusik gespielt, nämlich eine alte und eine neue. „Erleben wird man so etwas lange nicht“, verspricht Marina Beer. „Ich mach das nur einmal im Leben und Oberrieden macht das nur einmal.“ Da soll die Halle voll werden. Die Zuschauer dürften sich freuen auf ein „besonderes Konzert mit einem besonderen Klang“ und ein „Riesenorchester“ mit fast 80 Musikern. „Da wird es bei jedem Stück Gänsehautmomente geben.“

Und eine Portion Spannung gibt es noch obendrauf: Eine gute Viertelstunde nach Ende des Konzerts gibt die Prüfungskommission die Noten öffentlich bekannt. „Ich hoffe, dass ich die Eins vorm Komma hab“, sagt die junge Frau. Und nach dem hoffentlich bestens bestandenen Examen gibt es gleich wieder etwas zu feiern: Zwei Tage nach ihrem großen Auftritt wird Marina Beer 24 – und ist damit auf dem besten Weg, ein „alter Hase“ am Taktstock zu werden.

Termin Das Examenskonzert von Marina Beer findet am kommenden Samstag, 3. März, ab 19.30 Uhr in der Dreifachturnhalle in Pfaffenhausen statt. Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt ist frei.

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