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Mindelheim

12.09.2019

Im Gefängnisturm warteten Mindelheimer auf den Henker

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4 Bilder
Massive Eisenstangen sichern das Fenster im Gefängnisturm.

Plus Im Mindelheimer Gefängnisturm wurden die Todeskandidaten eingekerkert. Das letzte Opfer starb 1776. Warum das für mächtig Ärger sorgte.

Türme prägen nicht nur das Bild der Mindelheimer Altstadt, sondern sind auch in anderen Orten des Unterallgäus markante Wahrzeichen. Wir haben uns auf Spurensuche begeben. Wie sieht es in diesen Türmen aus? Wie werden sie genutzt, welche Geheimnisse können sie uns verraten? Heute geht es um den Gefängnisturm in Mindelheim.

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Im Mindelheimer Gefängnisturm war es im Winter eisigkalt

Die Tür im Obergeschoß hat an diesem Mindelheimer Rundbau mehrere Schlösser und durch die kleine vergitterte Fensteröffnung nach außen ist kein Entkommen möglich. Wer sich hier auf dreieinhalb Quadatmetern niedergelassen hat, den traf das Schicksal unbarmherzig. Die Zelle war ins Freie offen. Im Winter war es eisigkalt. Eine Heizung gab es nicht. Nur ein Trost blieb dem Häftling: Meist dauerte es nur ein paar Tage, bis er wieder draußen war: entweder als freier Mann oder als Verurteilter, der vor den Henker geschleppt wurde. Lange Haftzeiten waren im Mittelalter nicht üblich.

Ein Blick nach draußen war für die Gefangenen nicht möglich. Die Zellen waren mit doppelten Türen verschlossen. Auf einfachen Holzpritschen konnten sie schlafen. Manchmal wurden sie auch an Bodenringen angekettet.

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Im Mindelheimer Gefängnisturm im Südosten der Altstadt schmorten die Malefikanten, also die Übeltäter wie Räuber oder Diebe. Und deshalb hieß der Gefängnisturm auch Malefizturm, Raubturm oder Fronfeste. Die Mindelheimer fanden gleich eine ganze Reihe von Namen für den Turm im Südosten der Altstadt.

Landsknechtsführer Frundsberg hat Mindelheim stärker befestigt

Der untere Teil des Turms stammt vermutlich aus der Zeit um 1350. Als Abschluss dieses Bauabschnittes können die vertieften Rundbogenfriese mit Blendnischen auf Höhe des Daches der Fronfeste gelten, sagt Kulturamtsleiter Christian Schedler. Der obere fünfgeschoßige Teil wurde um 1500 aufgestockt. Das hat Mindelheims Landsknechtführer Georg von Frundsberg veranlasst, damit die Stadt besser gegen neuartige Waffen gerüstet war.

In dem Gebäude befinden sich vier Gefängniszellen. Ganz oben auf dem 34 Meter hohen Turm sind acht Fenster angebracht. Ein achteckiges Gesims schließt den Zylinder nach oben ab. Darauf erhebt sich ein achteckiger Spitzhelm. Nach der Renovierung erhielt er wieder das rautenverzierte Ziegeldach, das er im 19. Jahrhundert erhielt. Insgesamt sind es 108 Stufen nach oben, die Besucher überwinden müssen.

1834 kamen die Anbauten der Fronfeste dazu. Sie hatten festungsartigen Charakter. Gefangene wurden in dieser Zeit auch länger verwahrt und nicht mehr wie im Mittelalter rasch abgeurteilt. Stilistisch ist hier der Einfluss Italiens zu spüren, also der Renaissance aus dem 15. Jahrhundert.

Aus der düsteren Geschichte des Gefängnisturmes ist bekannt, dass zahlreiche Menschen festgehalten wurden, der bekannteste von ihnen war Adam Reißner, Stadtschreiber und Geheimschreiber Georg von Frundsbergs. Er wurde 1548 nach „etlich Zeit und Tag ...“ wieder auf freien Fuß gesetzt.

Nazis und Amerikaner nutzten den Turm in den 40er Jahren als Gefängnis

Zwischen 1472 und 1512 wurden 14 Menschen in Mindelheim hingerichtet. An den finsteren Ort erinnert heute noch das Galgengäßchen südöstlich der Altstadt. Die Opfer kamen durch Strang, Schwert, Feuer und Rad ums Leben. Auch vier arme Frauen waren unter den Gefangenen, die 1585 in Mindelheim als Hexen verbrannt wurden. 1615 war es eine dreiköpfige böhmische Räuberbande, die mit dem Tod durch Rädern und Verbrennen bestraft wurde. Maria Magdalena Fetzin war im Juli 1776 die letzte Delinquentin, die hingerichtet wurde. Weil die Landesregierung in München Formfehler feststellte, wurden die Mindelheimer von diesem Tag an an die kurze Leine genommen. Weitere solche Todesstrafen wurden unterbunden.

Zuletzt als Gefängnis benutzt wurde das Gebäude im Dritten Reich und unter amerikanischer Verwaltung bis 1946. In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde das Haus für Beamtenwohnungen genutzt. Das Gebäude nutzen heute der Frundsberg Festring und die Schlaraffen. Bei Letzteren handelt es sich um einen deutschsprachigen Verein aus dem 19. Jahrhundert, der in Prag gegründet wurde. Sein Ziel ist die Pflege von Freundschaft und Humor weltweit.

Bei der Mindelheimer Altstadtnacht heißt es heute Abend um 19 und um 20 Uhr „Hoch hinaus! Über den Türmen und Dächern von Mindelheim“. Stadtarchivar Andreas Steigerwald zeigt im Archiv historische Ansichten und Luftbilder. Zum Schluss können die Teilnehmer außerdem einen Blick aus dem siebten Stock des Unteren Tors auf die Altstadt werfen. Am Samstag, 28. September, gibt es eine Türmeführung. Treffpunkt um 14.30 Uhr am Theaterplatz. Anmeldung bei der Tourist-Info unter Telefon 08261/991520.

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