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Traunried

20.07.2020

Mutter aus Traunried berichtet aus der Corona-Krise: „Das ist an die Nerven gegangen“

Carmen Weippert aus Traunried musste in den vergangenen Wochen ihr Homeoffice und das Homeschooling ihrer beiden Söhne unter einen Hut bringen. Das war häufig Stress pur, hatte aber auch seine positiven Seiten.
Bild: Sandra Baumberger

Plus Wie viele andere Familien mussten auch die Weipperts aus Traunried Homeoffice, Homeschooling und Haushalt unter einen Hut bringen. Das hatte einen positiven Nebeneffekt.

Normalerweise waren die Sommerferien für Carmen Weippert aus Traunried immer eine gewisse Herausforderung: Mithilfe der Omas, des Ferienprogramms des Kreisjugendrings und einigen noch verbliebenen Urlaubstagen hatte sie es immer gerade so eben geschafft, die Betreuung ihrer beiden Söhne zu organisieren, während sie und ihr Mann arbeiten waren. Aber was ist in diesen Zeiten schon normal? Denn dank Corona kann sie diesen Ferien relativ entspannt entgegensehen.

Grund dafür ist das Homeoffice, das ihr Arbeitgeber ihr im Zuge der Pandemie angeboten hat: Nach drei Wochen Urlaub kann sie die restlichen drei Wochen weiter von zuhause aus arbeiten und dabei Michael (9) und Maximilian (11) ein bisschen im Auge behalten. „Die brauchen Aufsicht. Da muss jemand da sein, der mal ein Machtwort spricht“, sagt sie und lacht.

Zu Beginn der Pandemie war die Stimmung in Tiefenried aber alles andere als gut

Zu Beginn der Pandemie war ihr freilich überhaupt nicht zum Lachen zumute. Die Bankkauffrau saß im März gerade in ihrem Büro der Genossenschaftsbank in Mindelheim, als eine Kollegin mit der Nachricht hereinplatzte, dass die Schulen geschlossen werden. „Ich hab mir nur gedacht: ,Um Gottes Willen!‘ Weil es gab ja keinen Plan B, ich wusste nicht, wie’s weitergeht.“ Denn die Stützen ihres bisherigen Betreuungssystems – Mittags- und Ferienbetreuung und auch die beiden Omas – waren von jetzt auf gleich weggebrochen. „Im ersten Moment war ich einfach nur platt“, sagt die 49-Jährige. Ihr Mann arbeitet in der Baubranche. „Sie können sich vorstellen, was das heißt.“ Daran, dass er einige Tage zuhause bleiben könnte, war nicht zu denken.

Der Bankchef erkannte die Notlage der Familie aus Traunried

Zum Glück hatte Anton Jall, ihr Chef, die Notlage, in der sich auch andere berufstätige Mütter befanden, gleich erkannt: Wer wollte, bekam einen Laptop und konnte seither von zuhause aus arbeiten. „Da bin ich wirklich sehr, sehr dankbar. Sonst wär’s das gewesen mit meinem Urlaub dieses Jahr“, sagt Carmen Weippert. Ein kleines Büro gab es bei ihr zuhause schon, schnelles Internet ebenfalls, nur ein Drucker musste noch her, ein neuer Router und ja, auch ein PC. Nicht für sie, sondern die Kinder, die ja nun ebenfalls zuhause waren. Homeschooling neben Homeoffice also, eine für die Familie durchaus gewöhnungsbedürftige Kombination. „Das ist einfach an die Nerven gegangen. Auch weil’s jeden Tag das gleiche war. Ich hab’ mich gefühlt wie in dem Film, Und täglich grüßt das Murmeltier‘.“ Frühstücken, dann der erste Teil des Homeschoolings, währenddessen und danach die eigene Arbeit, kochen, mittagessen, wieder Homeschooling und Arbeit, Abendessen, schlafen und am nächsten Tag das Ganze von vorn. Und dazwischen stets der bange Blick auf die Uhr. Denn eigentlich arbeitet Carmen Weippert an vier Vormittagen je fünf Stunden. Das wollte sie natürlich auch zuhause schaffen, doch geklappt hat das nicht immer. Da musste sie dann Abends noch mal ran oder am Wochenende, wenn ihr Mann zuhause war.

So klappte es mit dem Homeschooling

Dabei waren die Grundvoraussetzungen ja schon mal gut: Diskussionen, ob sie jetzt wirklich etwas für die Schule machen müssen, gab es mit ihren Jungs nicht und die Wochenpläne, die sie von ihren Lehrern bekamen, seien wirklich super gewesen. „In der Realschule haben die sogar teilweise Online-Unterricht gemacht. Die Lehrerin von Maximilian hat selber Youtube-Videos gedreht über den neuen Stoff. Das war auch für uns Eltern recht wichtig, weil nach all den Jahren ist man im Mathestoff der fünften Klasse ja auch nicht mehr so drin“, sagt sie. Sie hat den Eindruck, dass ihre Jungs drangeblieben und gut mitgekommen sind. „Ich kann nur ein dickes Lob aussprechen“, sagt sie und fügt an: „Aber ich habe von anderen Eltern auch ganz anderes gehört.“

Außerdem war klar: Wenn Carmen Weippert arbeitet, dann wird sie auch nicht gestört. „Aber machen wir uns nichts vor: Der Fernsehkonsum der Kinder hat sich schon erhöht in der Zeit. Dann war halt sicher ein, zwei Stunden Ruhe.“

In den vergangenen Wochen sind Maximilian und Michael dann jeweils abwechselnd zur Schule gegangen, was das Homeschooling und das Homeoffice erleichtert hat: Wenn nur einer der Jungs daheim ist, erledigt der seine Aufgaben schneller, sie hat mehr Zeit zum Arbeiten und kann sich ganz auf das eine Kind konzentrieren.

„Das brauchen die schon auch mal wieder“, glaubt Carmen Weippert. Sie hat das Gefühl, dass die Kinder in den vergangenen Wochen ein bisschen Leichtigkeit verloren haben: Weil sie die Sorgen der Eltern mitbekommen haben, selber Angst hatten, in der Schule nicht mehr mitzukommen und sie über Wochen hinweg keine Kontakte zu anderen Kindern hatten. Michael wäre heuer außerdem zur Kommunion gekommen, Maximilian zur Firmung, doch beide Feste wurden abgesagt.

Gar nicht mehr alleine sein können, auch das war anstrengend

„Und für mich war es sehr anstrengend, dass ich gar nicht mehr alleine war.“ Wenn sie früher von der Arbeit nach Hause kam, hatte sie eine halbe Stunde Zeit für sich, bis auch die Kinder eintrudelten. „Das habe ich vermisst“, sagt Carmen Weippert.

Sie sagt aber auch: „Wir dürfen hier ja überhaupt nicht jammern: Wir haben einen Garten mit Schaukeln, einem Trampolin und einem Pool, die können radeln. Das ist schon was anderes als eine kleine Stadtwohnung ohne Balkon.“ Trotzdem wäre natürlich auch sie froh, wenn nach den Sommerferien wieder alles seinen gewohnten Gang ginge. Doch daran glaubt sie selbst nicht wirklich.

Sie richtet sich darauf ein, nach den Ferien wieder Homeoffice, Homeschooling und nicht zu vergessen den Haushalt unter einen Hut bringen zu müssen. Und inzwischen könnte sie sich sogar vorstellen, auch dann ein bis zwei Wochen im Homeoffice zu arbeiten, wenn Corona einmal kein Thema mehr sein sollte.

Vieles lasse sich ganz problemlos von daheim erledigen, sie würde sich täglich eine Stunde Fahrt mit dem Auto sparen und wenn wieder beide Kinder in der Schule wären, könnte sie den ganzen Vormittag über „absolut ruhig und konzentriert arbeiten“.

Über die Belastung von Familien in der Corona-Krise wird auch andernorts diskutiert:

Werden die „Helden der Coronakrise“ zu stark belastet?

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