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Mindelheim

12.12.2019

Wenn für Rollstuhlfahrer am Bahnsteig Endstation ist

Jana Zimmermann sitzt im Rollstuhl und möchte trotzdem Bahn fahren. Kling einfach, ist aber viel schwieriger, als man denkt.
Bild: Zimmermann

Plus Rollstuhlfahrer erreichen am Mindelheimer Bahnhof zwar das Gleis, in vielen Fällen aber nicht den Zug. Was Bürgermeister und Behindertenvertreter dazu sagen.

Wenn Jana Zimmermann mit dem Zug fährt, ist sie auf Probleme eingestellt. Das liegt zum einen an dem 120 Kilo schweren Elektro-Rollstuhl, auf den sie angewiesen ist, zum anderen aber vor allem an der Bahn.

Die hat vor ziemlich genau einem Jahr sang- und klanglos den Hublift abgebaut, mit dem Rollstuhlfahrer bis dato am Mindelheimer Bahnhof vom Bahnsteig in den Zug gehoben werden konnten – und für den sich nicht zuletzt Jana Zimmermann und ihr Vater seinerzeit eingesetzt hatten.

Denn die Bahnsteige sind – wenn der Aufzug funktioniert – seit der Sanierung vor rund zehn Jahren zwar barrierefrei erreichbar und auch auf gleicher Höhe wie die Züge. Doch weil sie ihren Rollstuhl nicht einfach kippen können, ist der Spalt zwischen Bahnsteig und Zug für Behinderte im Elektrorollstuhl unüberwindbar und für andere Rollstuhlfahrer nur mit Mühe oder fremder Hilfe.

Eine Fahrt mit der Bahn nach Mindelheim ist für Jana Zimmermann nicht mehr möglich

Wollte Jana Zimmermann, die bei München lebt, ihren Vater in Dirlewang besuchen, meldete sie die geplante Zugfahrt deshalb bisher mindestens drei Tage vorher bei der Mobilitätszentrale der Bahn an. Diese schickte dann – sofern Personal verfügbar war – einen Mitarbeiter von Kempten nach Mindelheim, der den Hublift zum Zug schob, ihn nach oben fuhr und Jana Zimmermann so aus dem Zug half. Als sie Anfang des Jahres wieder in der Mobilitätszentrale anrief, hieß es jedoch, eine Fahrt nach Mindelheim sei nicht möglich. Über die Gründe wurde sie, wie immer bei solchen teils auch sehr kurzfristigen Absagen, nicht informiert.

Dann kam heraus, dass es den Hublift nicht mehr gibt. Auf Nachfrage der Mindelheimer Zeitung teilt ein Bahnsprecher mit, dass 90 Prozent der Züge im Mehrzweckabteil hinter dem Steuerwagen über eine Rampe verfügen. Diese werde bei Bedarf vom Lokführer ausgeklappt und wieder eingefahren. „Die übrigen Züge werden im Laufe des nächsten Jahres mit einer solchen fahrzeuggebundenen Rampe nachgerüstet“, so die Bahn, die damit den Anschein erweckt, dass der Hublift nicht mehr benötigt wird.

"Entweder ist die Mobilitätszentrale schlecht informiert, oder es gibt diese Züge nicht", schlussfolgert die Rollstuhlfahrerin

Jana Zimmermann sieht das jedoch anders. Denn zum einen funktioniere die Rampe nur, wenn sich der Einstieg des Zuges und der Bahnsteig auf gleicher Höhe befinden. „Und das mit den 90 Prozent ist ein Witz“, sagt sie. Denn dann müssten Fahrten nach Mindelheim ja relativ problemlos möglich sein. Sind sie aber nicht. Sonst hätte die 29-Jährige auch in den folgenden Monaten nicht immer wieder zu hören bekommen, dass die Fahrt nach Mindelheim für sie leider nicht möglich sei. „Entweder ist die Mobilitätszentrale schlecht informiert, oder es gibt diese Züge nicht“, schlussfolgert sie.

Deshalb war für sie bereits in Buchloe Endstation, wo ihr Vater sie mit dem Auto abholen konnte. „Viele andere haben diese Möglichkeit aber nicht“, sagt Jana Zimmermann, die zehn Jahre nach der UN-Behindertenrechtskonvention bei der Inklusion noch viel Verbesserungspotenzial sieht.

Denn wie gleichberechtigt ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wenn sie – um nur ein Beispiel zu nennen – nach vorheriger Anmeldung nur Bahnhöfe anfahren kann, in denen ein Hublift und das dafür nötige Personal zur Verfügung stehen? Dieser Service wird zudem in der Regel nur bis 22 Uhr angeboten. „Sollen behinderte Menschen dann zuhause bleiben?“, fragt die angehende Psychotherapeutin, die auch gerne einmal ein Konzert in München besuchen oder dort ins Kino gehen würde. Sie betont, dass die Mitarbeiter, die den Hublift bedienen, immer sehr freundlich und zuvorkommend seien. Trotzdem habe sie den Eindruck, „dass die Bahn kein Interesse an der Barrierefreiheit hat“. Vielleicht, weil die Bahn Schwerbehinderte wie sie nicht als Kunden sieht, vermutet sie. Immerhin kann sie für den Nahverkehr ein kostenloses Ticket beantragen und zahlt nur für Fahrten im IC und ICE den regulären Preis.

Die Bahn ist auch für die Vorsitzende der Behinderten-Kontaktgruppe "das Schlimmste, was es gibt"

„Die können schon kostenlose Tickets ausgeben, wenn man erst gar nicht in den Zug kommt“, sagt auch Monika Sirch, Vorsitzende der Behinderten-Kontaktgruppe Mindelheim-Bad Wörishofen. Sie ist kleinwüchsig und erst vor Kurzem beim Einsteigen in den Zug schwer gestürzt, weil der Spalt zwischen Bahnsteig und Zug für sie viel zu breit ist und die Haltegriffe in unerreichbarer Höhe sind. „Hören Sie mir auf mit der Bahn“, sagt sie. „Das ist das Schlimmste, was es gibt.“ Schon aus Umweltschutzgründen würden sie sie gerne häufiger nutzen. „Aber Inklusion ist bei der Bahn noch weit weg.“ Das zeige ja auch der Hublift, den es in Mindelheim jetzt nicht mehr gibt. Die Hoffnung, dass die Bahn die Beschwerden ihres Verbands ernst nimmt, hat sie inzwischen fast aufgegeben. „Die hören nicht auf uns“, ist ihre Erfahrung. Aufgeben will sie trotzdem nicht. „Ich will mein Möglichstes tun“, verspricht sie. „Vielleicht kann uns der Bürgerbeauftragte Klaus Holetschek weiterhelfen.“

Auch Mindelheims Bürgermeister Stephan Winter klingt ein wenig ratlos. „Wir sind da schon aktiv gewesen“, sagt er und verweist auf eine Bereisung zusammen mit Behindertenvertretern vor rund einem Jahr. „Aber bei der Bahn ... Ich kann da nur schreiben, schreiben, schreiben. Und irgendwann fragt man sich, ob die Zeit für was anderes nicht sinnvoller eingesetzt wäre“, gibt er offen zu. Der Hublift sei zwar nie besonders komfortabel gewesen, weil ja auch er keine spontanen Reisen ermögliche, und das System der Mobilitätshilfen, die erst zum Bahnhof kommen müssen, geradezu „grotesk“, aber immerhin besser als nichts. „Ich bedaure die Situation zutiefst“, sagt er. Da sei der Bahnhof nach dem Umbau barrierefrei „und am letzten Zentimeter scheitert’s dann. Das ist keine befriedigende Situation.“ Das findet Jana Zimmermann auch. Zumal von Barrierefreiheit ja nicht nur Behinderte profitierten, sagt sie und verweist auf die, die mit einem Rollator, einem Kinderwagen oder einfach nur schwerem Gepäck unterwegs sind.

Wie die Bahn Rollstuhlfahrer diskriminiert, schildern hier auch andere Betroffen:

Wie die Deutsche Bahn Rollstuhlfahrer diskriminiert

Kommentare zum Thema finden Sie hier:

Das Verhalten der Bahn ist ein Armutszeugnis

Die Inklusions-Bilanz der Bahn ist mies

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