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Mindelheim

19.11.2019

Wie gefährlich sind undichte Kanäle in Mindelheim?

Im Mindelheimer Kanalnetz geht viel Wasser verloren. Regelmäßig werden die Leitungen nach Schäden untersucht.
Foto: Kaya

Plus Weil die Kanäle in Mindelheim vielerorts undicht sind, gelangen Weichmacher, Spuren von Medikamenten und andere gefährliche Stoffe in die Natur.

Ein Viertel der Trinkwasserleitungen in Mindelheim ist leck. Darüber hat die MZ kürzlich berichtet und was die Stadt gegen den Wasserverlust unternimmt. Wie aber sieht es mit den Abwasserkanälen aus? Welche Folgen für die Umwelt haben undichte Schmutzwasserkanäle? Welche Gefahren gehen von den ungeklärt versickerten Abwässern für die Gesundheit von Mensch und Tier aus?

Bundesweit sind die Kanäle in keinem guten Zustand. Das Umweltbundesamt in Berlin nennt die Zahl von 20 Prozent schadhafter Kanäle. Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) geht sogar von 75 Prozent undichter Kanäle aus. In Bayern scheint die Lage besser zu sein. Das Umweltministerium spricht von 14,5 Prozent der Kanäle, die in den kommenden Jahren saniert werden müssen. Die Technische Universität München hat im Auftrag des Bayerischen Landesamtes für Umwelt einen Finanzbedarf allein für den Freistaat über 5,8 Milliarden Euro errechnet.

Auch in Mindelheim versickert ungeklärtes Material aus den Abwasserkanälen im Untergrund. In regelmäßigen Abständen wird das gesamte Kanalnetz samt Hausanschlüsse in der Kernstadt und den Ortsteilen mithilfe einer Kamerabefahrung untersucht, teilt die Stadt auf Anfrage mit. Das sei gerade wieder abgeschlossen worden. Auf Basis dieser Daten erstellt das beauftragte Ingenieurbüro nun einen Überblick über den Zustand. Danach folgt eine Planung für die nächsten Jahre, wann wo gehandelt werden muss.

Undichte Kanäle: Mindelheim schneidet im Vergleich gut ab

Zusätzlich zur Befahrung werden die Rohre einmal jährlich durchgespült. Sofern Kanäle undicht sind, drückt das Grundwasser in die Kanäle und auch dies lässt Rückschlüsse auf den Zustand des Netzes zu. Hier schneidet Mindelheim im Vergleich zu anderen Kommunen offenbar gut ab. Die Stadt beruft sich auf das Ingenieurbüro, das mehrere Kommunen betreut. Demnach sei die Stadt Mindelheim hier vorbildlich. Zudem werden bei Straßensanierungen, sofern erforderlich, die Kanal- und Wasserleitungen, ausgetauscht.

Was aber versickert da im Boden? Dr. Wolfgang Leuchs und Dr. Sabine Bergmann vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz aus Nordrhein-Westfalen schreiben in einer Studie, dass sich undichte Abwasserkanäle in Siedlungsgebieten „nachteilig auf die Grundwasserqualität auswirken“. Als besonders problematisch stufen sie Weichmacher Bisphenol A, Nonylphenol, Röntgenkontrastmittel, Arzneistoffe, Komplexbildner, Moschus-Duftstoffe, Rückstände von Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmitteln ein. Sie erreichen teilweise „ökotoxikologisch für Oberflächengewässer und Grundwasser relevante Konzentrationsniveaus“. Auf Dauer führten solche Einträge zu einer spürbaren Verschlechterung des Trinkwassers.

Mindelheim allerdings bezieht sein Trinkwasser südlich der Stadt. Die Wahrscheinlichkeit, dass von maroden Abwasserkanälen gefährliche Stoffe ins Trinkwasser geraten, gilt als nahezu ausgeschlossen.

Nitrat kommt im Mindelheimer Kanalnetz nur minimal vor

Nitrat scheint dagegen nicht durch undichte Abwasserkanäle ins Trinkwasser zu gelangen. Hier gilt die Landwirtschaft als der Verursacher. Die Stadt Mindelheim schreibt dazu: Stickstoff in Form von Nitrat komme im Kanalnetz nur in minimalen Konzentrationen vor. Erst in der Kläranlage wird Stickstoff in einem aufwendigen Verfahren zu Nitrat aufoxidiert, bevor es dann zu elementarem Stickstoff umgewandelt wird. Dieser verflüchtige sich in die Luft. In den Städten Rastatt und Karlsruhe konnten im Trinkwasser konkret Reste von Medikamenten nachgewiesen werden. Auch das Umweltbundesamt in Berlin sieht die Medikamente als besondere Herausforderung, wie Dr. Andrea Roskosch vom Fachgebiet Abwasserentsorgung berichtet. In den Kläranlagen würden sich die Stoffe sich sogar noch in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken.

Die Lösung dafür ist auch schon gefunden: die vierte Reinigungsstufe. Die ist aber noch nicht verpflichtend eingeführt. Sie wäre in der Lage, die meisten Stoffe aus Medikamenten aus dem Wasser zu filtern. Derzeit gelangen diese weiter in die Fließgewässer – im Falle Mindelheims in die Mindel. Die vierte Reinigungsstufe würde nach einer Berechnung der Beratungsgesellschaft Civity Management Consultants die Abwassergebühren um 17 Prozent verteuern.

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