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Neu-Ulm

27.01.2019

Als ein Kommunist Neu-Ulms Stadtoberhaupt war

Das Proviantlager im Offenhauser Heereszeugamt wurde am 23. April 1945 geplündert. Zu dieser Zeit war Christian Wittmann Neu-Ulms Stadtoberhaupt.
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Das Proviantlager im Offenhauser Heereszeugamt wurde am 23. April 1945 geplündert. Zu dieser Zeit war Christian Wittmann Neu-Ulms Stadtoberhaupt.
Bild: Stadtarchiv Neu-Ulm, Repro: Gerrit-R. Ranft

Zwischen 1945 und 1948 gab es zehn Bürgermeister, Christian Wittmann war am längsten im Amt. Dass er ernannt wurde, dürfte für ihn überraschend gekommen sein.

Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 Jahre alt wird, tut in den kommenden Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Bürgermeister Christian Wittmann.

Mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen in der Nacht zum 25. April 1945 endete für Neu-Ulm der Zweite Weltkrieg. Zwei Tage zuvor hatte Oberbürgermeister Franz Josef Nuißl nach 26 Dienstjahren sein Amt niedergelegt, der Stadtrat sich aufgelöst. Bis zur Wahl von Tassilo Grimmeiß zum Oberbürgermeister im August 1948 gaben sich teils von der Besatzungsmacht ernannte, teils vom Stadtrat gewählte Stadtoberhäupter die Türklinke in die Hand – zehn insgesamt. Am längsten blieb Christian Wittmann – sechs Monate und 20 Tage.

Strittig ist das Datum, an dem Wittmann das Bürgermeisteramt antrat. Neu-Ulms Chronik von 1994 setzt es auf den 16. Juli 1945, ohne Gründe dafür zu nennen. Konrad Geiger, der den Fall Wittmann im neunten Jahrgang der „Geschichte im Landkreis Neu-Ulm“ betrachtet, nennt den 21. Mai 1945. Für dieses Datum spricht ein schriftlicher, in Neu-Ulm ausgestellter Beleg, allerdings ohne Briefkopf, Stempel, und Unterschrift. In ihm weist ein „Militärgouverneur Caipt. Harell“ einen nicht genannten Personenkreis an: „Sämtliche Akten der Partei, Polizei, überhaupt alles was noch da ist, ist unter Verschluss aufzubewahren, den Schlüssel erhält Herr Wittmann.“ Dieses Schreiben ist offenkundig am 21. Mai abgefasst, sodass Wittmann durchaus schon früher ins Bürgermeisteramt gekommen sein könnte.

Damit wäre zugleich die Lücke in der Neu-Ulmer Chronik geschlossen, die das Bürgermeisteramt ab 18. Mai als unbesetzt führt. Ein gutes halbes Jahr bleibt Wittmann im Amt. Am 10. Dezember ergeht die Anweisung des Direktors der amerikanischen Militärverwaltung in Weißenhorn, Captain M. Latimer, an Landrat Lüneburg: „You will remove Christian Wittmann from the position of Bürgermeister of Neu-Ulm, said removal effective as of 11 December, 1945“. Gründe für den Rausschmiss sind nicht genannt.

Christian Wittmann hatte in Neu-Ulm den Ruf als "Erzkommunist"

Den zum Kriegsende noch in der Stadt verbliebenen Neu-Ulmern war Wittmann wohl nicht gänzlich unbekannt. Am 24. April hatte er, als amerikanische Truppen Ulm besetzten, die im Neu-Ulmer Käsewerk Zwick an der Borsigstraße noch vorhandenen Vorräte an die Bevölkerung verteilen lassen. Mit welcher Berechtigung dies geschah, ist nicht bekannt. Jedenfalls war es keine Plünderung wie im Fall des am Vortag freigegebenen Proviantlagers im Offenhauser Heereszeugamt. Wittmann ließ alles streng über Lebensmittelkarten ausgeben. Sein Name muss irgendwie auf eine Liste geraten sein, aus der die amerikanische Militärregierung das vorläufige Personal zur Besetzung der wichtigsten städtischen Ämter rekrutierte.

Christian Wittmann, der vor dem Krieg in Neu-Ulm einen Ruf als „Erzkommunist“ besaß, wurde am 10. Februar 1890 in Uttenreuth im Bezirk Erlangen geboren. Seit 1913 war er verheiratet, am 3. Juni 1917 von Ulm nach Neu-Ulm zugezogen. Er war Mitglied der Linkssozialistichen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), trat später in die Kommunistische Partei (KPD) ein. Wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ wurde er 1923 zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Zehn Jahre später unter dem Nationalsozialismus war er von März 1933 bis November 1936 „wegen antifaschistischer Tätigkeit und Vorbereitung zum Hochverrat“ im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Im Prozess war ihm und einigen Parteifreunden vorgeworfen worden, ein „konspiratives Treffen“ im Neu-Ulmer Kollmannspark veranstaltet, Überfälle auf SA-Männer beabsichtigt und öffentliche Gebäude „bei Nacht und Nebel mit hetzerischen Überschriften in roter Farbe versehen“ zu haben. Sogar das historische Augsburger Tor hätten sie mit Schlämmkreide verunstaltet.

Dieser Wittmann wurde nun über Nacht und von ihm selbst wohl völlig unerwartet Bürgermeister in Neu-Ulm. Demütig und auf Hilfe hoffend teilte er im ersten Nachkriegsamtsblatt der Stadt mit: „Ich habe dieses schwere und verantwortungsvolle Amt in dem Bewußtsein übernommen, daß ich von der gesamten Bevölkerung der Stadt Neu-Ulm in der Erfüllung der gestellten Dienstaufgaben tatkräftig unterstützt werde.“

Wittmann entschied gerecht über Entlassungen und Neueinstellungen

Wittmann scheint sein Amt neutral und wertfrei geführt zu haben. Jedenfalls ist nicht nachweisbar, dass der einst verfolgte Kommunist ungerecht oder rachsüchtig vorgegangen wäre. Solch ein Verhalten hätte wohl nahegelegen. Immerhin hatte die Militärregierung ihm und seinem Dachauer Mithäftling Johann Mayer, dem von Wittmann eingesetzten Neu-Ulmer Polizeichef, die Aufgabe übertragen, „politisch unzuverlässige Beamte und Angestellte aus dem Rathaus, der Sparkasse und der Ortskrankenkasse zu entlassen“. Wittmann scheint sachgerecht entschieden zu haben, nicht nur bei Entlassungen, auch bei Neueinstellungen. Vorwürfe von Amtsmissbrauch jedenfalls lassen sich nicht finden.

Indirekt bestätigt diese aufrechte Haltung der von den Amerikanern eingesetzte Neu-Ulmer Landrat Lüneburg, als er den Bürgermeister entlassen muss: „Ich bedauere, dass ich dies vorbringen muss. Ich habe nämlich den Brief bekommen mit der Absetzung des Herrn Bürgermeisters Wittmann. Leider, ausdrücklich betone ich leider, habe ich bisher nicht erfahren können, welches die Gründe sind.“ Damit verschwindet Christian Wittmann nach 205 Tagen im Bürgermeisteramt wieder aus dem öffentlichen Leben der Stadt. Der gelernte Schlosser und kurzzeitige Rathauschef in Neu-Ulm ist am 25. Januar 1959 im Alter von 68 Jahren in Neu-Ulm gestorben.

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