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Ulm

26.05.2020

Baumeister des neuen Designs: Hans-Gugelot-Ausstellung im HfG-Archiv Ulm

Quadratisch, praktisch gut: Hans Gugelots Design brachte die Moderne in die Wohnzimmer dieser Welt. Vom Bettgestell für die HfG-Campus-Bewohner bis zum stilprägenden „Möbel-Montagesystem M-125“ – der Niederländer fand für alles eine moderne Form.
Bild: Archiv Gugelot

Plus Das Ulmer HfG-Archiv ehrt einen großen Gestalter: Eine Ausstellung zeigt, wie Hans Gugelot die Bauhaus-Philosophie in den 50ern weiterdachte – als Architekt der Moderne, im Design und im eigenen Leben.

Er begann seine Laufbahn als Architekt – und wurde bald zum Baumeister des modernen Designs: In den 1950er-Jahren bewegte Hans Gugelot von Ulm aus die neue Welt des Industrie- und Systemdesigns. Er gab Produkten des täglichen Lebens eine Form: Gugelot verlieh den Elektrogeräten der Marke Braun ihren ureigenen Stil, vom Radio bis zum Rasierapparat. Er entwarf moderne Möbel von unverwechselbarer Gestalt.

Rasierapparat „Braun Sixtant“, designt von Hans Gugelot.
Bild: Archiv Gugelot

In Hamburg fuhren Waggons über die Gleise einer Hochbahn – Gugelot hat sie entwickelt. Er war der Mann hinter dem Design. Er sei kein Praktiker gewesen – aber auch kein Theoretiker, so wird sich später ein Zeitgenosse an ihn erinnern. Gugelot war ein Gestalter, der in Systemen dachte, in Konstruktion und Funktion. 1954 wurde der Niederländer einer der ersten Dozenten an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Mit nur 45 Jahren starb er 1965 an einem Herzinfarkt.

Private Briefe, Fotografien und Entwürfe sind ausgestellt

Hans Gugelots Werk und Leben beleuchtet nun eine Ausstellung im Ulmer HfG-Archiv. „Architektur des Designs“ zeigt Gugelots Erbe vor Ort, dort, wo es in den 50er- und 60er-Jahren entstand. In drei Räumen präsentiert das Archiv private Briefe und Fotografien, Geräte, Möbel und Entwürfe – und Gugelots berühmteste Designerstücke. Christiane Wachsmann, Kuratorin des HfG-Archivs, hat Gugelots Werke aus dem hauseigenen Fundus geholt, und da steht es nun, Gugelots „Möbel-Montagesystem M-125“: Klötze und Bretter aus leichtem Holz fügen sich, Kante an Kante, zu einem schlüssigen Ganzen. Praktische, verschieb- und kombinierbare Module türmen sich auf zu einer Schrankwand. Frei und flexibel, schlicht und einfach zu reproduzieren, so sollte modernes Design um 1950 sein. Ein alltagstaugliches Stück Freiheit nach dem Bauklötzchenprinzip, für die Wohnzimmer der Nachkriegszeit. Hans Gugelot arbeitete schon mit solchen Formen, da hatte ein gewisser Ingvar Kamprad in Schweden gerade ein Schraubmöbel-Imperium namens IKEA gegründet.

Gugelot studierte Architektur in Zürich

Um Gugelots Erbe zu erklären, folgt die Ausstellung seinem Lebensweg: Als junger Mann genoss er Bildung und Wohlstand und hatte schon ein gutes Stück von der Welt gesehen, als er in Zürich Architektur studierte. Dort traf er auf Max Bill – ein Kreativer auf allen Gebieten, der am Bauhaus in Dessau studiert hatte. Als dieser Mann beschloss, 1954 in Ulm eine Hochschule zu gründen, da holte er den jungen Niederländer mit ins Boot. Die Moderne des Designs, die das Bauhaus vor dem Weltkrieg entfacht hatte, sollte in Ulm einen neuen Anlauf wagen. Und Bauhaus bedeutete mehr als Möbeldesign und Oberfläche: Bauhaus hieß, sich von der Last des Faschismus zu befreien, für eine offene, freie und demokratische Zukunft. Und in diesem Geist zogen die ersten Studenten bald auf dem Ulmer Campus ein. Man lebte, lernte und produzierte in schnörkellosen, unbestechlichen Betonbauten, hoch oben auf dem Kuhberg. Man saß auf selbstproduzierten Holzstühlen („Ulmer Hocker“) und schlief auf Bettgerüsten, die Gugelot designt hatte. Berühmt wie berüchtigt war der Niederländer für seine Schmierzettel mit Entwürfen, die in den Werkstätten Form annahmen. Die Ausstellung vermittelt diesen Geist der HfG, der bis heute nachklingt.

Gugelot (vorne) mit seiner Entwicklungsgruppe.
Bild: Archiv Gugelot


In einer Vitrine reihen sich Elektrogeräte aneinander. Den Anfang bilden hölzerne, mächtige, unzerteilbare Kombinationen, die Radio, Plattenspieler und Tonbandgerät vereinen. Alles in einem. Gugelot soll die eher wuchtigen Vorgängermodelle liebevoll-spöttelnd als „Tonmöbel“ bezeichnet haben. Er verwandelte sie im Laufe der Zeit zu nüchternen, ungemein praktischen Kombinationen. Gugelot verzichtete auf jeden Schmuck. Das bescheidene Prunkstück ist dabei sein „Schneewittchensarg“ – Plattenspieler, Radio und Stereoanlage in reduzierter Ästhetik, schlohweißer Körper, bedeckt von einem Glasdeckel. Und der Name klingt so nüchtern wie die Sprache des Designs: Radio-Phono-Kombination SK4. Ein nüchterner Stil prägte den Kosmos und das Image der Hochschule. Von einem „klösterlichen Zusammenleben“ auf dem Ulmer Kuhberg spricht zwar Herbert Lindinger, ein Weggefährte Gugelots. Es war wohl eine verschworene Gemeinschaft – aber keine von großer Traurigkeit. Gugelot sei „kein Berufsbüffel“ gewesen, erinnerte sich Bill.

Der berühmte „Schneewittchensarg“ von Gugelot.
Bild: Archiv Gugelot

Das macht die Ausstellung spürbar: Fotografien zeigen das Miteinander von Studenten und Dozenten. Gugelot lächelt auf Hochzeitsfotos mit seiner Frau Malke. Schnappschüsse zeigen ihn bei Faschingsfeiern, der Designer sitzt am Klavier oder spielt Banjo. Eine seiner Gitarren hängt wie eine Randnotiz an der Wand des Ausstellungssaals. Im Katalog zur Schau liest man, dass der Niederländer dann und wann auch in einer Neu-Ulmer Bar in einer deutsch-amerikanischen Jazz-Combo spielte. Immer wieder prallten die Kulturen aneinander: Ulmer Bürger, „Lederhosenträger“ nennt sie Gugelot, trafen beim Sonntagsspaziergang auf dem Kuhberg auf die Hochschul-Kreativen im Kaschmirpullover. Fotos zeigen ein Leben mit Stil und Genuss, aber ohne Schnickschnack.

Der Nachname wird französisch ausgesprochen

Gugelot war ein Niederländer, der in Indonesien geboren wurde, in der Schweiz aufwuchs – und sein Nachname? Den spricht man französisch aus. Als Mann von Welt pflegte er von Ulm aus Kontakte nach Indien, war dort eine Zeit lang Gastprofessor. Mit der Unternehmerfamilie Braun unternahm er Forschungs- und Werbereisen in die USA. Dieses weite Netz war die Basis für die erfolgreichen ersten Jahre der HfG – wirtschaftlich und kreativ. Doch bald sprengten erste Risse das Gefüge der Hochschule. Bill zog sich zurück. Machstreitereien entbrannten. Die erfahrenen Studenten der ersten Generation verließen die Hochschule. Das Leben am Campus spaltete sich jetzt klar in Lehre und Produktion. Gugelot musste seine Gedanken und seinen Erfindergeist plötzlich erklären. Und dann ereilte ihn überraschend der Tod, mit 45 Jahren. Vielleicht wäre er auch bald nach Stuttgart oder Hamburg gezogen, er wurde umworben. Doch vieles deutet darauf hin, dass er in Ulm, oben auf dem Kuhberg, im Kreis der HfG, ein Stück Heimat gefunden hatte.

Hans Gugelot, eine Momentaufnahme in der HfG.
Bild: Archiv Gugelot

Ein Buch begleitet die Ausstellung und bietet viele Blickwinkel auf Gugelots Leben. Auf der Webseite hfg-archiv.museumulm.de gibt es außerdem einen Podcast zum Thema.

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