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Weißenhorn

29.01.2019

Ein Gedenktag mit Geschichten, die ratlos zurücklassen

Karla Nieraad hat 2016 zusammen mit der Holocaust-Überlebenden Lilian Gewirtzman ein Buch herausgebracht.
Bild: Ralph Manhalter

Die Leiterin des Stadthauses Ulm liest in Weißenhorn aus Erzählungen, die eine Holocaust-Überlebende nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengetragen hat.

Mahnende und berührende Worte, die eine traurige Aktualität besitzen, waren am Sonntag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus auch in Weißenhorn zu hören. „Die Nation ist kein heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung – Stichwort ‚Vogelschiss‘ – zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden“, zitierte Luise Keck bei einer Gedenkveranstaltung im Saal des Weißenhorner Rathauses die Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Aleida und Jan Assmann. Und weiter: „Hier ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: Beschämend ist allein diese Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilen. Deshalb entsteht Identität auch nicht durch Leugnen, Ignorieren oder Vergessen, sondern braucht ein Erinnern, das Zurechnungsfähigkeit und Verantwortung ermöglicht und einen Wandel der Werte und des nationalen Selbstbildes stützt.“

Eine Veranstaltung am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz

Bereits seit 1998 begehen in der Fuggerstadt die katholische Friedensbewegung Pax Christi, die Stadtbücherei, katholischer Frauenbund sowie Heimat- und Museumsverein ein gemeinsames Erinnern zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Der nationale Gedenktag wurde erst zwei Jahre zuvor vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt, wie Mitinitiatorin Keck von Pax Christi erzählte.

Zur diesjährigen Veranstaltung am Sonntagabend wurde Karla Nieraad, die Leiterin des Stadthauses Ulm, eingeladen. Sie las aus einem Buchprojekt vor. Vor einigen Jahren kam der Kontakt zwischen Nieraad und der amerikanisch-jüdischen Holocaust-Überlebenden Lillian Gewirtzman zustande. Diese war nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend in Ulm in einem Lager für sogenannte „displaced persons“ untergebracht. Unter dem englischen Begriff sind verschleppte Personen, Zwangsarbeiter und weitere Zivilisten zusammengefasst, die sich durch Kriegseinwirkung an Orten außerhalb ihrer Heimat aufhielten.

Täter- und Opfergeneration kommen in dem Buch zur Wort

Gewirtzman begann in den USA Texte und Briefe von Nachfahren sowohl der Täter- als auch der Opfergeneration zu sammeln. Der treffende Titel „Nach dem Schweigen“ beschreibt die Sprachlosigkeit über das Geschehene. Diese Sprachlosigkeit hatte vielerlei Ursachen: Scham und Verdrängung, Wunsch nach Neubeginn und unerwünschte Erinnerung. Nachdem der erste Versuch Gewirtzmans, die Schriften zu veröffentlichen, scheiterte – die damalige Mentorin in den USA stellte die Unterstützung ein, als Gewirtzman in ihrem Buch auch deutschen Stimmen ein Gehör verschaffen wollte –, konnte sie 2015 bei einem Besuch in Ulm von Nieraad von einer Veröffentlichung überzeugt werden.

Die Lesung in Weißenhorn zentrierte sich um einen Aufruf des polnisch-amerikanischen Arztes Sidorowitsch, der alle Mühe auf der Suche nach seiner wahren Identität in Kauf nimmt. Verzweifelt klammert er sich an eine DNA-Analyse, die ihm eine jüdische Abstammung attestiert. Aber schon wieder kommen wissenschaftliche Zweifel auf. Das Ergebnis bleibt offen, fern, nicht wieder rekonstruierbar.

Es sind Geschichten wie diese, die den Zuhörer in den Bann ziehen, ins Mark treffen, ratlos zurücklassen. Aber vielleicht ist gerade damit erreicht, was in der kollektiven Erinnerung nicht vergessen werden darf.

Untermalt wurde die eineinhalbstündige Gedenkveranstaltung mit Werken von Ludwig van Beethoven, vorgetragen von Schülern der Musikschule Weißenhorn.

Das Buch: Lillian Gewirtzman, Karla Nieraad (Hg.): Nach dem Schweigen. Geschichten von Nachfahren, Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm und Münster 2016. Es kostet 14,80 Euro.

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