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Ulm

24.03.2017

Gülen-Vortrag unter Polizeischutz

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Polizei bewachte das Haus der Begegnung am Mittwochabend.

Der oberste deutsche Repräsentant der umstrittenen Hizmet-Bewegung gibt sich im Haus der Begegnung selbstkritisch, auch was die Pläne für eine Privatschule in Ulm angeht.

Ein Streifenwagen vor dem Haus der Begegnung und bewaffnete Polizisten am Eingang zeugten am Mittwochabend von den krisenhaften Umständen, unter denen Ercan Karakoyun sein neues Buch vorstellte. Der 36-Jährige ist als Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung oberster Repräsentant der Bewegung des Predigers Fetullah Gülen in Deutschland. Der türkische Präsident Tayyip Erdogan sieht die Organisation – auch Hizmet genannt – als terroristische Vereinigung.

Protestkundgebungen oder sonstige Störungen blieben im voll besetzten Archiv des Hauses der Begegnung aus. Und so konnte der deutsche Staatsbürger und bekennende Sozialdemokrat in Ruhe versuchen, vor einem teils deutschen, teils türkischen Publikum, Vorurteile gegen Hizmet abzubauen. Karakoyun gab sich selbstkritisch und spielte damit auch bewusst auf den (vorerst) gescheiterten Bau eines Gülen-nahen Gymnasiums in Ulm an (wir berichteten). „Oft haben wir nicht offen über uns und unsere Ziele informiert.“ Die „Geheimnistuerei“ des Hizmet in solchen Dingen müsse ein Ende haben. Dies sei ein „Reflex“, der durch den Kemalismus geboren wurde, als es in der Türkei verpönt war, offen religiös zu sein. „Wir müssen transparenter werden“, sagte Karakoyun. Die Veranstaltung im Haus der Begegnung solle so etwas wie ein Auftakt einer sichtbaren Hizmet-Bewegung in Ulm sein.

Hinter etwa 30 Privatschulen in Deutschland stünden Anhänger des Predigers Fetullah Gülen. Und im Gegensatz zu verbreiteten Meinungen versuche hier niemand, religiöse Weltanschauungen über die Hintertüre zu vermitteln. Dies liege am speziellen Islam–Verständnis von Gülen. „Wer sich religiös betätigen will, der soll in die Kirche oder Moschee gehen.“ Es gehe um universelle Bildung. Nach der Interpretation von Karakoyun ist die Hizmet-Bewegung so etwas wie ein Sündenbock der Erdogan-Regierung. Tiefergehende Gründe wie einen Machtkampf zwischen Gülen und dem Präsident gebe es nicht. „Hass sagt immer mehr aus über den Hassenden als die Gehassten.“ Gezielte Verleumdungen seitens Erdogan hätten sich in den Köpfen der Menschen und sogar dem baden-württembergischen Verfassungsschutzbericht festgesetzt. Ein Zitat aus einem gefälschten Radiobeitrag habe die Behörde ungeprüft übernommen und inzwischen wieder entfernt. Ein falsches Bild von Gülen entstehe auch, wenn es um die Stellung der Frau im Islam gehe. In der Tat habe der Prediger in seiner Anfangszeit ein patriarchalisches Weltbild vertreten. Das habe er inzwischen längst revidiert.

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Wie Karakoyun betonte, stehe Hizmet für einen sehr privaten, mystischen Islam und eine strenge Trennung von Staat und Religion. Mit dem politischen Islam eines Erdogan habe dies nichts zu tun. „Wir haben hier in Deutschland einen Rechtsstaat, der funktioniert.“

„Wie kann Erdogan gestoppt werden?“, fragte am Ende ein Ulmer Zuhörer. „Ich bin da sehr pessimistisch“, antwortete Karakoyun. Der Präsident sei völlig machttrunken. Und selbst wenn er die Abstimmung über das Präsidialsystem verliere, werde Erdogan bald Alleinherrscher sein. Denn auch über Neuwahlen und der längst angelaufenen systematischen Schwächung jeglicher Opposition könne er die notwendige Zweidrittelmehrheit erreichen. Die Wurzel des Problems liege tief in der türkischen Gesellschaft: Das demokratische Verständnis in der Bevölkerung sei in weiten Teilen unterentwickelt. „Bildung ist die einzige mögliche Lösung des Problems.“

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