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Brett im Schtoi

23.06.2015

Hinreißend komisch, diese Österreicher

Von böhmischen Dörfern und teuflischen Makkaroni

Das Wiener „Teatro Caprile“ begeistert mit Szenen von Fritz von Herzmanovsky-Orlando

Es ist nicht nur in Österreich Brauch geworden, den Begriff „skurril“ durch das Wörtchen „herzmanovskysch“ zu ersetzen, sind doch die Szenen des Schriftstellers und Grafikers Fritz von Herzmanovsky-Orlando derart kauzig, absurd und komisch, dass sich kaum ein anderer Dichter als Vergleichsmaßstab anführen läßt. Der 1954 in Meran verstorbene Autor hatte Zeit seines Lebens wenig Glück mit Verlegern, gerade mal einen Roman bekam er veröffentlicht. Seine Theaterstücke und Szenen sind indes Kult und haben mit dem Wiener „Teatro Caprile“ engagierte Fürsprecher. Zur „Literaturwoche Ulm“ gastierte das Ensemble (Katharina Grabher, Andreas Kosek, Georg Beham Kreuzbauer, Andrea Nitsche) beim „Brett im Schtoi“ im komplett gefüllten „Schtall“ und zeigte Herzmanovskys schönste Szenen: etwa den „verwirrten bösen Hund“. Ein feiner Herr rettet in München einen Hund vor dem Überfahrenwerden. Während das Vieh im besten Hotel am Platze gefüttert wird, bemüht sich der feine Herr um eine Hundemarke – und gerät in Verdacht, tollwütig zu sein. Zudem ist er Österreicher. Die Münchner Beamten seufzen – zuerst muss dem Österreicher eine Hundemarke ausgestellt werden.

Andere Szene: Da sitzen zwei alte Herren im Zugabteil und stellen sich einem Mitreisenden als „Wassertrompeter“ vor. Der Mitreisende fragt sich halb wund, was das für ein Beruf sei und wie man ihn ausübe. Erst nach einer langen Kette von vergnüglichen Missverständnissen erfährt er, dass die Herren aus einem böhmischen Nest namens „Wassertrompeten“ stammen.

Irgendwo zwischen Nestroy-Kaiserlichkeit und Monty-Python-Typentheater ist dieser Herzmanovsky anzusiedeln. Eine an Wiener Zungenschlag nicht arme Sprache, die gesättigt ist von staunenden Superlativen und Anspielungen und die zu sprechen große schauspielerische Disziplin fordert. Das „Teatro Caprile“ setzt die absurden Szenen und Figuren mit größter Intelligenz und Spielfreude um. Wenn die zierliche Katharina Grabher mit schauspielerischen Mitteln eine „überfressene Matrone“ darstellt oder Georg Beham einen Münchner Beamten verkörpert, sind Lachtränen nicht auszuschließen. Theaterleiter Andreas Kosek als indignierter Herr, der einem Hund das Leben rettet und dadurch selbst zum Fall für den Tierfänger wird – hinreißend komisch. Und wie man einen Exorzismus in einer Münchner Makkaronifabrik ausführt, das hätte in seiner Absurdität die englische Truppe um John Cleese kaum besser veranschaulichen können.

Den leider wenig bekannten Herzmanovsky-Orlando zeigte „Caprile“ als entdeckenswerten Sonderling, der eine ganz eigene, lyrische Sprache entwickelt hatte. Das Publikum im „Brett im Schtoi“ amüsierte sich bestens bei diesem außerordentlichen Abend, der kräftige Applaus zeigte es an. (az)

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