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Neu-Ulm/Ulm

14.05.2017

Inhaftierte Journalistin: Wie Freunde und Familie für Mesale Tolu kämpfen

Rund 100 Bürger demonstrierten am Freitagabend in der Ulmer Innenstadt für die Freilassung von Mesale Tolu.
Bild: Felix Oechsler

Seit zwei Wochen sitzt die Ulmer Journalistin Mesale Tolu in der Türkei in Haft. Bislang hatte sie keinen Kontakt zu ihren Verwandten. Doch das ändert sich nun.

Seit bekannt wurde, dass seine Schwester von einer Antiterroreinheit der türkischen Polizei mitten in der Nacht festgenommen wurde, hat Hüseyin Tolu fast keine ruhige Minute mehr. Sein Telefon klingelt andauernd. Jeder will wissen, wie es der 33-jährigen Journalistin geht, die nun in der Türkei im Frauenknast sitzt. Eine Antwort darauf hat Hüseyin Tolu nicht. Er hatte seit Wochen keinen Kontakt mehr zu seiner Schwester. Doch das ändert sich nun.

Ali Tiza Tolu besucht seine Tochter am Montag im Gefängnis

Wie Tolu auf Nachfrage mitteilt, darf zumindest sein Vater, Ali Riza Tolu, die Journalistin am Montag im Istanbuler Frauengefängnis besuchen. Die Familie werde mit dem deutschen Generalkonsulat über das weitere Vorgehen sprechen. Sicher sei bereits, dass die deutschen Diplomaten seine Schwester am Montag, 22. Mai, besuchen dürfen.

Wie berichtet, wurde Mesale Tolu in der Nacht zum 1. Mai von einer Spezialeinheit der türkischen Polizei festgenommen. Zu den Gründen für die Festnahme gibt es mittlerweile widersprüchliche Angaben: Offenbar erließ ein Richter Haftbefehl wegen Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in einer Terrororganisation. Der Vater der Journalistin sagte gegenüber der taz, die politische Tätigkeit des Ehemannes von Mesale Tolu habe zur Festnahme geführt. Suat Corlu sitzt ebenfalls im Gefängnis – wegen angeblicher Mitgliedschaft in der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei.

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Mesale Tolu und ihr Sohn Serkan lebten gemeinsam in einer Wohnung in Istanbul – bis diese von der Polizei gestürmt worden ist.
Bild: Sammlung: Tolu

Familie von Mesale Tolu lebt in Ulm

Der Onkel der inhaftierten Übersetzerin berichtet von einer „grausamen Attacke“ auf seine Nichte. „Die sind auf den Rücken draufgesessen, haben sie weggezerrt – und der Sohn hat zugeschaut“, sagt Dogan Tolu, der in Neu-Ulm wohnt. Dort lebt auch der Vater von Mesale Tolu, der derzeit in der Türkei auf sein Enkelkind aufpasst. Der Automechaniker ist 1974 nach Deutschland gekommen – zu seinen Eltern, die bereits einige Jahre zuvor hierhergezogen waren.

Mesale wurde als jüngstes von drei Kindern in Ulm geboren und musste früh einen schweren Schicksalsschlag verkraften: Im Jahr 1990 starb ihre Mutter bei einem Verkehrsunfall während einer Urlaubsreise in der Türkei. Fortan zog die Oma das erst sechsjährige Mädchen groß. Mesale Tolu wurde zu einer starken Frau, die sich vor allem für Migranten einsetzte: Sie engagierte sich im Verein „Föderation der ArbeitsmigrantInnen in Deutschland“ und beim Bund Sozialistischer Frauen.

„Mesale hat ein ausgesprochen angenehmes Wesen, war immer freundlich und hat sich stets für andere engagiert“, sagte ein Freund der Familie am Freitagabend bei einer Demonstration mitten in Ulm. An seiner Seite zeigten rund 100 Bürger ihre Solidarität mit der Journalistin. Auf großen Bannern und Plakaten forderten sie „FreeMesale Tolu“.

CIVEY-UMFRAGE: "Ist die Türkei auf dem Weg in eine Diktatur?"

Auch ihr Bruder Hüseyin war mit dabei. Sichtlich angeschlagen erzählte er von der „Willkür, die derzeit in der Türkei vorherrscht“. Tolu ist sauer auf die Behörden in seinem Heimatland: „Wir müssen beweisen, dass Mesale Deutsche ist und keine doppelte Staatsbürgerschaft hat. Die wissen gar nicht, wen sie da festnehmen.“ Er selbst werde nie wieder dorthin reisen können, glaubt er. „Ich habe die türkische Staatsbürgerschaft – mit all dem, was ich gerade gesagt habe, wäre es nicht mehr gesund, in die Türkei zu reisen.“

Freunde gründen Solidaritätskreis "Freiheit für Mesale Tolu"

Zuletzt war er kurz nach der Verhaftung seiner Schwester in seinem Heimatland – um zu erfahren, wie es ihr geht und was nun geschieht, sagt er. Doch eine Antwort darauf bekam er nicht. Die Behörden verwiesen offenbar darauf, dass die Ermittlungen noch liefen. Mehr nicht. Auch die Rechtsanwältin der Journalistin hatte bislang keine Chance, mehr zu erfahren – ihr sei die Akteneinsicht verweigert worden. Wie Hüseyin Tolu mitteilt, gehe sie davon aus, dass seine Schwester etwa sechs oder sieben Monate in Haft bleiben muss, sollte sie nicht vorher nach Deutschland ausgeliefert werden.

Offenbar hat nun Baden-Württembergs Justizminister Guido Wolf (CDU) den türkischen Generalkonsul, Ahmet Akinti, in Stuttgart um ein Gespräch gebeten. In dem Schreiben erklärt Wolf nach Angaben der Heilbronner Stimme, er sei irritiert über das Verhalten der türkischen Behörden. Er bezieht sich dabei auf die Aussagen von Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag: Demnach habe die Türkei die Bundesregierung nicht über die Festnahme von Mesale Tolu informiert.

Weiter schreibt Wolf: „Ich appelliere an die Verantwortlichen, Frau Tolu die ihr zustehenden Rechte zu gewähren.“ Auch der eigens gegründete Solidaritätskreis „Freiheit für Mesale Tolu“ will weiter dafür kämpfen, dass die junge Mutter endlich freikommt. Um ein Zeichen zu setzen, findet nun jeden Freitagabend in der Ulmer Fußgängerzone eine Demonstration statt. mit lmö und dpa

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