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Ulm

18.06.2019

Jess Jochimsen bietet geistreichen Witz statt Schenkelklopfern

Kabarettist, Autor und Fotograf Jess Jochimsen hat einen scharfen Blick und ein feines Gehör wenn es um Floskeln und Plattitüden geht.
Bild: Andreas Brücken

Jess Jochimsen präsentiert verbale Ausrutscher im Großformat und den Krieg mit Worten. Der Kabarettist lässt im Ulmer Zelt Raum für Witz zwischen den Zeilen.

Wer dem Autor, Fotografen und Kabarettisten Jess Jochimsen beim Denken um die Ecken folgt, muss sich auf unerwartete und bisweilen verstörende Antworten gefasst machen: „Schweinefleisch ist jahrelang haltbar, wenn man die Tiere am Leben lässt“, lautet eine Erkenntnis, die die Besucher im fast ausverkauften Ulmer Zelt erfahren durften. Und die meisten Deutschen würden beim Wort „Wachstum“ zunächst an die Wirtschaft denken statt an Kinder oder Pflanzen.

Wie ein Detektiv spürt Jochimsen Floskeln und Begriffe auf, die in der Öffentlichkeit gestreut werden. So würden Politiker wie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer oder Landesgruppenchef Alexander Dobrindt (beide CSU) einen Krieg mit Worten führen, wenn sie von einer „Anti-Abschiebungs-Industrie“ sprechen. Und manchmal genügt es, wenn der Kabarettist Persönlichkeiten zitiert: In einem Interview über die rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz habe der Politikwissenschaftler Werner Patzelt gesagt, dass es keine Belege für eine Hetzjagd, sondern nur ein „Nacheileverhalten“ gegeben hätte: „Da kann man sich doch jede Satire sparen“, kommentiert Jochimsen.

Jess Jochimsen zu Gast in Ulm

Doch nicht nur im gesprochenen Wort findet der vielfach ausgezeichnete Kabarettist den Stoff für sein Programm. Mit zahlreichen Fotos, die großformatig auf der Bühne projiziert werden, präsentiert Jochimsen seine Sammlung von sprachlichen Ausrutschern. Auf einem Werbeplakat ist zu lesen: „Wir grillen vor Ihrer Haustüre – Zur Verlobung, zur Hochzeit und zur Scheidung“. Ungewollt komisch dagegen der Hinweis auf deinem Schild mit der Aufschrift: „Der Friedhof ist wegen Betriebsausflug geschlossen.“ Köstlich ebenfalls das kuriose Fundstück mit dem Hinweis „Aus hygienischen Gründen werden die Toiletten videoüberwacht“.

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Als eine „politische Selbstanzeige in h-moll“ versteht Jochimsen sein Russlandlied, in dem er sich mit den dazugehörigen Klischees auseinandersetzt. Das würde aus Putin mit nacktem Oberkörper bestehen – auf einem Pferd, beim Fischen, der Russenmafia und der Matrjoschka-Puppen. „Mal mir mal ein Russlandbild das stimmt“, lautet die musikalische Botschaft gegen die Vorurteile. Angst und Misstrauen würden ohnehin nur alte Männer verbreiten, die entweder heim ins Reich oder reich ins Heim wollen, erklärt Jochimsen.

Humorvoller Charme statt schulmeisterlichem Zeigefinger im Ulmer Zelt

Die oft verwendete Floskel der alten Männer „früher war alles besser“ rühre aus nur der Angst vor Veränderungen her. „Doch die Zeiten von Wählscheibentelefon, Testbild und Mutti-in-der-Küche ist vorbei“, sagt Jess Jochimsen.

Etwa eineinhalb Stunden deckt der Wortkünstler verbale Entgleisungen auf oder versucht dabei, die verrohte Alltagssprache wieder zu zähmen – doch nicht mit schulmeisterlichem Zeigefinger, sondern sondern mit humorvollem Charme. Das bringt zwar keine krachenden Pointen, doch der studierte Philosoph Jochimsen lässt seinem Publikum genug Platz, zwischen den Zeilen den Witz an der Sprache zu finden und verabschiedet sich mit den Worten: „Ein gutes Leben ist die beste Rache.“

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