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Ulm

01.09.2015

Querdenker oder rechter Scharfmacher?

Walter Feucht: Der bekannte Unternehmer ist durch politische Äußerungen ins Kreuzfeuer der Kritik geraten.
Bild: Archivfoto: Pfaffel

Der bekannte Unternehmer Walter Feucht schrieb in einem Stadtmagazin über das Thema Flüchtlinge – und erntet für seine Thesen deutliche Kritik. Sogar „geistiger Brandstifter“ wird er genannt.

Walter Feucht ist ein angesehener Ulmer Bürger: Er hat als erfolgreicher Backzutaten-Unternehmer der Welt das „Jogging Brot“ beschert, setzt sich als Vorsitzender der TSG Söflingen für den Breitensport ein und ist unter anderem Hauptsponsor des Theatersommers auf der Wilhelmsburg. Für sein soziales Engagement wurde Feucht sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen. Doch derzeit brandet dem 66-Jährigen eine Welle der Empörung entgegen: Feucht sei ein „rechter Scharfmacher“ und ein „geistiger Brandstifter“, schreibt etwa Markus Kienle, Leiter der Geschäftsstelle strategische Sozialplanung und Bürgerengagement bei der Stadtverwaltung Ulm sowie früherer Grünen-Stadtrat, bei Facebook. Eine andere Leserin ist „einfach nur entsetzt“.

Grund für die Diskussion, die längst auch außerhalb des sozialen Netzwerks geführt wird, ist eine Tätigkeit, die Feucht selbst als „Hobby“ bezeichnet: die als Kolumnist für das Stadtmagazin Spazz, in dem jeden Monat „Feuchts Einwurf“ erscheint, der – so der Untertitel – „Quergedachtes“ enthält. In der neuesten Ausgabe äußert Feucht „Gedanken zur Mainstream- und Betroffenheitskultur“. Feucht schreibt zur Flüchtlingssituation: „60 Millionen Menschen stehen zurzeit an den Grenzen des Mittelmeeres (...) und wollen nach Mitteleuropa.“ Darunter seien „kaum politisch Verfolgte“. Und die „Gut- und Besserbürger“, die „von oben herab jene kritisieren, die motzen und Fragen stellen“, verwandelten sich selbst „zu echten Saukloben“, wenn ein Flüchtlingsheim in ihrer Nähe errichtet werden soll.

Die Ansichten eines Querdenkers? Seine Kritiker sehen das ganz anders. Auch Markus Kienle, der beruflich viel mit Flüchtlingen zu tun hat. Feucht verbreite Halbwahrheiten. Die bekannte Zahl von 60 Millionen Flüchtlingen insgesamt entspreche mitnichten der Zahl der nach Europa Strebenden, und keineswegs seien darunter „90 Prozent Wirtschaftsflüchtlinge“, wie Feucht durch seinen Fokus auf Schwarzafrika glauben lasse. Durch die Rhetorik unterstütze dieser diejenigen, die sich gegen Flüchtlinge wenden, sagt Kienle, der auf Facebook auch zum Boykott des Spazz aufrief. Noch mehr empört sich Kienle, auch von Amts wegen, über Feuchts Aussage „Unterstellungen“ über Bürger, die sich für Flüchtlinge einsetzen. „Wir können uns derzeit kaum retten vor Menschen, die sich engagieren wollen.“

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Der Autor wehrt sich gegen die Kritik. Seine Kolumne spreche Dinge offen an, sagt Feucht, sei manchmal satirisch und vertrete eben „nicht nur den Mainstream“. Ihn einen „Scharfmacher“ zu nennen, finde er „absurd“. Mit der „braunen Scheiße“ habe er nichts zu tun, er stehe auch nicht Pegida oder AfD nahe. Was derzeit in Freital oder Heidenau passiere, sei eine Katastrophe. Ihm gehe es darum, Fragen aufzuwerfen, betont Feucht. Natürlich müsse man Menschen helfen, die vor Krieg und Verfolgung flüchten. Doch Europa habe kein Konzept, wie man mit dieser „beginnenden Völkerwanderung“ umgehen könne. Kienle im Speziellen gehe es um eine persönliche Abrechnung, glaubt Feucht, denn diesen habe er früher bereits kritisiert.

Dass er von Feucht vor Jahren mehrfach angegriffen wurde, gibt Kienle, der 2007 als OB-Kandidat der Grünen in Ulm antrat, unumwunden zu. Feuchts Kolumne sei immer wieder „ehrabschneidend“. Doch darum gehe es nicht. In Feuchts jüngsten Äußerungen erkenne er die typische „Ja, aber“-Rhetorik der Rechten. „Herr Feucht hat sicher auch eine nette und eine liberale Seite. Aber hier geht es darum, was er in seiner Kolumne von sich gibt.“ Auch das Magazin Spazz mache sich der Hetze mitschuldig, wenn es solche Texte veröffentliche. Es wundere ihn aber nicht, denn bei Facebook wurden seine Kommentare vom Spazz selbst als „linker Meinungs- und Gesinnungsterror“ gebrandmarkt.

Jens Gehlert, Herausgeber des Magazins, nimmt die Kritik locker. In der Kolumne gehe es um Zukunftsfragen; es sei inzwischen normal, dass man für kritische Aussagen in die rechte Ecke gestellt werde. Der von Kienle geforderte Boykott bereitet Gehlert nach eigenen Aussagen keine Sorgen. Bekannt sei ihm aber, dass eine wütende Leserin bereits wegen des „geschmacklosen Kommentars“ bereits mehrere Anzeigenkunden um eine Stellungnahme gebeten habe. Die Frau nimmt in ihrer E-Mail kein Blatt vor dem Mund: Sie bezeichnet den Spazz als „Hetzblatt gegen Flüchtlinge“.

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