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Ulm

20.06.2017

Ramadan: Ulmer Studenten und die Party nach Sonnenuntergang

Mira Kryezi hat erst mit 21 Jahren zum ersten Mal am Ramadan teilgenommen. Nach Sonnenuntergang kochte sie mit Majed El Hammady (Mitte) und Mohamad El Halabi Pizza.
Bild: Anne-Lena Leidenberger

Noch bis Samstag dauert der Ramadan für Moslems. Drei Ulmer Studenten treffen sich regelmäßig, um den Sonnenuntergang zu feiern – stehen aber unterschiedlich zum Fastenmonat.

Genüsslich beißt Mira Kryezi in ein Pizzastück, belegt mit Käse und Fisch. Vor ihr auf dem Tisch stehen ein Blech Schokoladenkuchen, ein paar Schalen, gefüllt mit Erdbeerdessert und einige aufgerissene Chipstüten. Die Ulmer Studentin ist Muslima und mitten im Fastenmonat Ramadan. Sprich: Sie isst und trinkt tagsüber nichts – auch trotz der heißen Temperaturen.

Die machen ihr ganz schön zu schaffen. „Auf das Trinken zu verzichten, ist am Schwersten, vor allem bei den heißen Temperaturen“, sagt Kryezi. Erst spät entschied sich die 24-Jährige, sich wirklich mit dem Islam auseinander zu setzen. Sie wuchs im Kosovo zwar in einer muslimischen Familie auf, lebte aber „eher als Atheistin“, sagt Kryezi, die mit ihrer Familie später nach Urbino (Italien) ausgewandert ist. Irgendwann habe sie dann angefangen, den Koran zu lesen und mit 21 schließlich das erste Mal zu Ramadan gefastet.

Das tut die Austauschstudentin auch jetzt in Ulm. Um den Sonnenuntergang gebührend zu feiern, hat sie an diesem Abend eine Pizzanacht organisiert. „Natürlich auch, weil ich Italienerin bin“, sagt sie schmunzelnd. Einen Monat lang jeden Tag für rund 12 Stunden auf Essen und Getränke zu verzichten, mache ihr nichts aus. „Es macht sogar richtig Spaß“, erzählt sie, „und es spart Zeit: Ich muss nicht kochen, nicht zur Toilette, nicht Mittagessen.“

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Wie für Kryezi auch, bedeutet der Fastenmonat für die meisten Muslime vor allem Nähe zu Gott. Es soll an diejenigen erinnern, die in Armut leben und regelmäßig auf Essen und Trinken verzichten müssen.

Wer nicht mitmachen kann, spendet eine Mahlzeit an Bedürftige. Der Zeitpunkt richtet sich nach dem Stand des Mondes. Dieses Jahr fasten die Gläubigen vom 27. Mai bis zum 24. Juni. Kranke und alte Menschen, menstruierende oder schwangere Frauen, Menschen, die körperliche Arbeit verrichten und Kinder, sind von der Regel ausgenommen.

Während Kryezi erst später im Leben mit dem Fasten begonnen hat, kennt Mohamad El Halabi den jährlichen Verzicht schon seit seiner Kindheit. Der 26-Jährige kommt aus dem Libanon und macht seinen Masterabschluss in Communications Technology in Ulm. Als er elf Jahre alt war, hat er zum ersten Mal mitgefastet. Freiwillig, so sagt er. Offiziell seien Kinder von der Fastenregelung ausgenommen, erst ab 14 Jahren seien sie nach dem Koran verpflichtet. „Es ist einfach Teil unserer Kultur“, sagt El Halabi. Täglich steht der Libanese um neun Uhr morgens auf, die erste Mahlzeit nimmt er mehr als zwölf Stunden später, gegen halb zehn, zu sich. Ein weiterer Snack folgt dann um zwei Uhr morgens. Der Tagesrhythmus sei dadurch verschoben und auch das Leben müsse er dadurch umstellen: kein oder nur wenig Sport machen zum Beispiel, um zu viel Wasserverlust zu vermeiden. Das Fasten in Deutschland sei aber deutlich anders, als das Fasten im Heimatland. „Zuhause ist das gemeinsame Essen ein Fest, das sind andere Dimensionen.“ Ramadan ist aber viel mehr, als nur auf das Essen zu verzichten, so El Halabi: „Kein Sex, keinen Alkohol und auch keine Beschimpfungen oder bösen Gedanken“, erklärt er.

Ganz anders sieht Majed El Hammadys Einstellung zum Ramadan aus. Auch der 23-jährige Ägypter ist Moslem, studiert wie El Halabi Communications Technology, nimmt aber am Fastenmonat nicht teil. „Ich habe es fünf Tage probiert“, sagt der Austauschstudent. Zu fasten, sich aber nicht an alle anderen Regeln zu halten, sei für ihn Doppelmoral. „Ich stand irgendwann vor der Entscheidung: Auf alle Laster verzichten oder gar nichts davon tun.“ Ob das die richtige Entscheidung sei, wisse er nicht. „Ich finde, dass das jeder selbst wissen muss.“ So entspannt wie in Deutschland sei das in Ägypten jedoch nicht, seinen Eltern möchte er davon zum Beispiel nicht erzählen. „Ihnen ist der Ramadan sehr wichtig“, so El Hammady, der trotzdem zum gemütlichen Pizzaabend gekommen ist. Schließlich eint die drei ja derselbe Glaube. Und die Pizza schmecke auch so richtig gut, findet er.

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