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Ulm

19.11.2020

Schockierende Zahlen: Uniklinik stellt Studie zur Gewalt gegen Kinder vor

Gewalt ist immer noch Teil der Erziehungsmethoden heutzutage. Kinder leiden darunter.
Bild: picture alliance / Nicolas Armer/dpa

Plus Eine zum internationalen Tag der Kinderrechte in Ulm veröffentlichte Studie zeigt auf, wie sich Erziehungsmethoden geändert haben. Gewalt ist noch immer Teil davon.

Erst seit dem Jahr 2000 ist es in ein Gesetz gegossen: "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung." Professor Jörg M. Fegert, der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Ulm, nahm jetzt den internationalen Tag der Kinderrechte zum Anlass, per Onlinekonferenz die Ergebnisse einer Studie vorzustellen. Das Ziel: herauszufinden, ob der Absatz zwei von Paragraf 1631 in zwei Jahrzehnten irgendetwas verändert hat. Sein Fazit ist eindeutig.

"Die Einführung der gewaltfreien Erziehung ins BGB war keine Symbolpolitik, sondern bewirkte Einstellungsänderungen und eine Reduktion von Körperstrafe."

Studie der Uniklinik Ulm zu Gewalt gegen Kinder: 2.500 Personen befragt

Im Auftrag von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, und dem Kinderschutzbund haben Forscher der Ulmer Kinderklinik um Fegert in einer repräsentativen Studie 2.500 Personen zu ihren Einstellungen zu Körperstrafen und ihrem Erziehungsverhalten befragt.

"Ein Klaps auf den Hintern hat noch keinem geschadet." Oder doch? Eine Meinung, die früher ein Gemeinplatz war, so Fegert. Und auch von Papst Franziskus öffentlich vertreten wurde. Doch die Zustimmung für diese Erziehungsmaßnahme habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich abgenommen: 2001 stimmten noch 76,4 Prozent dem Klaps zu, in der Umfrage des laufenden Jahres waren es nur noch 42,7 Prozent.

Ähnliche Werte gibt es für die "leichte Ohrfeige". Allerdings stagnieren die Zustimmungswerte seit vier Jahren. Die Akzeptanz von körperlicher Bestrafung habe damit offenbar ein Plateau erreicht. Insbesondere leichtere Körperstrafen, wie der Klaps, bleiben demnach bei einem "erschreckenden Teil" der deutschen Bevölkerung weiter verbreitet.

"Schlägen mit Würde": Was Fegert von der Aussage von Papst Franziskus hält

Für Fegert sind das noch viele zu hohe Zustimmungswerte. "Man kann nicht mit Würde schlagen", sagt er im Bezug auf Papst Franziskus, der einst von "Schlägen mit Würde" gesprochen hatte. Gewaltfreies Aufwachsen von Kindern sei eine zentrale Herausforderung für die Zukunft der ganzen Welt.

Doch die Realität sieht dunkel aus: Wie Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland anlässlich des internationalen Tags der Kinderrechte bei der Konferenz sagte, würden weltweit drei von vier Kindern bereits im Alter von zwei bis vier Jahren mit Gewaltanwendung erzogen. "Die Zahlen schockieren."

Gewalt gegen Kinder hinterlasse bei Kindern Spuren und untergrabe ihre Würde. Auch der Klaps. Laut Studie ist die Zustimmung zu Körperstrafen bei Kindern bei Männern größer als bei Frauen. So stimmen Männer dem Klaps auf den Hintern mit 57,8 Prozent häufiger zu als Frauen mit 47,1 Prozent. Je älter die Befragten sind, desto seltener lehnen sie Körperstrafen ab. Keinen Unterschied macht die Staatsangehörigkeit und auch das monatliche Einkommen wirke sich nicht signifikant auf die Einstellung aus.

Tief in die Kinderseele reiche die Gewalt, wie Fegert betonte: Jede Form von Gewalt sei eine seelische Verletzung, die Folgen habe, etwa auf die Bindungsfähigkeit. Zudem gerieten Kinder, die Gewalt erleben mussten, oft in eine Art Teufelskreis.

Langzeitstudien hätten herausgefunden, dass mit Gewalt erzogene Kinder später öfters in Konflikten aggressiv reagieren würden und Gewalt anwenden. "Wer permanent gedemütigt wird, bekommt Probleme mit seinem Selbstwertgefühl." Dass permanente Demütigung auch verbal funktioniere, müsse er tagtäglich in seinem Wartezimmer erleben, wenn Kinder eine halbe Stunde am Stück geschimpft würden. Am meisten würden Kinder leiden, wenn Eltern ihnen das Gefühl geben würden, sie seien für das Unglück von Papa und Mama verantwortlich.

Ekin Deligöz, Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes und Bundestagsabgeordnete aus Senden (Grüne), bezeichnete die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz als einen längst überfälligen Schritt.

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