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18.02.2021

Sendener Psychologin: Was macht die Corona-Pandemie mit uns?

Die Psychologin Nadine Nowakowski schreibt in ihrem Buch "Gift im Kopf" darüber, wie sich Pandemie und Lockdown auf die Psyche auswirken und was man dagegen tun kann.
Foto: Alexander Kaya

Plus Eine Verhaltenspsychologin aus Senden beschäftigt sich in ihrem Buch "Gift im Kopf" mit den psychischen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Was hilft?

Motivationslos im Home-Office, Einsamkeit im Feierabend und Angst vor einer ungewissen Zukunft: Für viele ist das Leben im Lockdown zur Belastungsprobe geworden. Die Psychologin Dr. Nadine Nowakowski aus Senden hat untersucht, wie sich Corona-Pandemie und Kontaktbeschränkungen auf die menschliche Psyche auswirken. In ihrem neuen Buch "Gift im Kopf" legt sie ihre Erkenntnisse dar und gibt Ratschläge, wie man mit den psychischen Folgen umgehen kann.

Schulunterricht und Arbeit finden zu Hause vor dem Bildschirm statt, die eigene Wohnung wird nur für die nötigsten Besorgungen verlassen und wenn man auf die Straße geht, hält man Abstand zu anderen. "Körperliche Distanz ist das Mittel Nummer eins, um eine weitere Ausbreitung des Coronavirus zu vermeiden", erläutert Nowakowski. "Aber unter dieser Distanz leidet das psychische Wohlbefinden."

Von Geburtstagsfeiern über den Büroalltag bis hin zu kleinen, alltäglichen Gesten wie Umarmungen und das Händeschütteln - in der Pandemie müssen Menschen auf vieles verzichten. Sozialer Kontakt findet über Telefon und Internet statt oder gar nicht. "Die Folge sind negative Gefühle wie Angst, Wut oder Frustration und Motivations- und Antriebslosigkeit." Nowakowski vergleicht diese Gefühle mit einem schleichenden Gift im Kopf.

Sendener Expertin: Wie kommt man aus dem Corona-Loch?

Die Ursache hierfür ist laut der 37-jährigen Psychologin, dass sich die Menschen zwar an ihr Leben mit den Corona-Einschränkungen gewöhnt haben, es aber dauerhaft mit negativen Emotionen verbinden. Jede Erinnerung an die aktuelle Situation löse eine negative Gefühlsregung aus. Um dem entgegenzuwirken, möchte Nowakowski den Betroffenen beibringen, ihr Verhalten und ihren Gefühlszustand neu zu konditionieren. "Das heißt, seine Gefühlswelt soweit unter Kontrolle zu bringen, dass nicht jeder Gedanke an Corona eine negative emotionale Reaktion mit sich bringt."

Den Entschluss, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, fasste die promovierte Wirtschaftspsychologin mit dem Schwerpunkt Verhaltenspsychologie, weil sie die psychischen Auswirkungen der Krise nicht nur bei ihren Klienten und Studenten, sondern auch bei sich selbst bemerkt habe. Der Weg aus dem Corona-Loch begann für sie mit einer Gefühlsanalyse. "Man muss zuerst in sich hinein hören, was man fühlt und herausfinden, warum man es fühlt. In meinem Fall hat meine Motivationslosigkeit Frustration hervorgerufen", erzählt Nowakowski. Als nächstes habe sie sich überlegt, wie sie sich stattdessen fühlen möchte. "Ich wollte wieder voller Tatendrang sein, also habe ich überlegt, wann ich mich das letzte Mal so gefühlt habe und warum."

Mit einem Parfüm gegen den Corona-Frust?

Die Auslöser der positiven Gefühle können ganz banal sein. "Für mich war es ein Parfüm, das mir ein Bekannter geschenkt hatte. Für andere ist es der Geruch von frischem Kaffee." Es muss aber nicht unbedingt ein bestimmter Geruch sein, es kann auch das Lieblingslied oder ein Bild von Freunden sein - wichtig ist eine Verbindung zu dem positiven Gefühl. "Immer wenn ich mich jetzt motivationslos fühle, rieche ich kurz an dem Parfüm und rufe mir die positiven Gefühle in Erinnerung. Im Laufe der Zeit verbindet der Mensch automatisch den Geruch mit dem Gefühl und ich bin, ohne es bewusst zu erzwingen, voller Tatendrang." Kurz: Das Buch soll zeigen, wie man dem Unterbewusstsein Befehle geben kann.

Andere Übungen befassen sich mit der Wertschätzung alltäglicher Dinge oder dem Formulieren positiver Sätze. "Welche Übung einem genau hilft, ist oft typ- und situationsabhängig." Das Buch "Gift im Kopf" fokussiere sich nicht nur auf Erwachsene, sondern sei auch für junge Leser ab der neunten Klasse verständlich. "Es soll jedem ermöglichen, den Rest der Pandemie zu überstehen."

Lockerungen und das Leben nach Corona

In Hinblick auf die mit dem Impfbeginn in Aussicht gestellten Lockerungen äußert Nowakowski sich kritisch. Ihrer Meinung nach würden sich diese nur positiv auf die Psyche auswirken, wenn es eine realistische Perspektive Richtung Rückkehr zur Normalität gebe. Das heißt, die Lockerungen müssten mit dem Infektionsgeschehen vereinbar sein und sollten nicht erst in Aussicht gestellt und dann wieder aufgeschoben werden. "Die Hoffnung auf eine Normalisierung der Lage ist für die meisten ein sehr positives Gefühl", so Nowakowski. "Aber wenn diese nicht absehbar ist oder auf Lockerungen bald der nächste Lockdown folgt, schwindet die Hoffnung und die emotionale Reaktion darauf könnte noch drastischer ausfallen."

Jedoch berge auch der Übergang vom Lockdown in die Zeit nach Corona Tücken. "So schrecklich das Leben in der Corona-Zeit auch war, die meisten Menschen haben sich an diese neue Wirklichkeit gewöhnt und unbewusst Vorteile gegenüber dem Leben vor der Pandemie gefunden", sagt die Psychologin. So spare man sich durch das Arbeiten von zu Hause aus den Arbeitsweg oder müsse sich nicht fürs Büro herausputzen. Sich dahingehend wieder umzugewöhnen, wird die erste Herausforderung nach der Pandemie sein. Und auch das Thema von Nowakowskis nächstem Buch.

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