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Roggenburg

12.08.2013

Sturmnacht vor dem Weltuntergang

Der Gedenkstein wurde am Standort der „Unteren Dampfsäge“ beim Ingstetter Weiher errichtet.
Bild: Deger

Schon vor über 90 Jahren erlebte Roggenburg verheerende Naturkatastrophen

Roggenburg Die Schleebucher trauten ihren Augen nicht. Das Unwetter der vergangenen Tage hatte ihre altehrwürdige Dorflinde wie ein Streichholz umgeknickt. Das erinnerte stark an eine Naturkatastrophe, die Roggenburg und die Region vor 93 Jahren heimsuchte.

„Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang“, sangen die Fasnachtler am Samstag, dem 17. Januar 1920, beim fröhlichen Faschingsball des Roggenburger Veteranenvereins. Der Gesang verstummte, als urplötzlich ein unglaublicher Orkan über den Ort hereinbrach. Die Fröhlichkeit wich einem dunklen Erschrecken. Bei Blitz und Donner schien der Weltuntergang bevorzustehen. Zeitzeugen erzählten Altbürgermeister Adolf Thoma, dem Historiker des Roggenburger Vereines für Heimatpflege, dass sich die Sturmnacht zu einer Katastrophe entwickelte. Alte, ortsbestimmende Bäume wurden wie Streichhölzer umgeknickt. Haushoch lagen die entwurzelten Waldbäume, fast ausschließlich Fichten, kreuz und quer übereinander.

Das Holz musste ohne maschinelle Hilfe zersägt werden

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Rund 340000 Festmeter Holz waren vor allem im südlich von Roggenburg gelegenen Wald im Bereich der Forstämter Weißenhorn und Breitenthal als Windbruch und Windwurf angefallen. Die Aufarbeitung dieser unglaublichen Menge von Wurf- und Bruchholz stellte eine Aufgabe dar, die mit den damals vorhandenen Arbeitsmitteln wohl dem Kampf Davids gegen Goliath glich. Motorsägen gab es damals noch nicht. Das Holz musste mit der so genannten „Zweimannsäge“ von Hand gesägt werden.

Und gefährlich war die Arbeit auch: Die Spannungen der großen, ineinander verkeilten Stämme lösten sich beim Durchsägen explosionsartig. Das Abtrennen der Wurzelteller vom Stamm war mit Lebensgefahr verbunden. Das aufgearbeitete Holz musste mit Pferdegespannen aus dem Chaos gezogen werden. Weil menschliche Kraft zur Verarbeitung der riesigen Holzmengen nicht mehr ausreichte, entschloss sich die Forstverwaltung, im Bereich der Hauptschadensflächen zwei Dampfsägen zu installieren. Die „Große Säge“ stand im Oberroggenburger Wald, die „Untere Dampfsäge“ befand sich im Unterroggenburger Wald nordöstlich des Roggenburger Weihers. Die beiden Sägen verbrauchten für ihren Betrieb Unmengen an Wasser. Arbeiter schlugen zwei Brunnen und weil diese nicht ausreichten, musste das fehlende Wasser von den Bauern mit Güllefässern herangefahren werden.

Zwei Denkmäler für das Unwetter

Ein Denkmal, das der Roggenburger Heimatverein 1990 am Standort der unteren Dampfsäge errichten ließ, erinnert an die Katastrophe von 1920. Am ehemaligen Standort der „Großen Dampfsäge“ ließ die Staatliche Forstverwaltung ein Monument errichten, das heute im Volksmund als „Waldsägedenkmal“ bekannt ist. Es erinnert nicht nur an die Unglücksnacht, sondern auch an die „Wurzeln“ des Katastrophenausmaßes, an die Monokultur des „Brotbaumes“ der Waldbauern, die schnell wachsende und flach wurzelnde Fichte.

„In Sturmes Nacht sank des Waldes Pracht/Willst Du den Wald bestimmt vernichten/so pflanze nichts als Fichten“, ließ der ehemalige Vorsteher des Forstamtes Breitenthal in das Monument meißeln. Vor Jahren wurde hier eine weitere Gedenktafel angebracht. „Das gleiche Schicksal wie vor vielen Jahren/ist dem Fichtenhorst 1990-1992-1999 nochmals widerfahren/Willst Du Deinen Wald erhalten/so lass auch die Natur gestalten“, ist heute dort zu lesen. Die neuen Unwetter und Stürme erinnern schmerzhaft daran, dass die Natur nicht nur wirtschaftlichen Regeln folgt.

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