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Ulm

10.06.2014

Tänze aus der alten Heimat

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In farbenfrohen Trachten sind die Banater Schwaben und ihre Nachkommen am Wochenende bei heißem Sommerwetter durch die Ulmer Innenstadt gezogen.
Bild: Annika Gonnermann

Gedenken 4000 Banater-Schwaben und ihre Nachkommen erinnern in Ulm an ihre Geschichte

von Annika Gonnermann

Eichenthal, Großsanktpeter oder Altringen – zu Dutzenden stehen Ortsnamen wie diese auf kleinen weißen Kärtchen auf Bierbänken in der Donauhalle. Die gesamte Halle eins ist bestuhlt worden, ein Tisch reiht sich an den nächsten. Kleinere Grüppchen finden sich nach und nach ein. Es sind ältere Herrschaften mit meist schon grauen Haaren. Sie begrüßen sich herzlich, setzen sich und fangen an zu reden. Schätzungsweise 4000 Menschen sind es, die an diesem Wochenende aus allen Teilen Süddeutschlands, der Schweiz, Österreich und sogar aus Übersee, aus Ländern wie Brasilien, Argentinien oder der USA aus einem einzigen Grund gekommen sind – um beim mittlerweile 30. Heimattag der Banater Schwaben alte Freund und Bekannte wieder zu treffen und sich gemeinsam zu erinnern.

Als Banater Schwaben werden Menschen bezeichnet, die im 17. Jahrhundert aus verschiedenen Teilen Süddeutschlands in entvölkerte Gebiete des heutigen Rumänien, Ungarn oder Serbien angesiedelt wurden. Lange als fähige Arbeiter geschätzt, sahen sie sich mit Ende des zweiten Weltkriegs allerdings Vertreibung, Enteignung und Zwangsdeportation ausgesetzt. So wie Helene Eichinger. Die heute 65-Jährige ist in Jahrmarkt, einem kleinen Dorf im heutigen Rumänien geboren. Sie hat die Zeit, in der ganzen Landstriche nach Russland gebracht wurden, noch hautnah miterlebt. Ihr und ihrer Familie ist die Umsiedlung zwar erspart geblieben – sie konnten rechtzeitig nach Deutschland ausreisen.

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Während ihre Eltern immer noch die alte Heimat im Herzen trugen, wurden die Enkel bereits in der Nähe von Freiburg geboren. Eichinger versteht sich irgendwo in der Mitte. „Ich empfinde Deutschland als wunderbares Land. Man hat uns hier gut aufgenommen und uns immer das Gefühl gegeben, dass wir dazu gehören.“ Eichinger kommt gerne in die Donaustadt. Nicht nur, weil es dort „wunderschön“ sei, sondern auch, weil sich hier der Kreis schließe. „Es ist schon sehr bewegend an der Donau zu stehen und sich vorzustellen, wie unsere Ahnen sich von dort auf die beschwerliche Reise nach Südosteuropa gemacht haben. Und dann denkt man an alles, was passiert ist, wenn wir hier stehen.“

Wie Eichinger erinnern sich offenbar viele Menschen an die alte Heimat. Zum Höhepunkt des Zusammenkunft, der Kundgebung am Sonntag, war die Donauhalle bis auf wenige Plätze gefüllt. Schon tags zuvor hatten die Banater Schwaben in der Donaustadt Präsenz gezeigt. Bei einem Umzug in traditionellen Gewändern durch die Fußgängerzone der Stadt, tanzten und marschierten über 50 Paare zur Musik einer Blaskapelle. Vorbei an den Geschäften der Einkaufsstraße und staunenden Passanten, zum Ulmer Münster, hinunter zur Donau. Ziel war das Ulmer Rathaus, wo die Paare offiziell von Oberbürgermeister Ivo Gönner in der Donaustadt willkommen geheißen wurden. Dieser nannte den Heimattag bei seiner Begrüßungsrede ein „wundervolles Treffen“. Aus der Geschichte der Banater Schwaben könne jeder einzelne lernen, wie wichtig Freiheit, Demokratie und Frieden seien.

Der langjährige Bundestagsabgeordnete Heinz Günther Hüsch, der als Verhandlungsführer dafür verantwortlich war, dass deutschstämmige Bürger in den 1970er und 1980er Jahren aus dem kommunsitischen Rumänien ausreisen durften, würdigte den Heimattag als Beitrag zur Freiheit. „Ich bin überzeugt, dass wir richtig gehandelt haben.“ Für sein Engagement erhielt er mit der Prinz-Eugen-Nadel die höchste Auszeichnung der Landsmannschaft. Der baden-württembergische Landtagspräsident Guido Wolf fand klare Worte: „Jeder sollte ihren Erzählungen genau zuhören. Nicht nur aus Respekt sondern um unseres Landes und Europas Willen.“

Helene Eichinger kommt bei diesen Worten der Wunsch ihres Großvaters in den Sinn. „Er hat sich nach dem Ersten Weltkrieg ein vereintes Europa gewünscht, und jetzt haben wir es.“

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