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Schwörmontag

25.07.2012

Thronrede beschwört das Gemeinschaftsgefühl

Ira Dentler bei ihrer diesjährigen Schwörmontags-Thronrede in luftiger Höh am „Sakramentsplätzle“, wo es auch heftig um Identität ging.
Bild: Dagmar Hub

800 Zuhörer lauschen inmitten lauten Treibens. Der Dentler-Preis geht an die „Kulturenküche“

Ulm Was er wohl gesagt hätte, Rex Rudolphus der Letzte, wenn er noch auf seinem Thron an der Goldschmiede hätte sitzen können? Hätte der 2006 verstorbene „König von Ulm“ über „O tempores, o mores?“ philosophiert? Über sein Lebensthema, dass es das größte Abenteuer des Menschseins ist, dem Menschen gerecht zu werden? Fast hätte es nach 33 Jahren am Schwörmontag 2012 keine alternative Schwörrede auf dem Sakramentsplätzchen gegeben, keine Verleihung des Dentler-Preises.

Hatte Ira Dentler, die die Tradition der spätabendlichen Rede auf dem Thron am Haus der Goldschmiede seit dem Tod ihres Vaters (zum 6. Mal) fortsetzt, im Vorfeld Bedenken wegen des immer heftiger werdenden Lärms aus den umliegenden Kneipen und fragte sich, ob – trotz Besucherrekord im letzten Jahr – die Tradition weiterführbar ist, so kam ein unerwarteter Faktor hinzu: Kurz vor Beginn der Thronrede kam die Polizei und monierte eine nicht angemeldete Veranstaltung. Letztlich wurde der Platz vor der Goldschmiede dann wieder zum nachdenklichen Fleck mitten im Lärm des Schwörmontagabends und Liedermacher Walter Spira vollbrachte mit ziemlichem Energieaufwand die große Leistung, unter den etwa 800 Zuhörern inmitten des lauten Treibens eine Art Gemeinschaftsgefühl und gleichzeitig Abgrenzung zu Lärm und Alkohol herzustellen.

Identität in Zeiten von Globalisierung

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Um erweiterte und erweiternde Horizonte, um den Gewinn durch Globalisierung und die Notwendigkeit, im immer rascheren Wandel auch Identität zu bewahren, ging es in Ira Dentlers Thronrede dann. Und um ein zutiefst menschliches Thema, dessen Vertreter den Dentler-Preis 2012 aus den Händen der anlässlich ihres 70. Geburtstags ebenfalls geehrten Gisela Dentler erhielten: Preisträgerinnen 2012 sind die Frauen des Kulturenküche-Projekts im Ulmer Dichterviertel, einer Insel in der Weststadt, „auf der man Fremdem und Fremden begegnen kann“, so Projekt-Macherin Ute Brischar. Ursprünglich gedacht als Projekt der Weststadt-AG, um die Deutschkenntnisse von Migrantinnen zu verbessern, wurde die 2011 gegründete Kulturenküche innerhalb eines Jahres zu einem Ort des Austausches, an dem Frauen aus verschiedenen Erdteilen mit ihren Kochrezepten und Gewürzen ein Stück Identität bewahren und mit Einheimischen und anderen Migranten teilen. Initiatorin Ute Brischar nahm den Preis mit einem großen Teil der 17 Frauen aus dem Projekt entgegen; vertreten in der Kulturenküche sind aktuell Frauen aus Taiwan (Liu Mei und Rachel), aus Afghanistan (Makia und Fazela), aus Deutschland (Rita Theresia und Christine), dazu Marta aus der Ukraine, Ana Cláudia aus Brasilien, Abeba aus Äthiopien, Sylvie aus Frankreich, Latifa aus Marokko, Rafat aus dem Iran, Fatima aus Pakistan und Emel aus der Türkei.

Nicht einfach hatte es Liedermacher Walter Spira: Dass er seine Balladen wie jene von der Söflinger Großmutter gegen die Lautstärke der Kneipen stellen musste, war ihm bewusst. Dass er sie auch gegen die Feierlaune der Geehrten stellen musste und ihm zugewandte Rücken und überschäumende Erzählungen direkt neben sich hatte, traf den Liedermacher so, dass er sein Programm umstellen musste.

Ein kluger Griff dann: Mit Joan-Baez- und Bob-Dylan-Songs brachte Spira das Sakramentsplätzchen in Straßenmusikermanier bis halb elf zum Mitsingen und Träumen – und ganz am Ende mit dem Pflegeheim-Rap zum Lachen.

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