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Ulm

12.09.2020

Ulmer Bordell schließt für immer: Im Alten Herzog ist das Rotlicht aus

Seit Monaten räumt Gerda Kalchschmid aus. Nach 50 Jahren im Familienbesitz und 30 Jahren unter ihrer Führung hat sich dort einiges angesammelt.
Bild: Alexander Kaya

Plus 30 Jahre lang führte Gerda Kalchschmid das wohl berühmteste Bordell Ulms, jetzt hat sie aufgehört und das Haus verkauft. Über ein Leben in der Nacht, das harte Milieu und die Zeit danach.

Gerda Kalchschmid hat einen Makler eingeschaltet. Was der Geschäftsmann plant, der ihr das Haus in der Zinglerstraße 42 abgekauft hat, weiß sie nicht. Aber aus dem Milieu, sagt die 55-Jährige, komme der Käufer nicht. Gerda Kalchschmid meint das Rotlichtmilieu. 30 Jahre lang hat sie den Alten Herzog geleitet, das wohl berühmteste Bordell Ulms. Corona hat ihr die Entscheidung endgültig abgenommen, die eigentlich schon feststand.

Am 17. März mussten Prostitutionsbetriebe in Baden-Württemberg den Betrieb einstellen. Für Gerda Kalchschmid war sofort klar: Das war’s. „Eine Entscheidung von außen, wie von Gott gegeben“, sagt sie. Dass sie aufhören will, stand für die gebürtige Ulmerin schon im Juni 2019 fest. Das neue Prostitutionsschutzgesetz, sagt sie, mache ihre Arbeit praktisch unmöglich: Zwei Zimmer pro Dame – eins, in dem sie Gäste empfängt, und eins zum Ausruhen und Schlafen. Das geht aus Paragraf 18, Absatz 2, Satz 7 hervor. „Das kann man nicht umsetzen“, findet Gerda Kalchschmid.

Gerda Kalchschmid war 30 Jahre lang die Chefin im Alten Herzog in Ulm

Aber ob sie es wirklich geschafft hätte, einfach aufzuhören? Wenn Gerda Kalchschmid über den Herzog spricht, sagt sie noch immer „Zuhause“ und korrigiert sich dann. Ende August hätte sie draußen sein müssen, doch der Käufer hat ihr noch ein paar Tage zusätzlich gewährt. Zum Ausräumen. Und vielleicht auch, um sich daran zu gewöhnen, dass der Herzog nicht mehr ihr Zuhause ist.

Der Eingang zum Alten Herzog in der Ulmer Zinglerstraße. Wie das Gebäude in Zukunft genutzt wird, weiß auch die frühere Eigentümerin nicht: Gerda Kalchschmid hat das Haus verkauft.
Bild: Alexander Kaya

Das Inventar bleibt. Ob der neue Eigentümer die Möbel behält, verkauft oder wegwirft, weiß Gerda Kalchschmid nicht. Sie nimmt mit, was ihr am Herzen liegt, hat dafür eigens ein Lager angemietet. Geschirr zum Beispiel, das noch aus dem Jahr 1905 stammen könnte. Da wurde das Gebäude erbaut, das ihr Vater 1970 kaufte und aus dem Hotel Herzog Albrecht das Bordell Alter Herzog machte. Womit ihr Vater dort Geld verdiente, wusste Gerda Kalchschmid anfangs nicht. „Ich habe im Alten Herzog mit vier, fünf Jahren Lego gespielt“, erzählt sie. Später wusste sie es sehr wohl. Was nach dem Tod des Vaters auf sie zukommen sollte, war Gerda Kalchschmid dennoch nicht klar.

Schwieriger Start im Rotlichtmilieu

Im Juni 1990 starb Eugen Kalchschmid unerwartet. Seine Tochter schmiss ihr Wirtschaftsstudium und übernahm den Alten Herzog. „Ich habe mir ein Jahr gegeben“, erinnert sie sich. Aus dem einen Jahr wurden 30. Einen Ruhetag hatte der Alte Herzog nicht. Und seit ihre Urlaubsvertretung gestorben ist, ist die heute 55-Jährige nicht mehr verreist. Elf Jahre ist der letzte Urlaub her. Jetzt hätte Zeit dafür sein können – wenn da nicht Corona wäre.

Zurück zum Anfang: Der war hart, erinnert sich die Bordellbetreiberin: „Das Milieu an sich ist schwierig.“ Die Zuhälter, die Gewalt. Wie sie es geschafft hat, sich in diesem Milieu durchzusetzen? „Ich habe es eben geschafft“, sagt Gerda Kalchschmid. Jahrelang hat sie Dinge für sich behalten, viele Dinge. Vielleicht fast alles: „Es gibt eine Schweigepflicht, wie beim Arzt oder beim Psychologen. Sozusagen das Bordellgeheimnis.“ Die 55-Jährige kann schweigen, daran hat sich mit dem Ende des Alten Herzog nichts geändert. Was den Herzog von anderen Puffs unterscheidet? Wie viel Politik dort gemacht wurde? Gerda Kalchschmid sagt nichts und raucht.

Der Alte Herzog war in Ulm für seine Spaghetti Bolognese berühmt

Eins verrät sie doch: „Bei mir lief immer alles korrekt.“ Das habe das Bordell erfolgreich gemacht. Das und die Lage, die immer gleiche Einrichtung aus den 70er-Jahren, das schöne alte Haus. Der Herzog hat Kultstatus, ist nicht nur bei den Stammgästen bekannt gewesen. Die kamen von weit her, machten Gerda Kalchschmid zufolge etwa 60 Prozent der Besucher aus. Nein, der Alte Herzog hat es sogar in einen Reiseführer geschafft. Mit dem scherzhaften Rat, dort Spaghetti Bolognese zu probieren.

Die Spaghetti hat Gerda Kalchschmid selbst gekocht, 30 Jahre lang. Nach einem eigenen Rezept, das sie nicht verraten will. Ein Markenzeichen, aber auch „mein Untergang“. Die Nudeln seien so bekannt gewesen, dass die Junggesellenabschiede vom Land ohne Unterlass in den Alten Herzog strömten. „Anscheinend konnte man nicht mehr heiraten, ohne vorher Spaghetti bei mir zu essen“, erinnert sich Gerda Kalchschmid.

Zwangsprostitution und Sexsklaverei: Die meisten Vorwürfe stimmen

Aber Spaghetti Bolognese waren ja nur das eine. Sechs bis acht Damen waren zuletzt gleichzeitig im Herzog, freitags und samstags zwischen 17 Uhr und fünf Uhr morgens, an den übrigen Tagen bis um zwei. Früher, als das Bordell unter der Woche noch länger geöffnet hatte, waren es auch mal mehr Prostituierte zur gleichen Zeit. Was hinter deren Zimmertür geschah, war Sache der Damen und ihrer Kunden. Ob die Gäste nun Sex suchten oder ein Gespräch. „Es ist anonym, ich kann mich ausheulen. Und wenn ich sage, dass ich zum Psychologen gehe, werde ich unter Umständen auch stigmatisiert“, sagt Gerda Kalchschmid. Sie selbst habe aus ihrem Beruf nie ein Geheimnis gemacht: „Wenn mich jemand gefragt hat, habe ich es gesagt.“

Und der schlechte Ruf ihrer Branche? Der frühere Ulmer Kriminalkommissar Manfred Paulus hat Bücher über Zwangsprostitution und Sexsklaverei geschrieben. „99,9 Prozent davon ist richtig“, sagt Gerda Kalchschmid. Vor allem seit der Osterweiterung der Europäischen Union. Seit Frauen aus Rumänien, Bulgarien und anderen Ländern kommen. „Das Wohlfühlgefühl ist weniger geworden, es ist gefährlicher geworden“, schildert Gerda Kalchschmid. Zu ihren Damen hat die 55-Jährige noch Kontakt, sie telefoniert mit vielen – genauso wie mit den Gästen, die ihr immer wichtig waren. Wegen der Gespräche, wegen der Vielfalt.

Prostitution in der Corona-Pandemie verboten

Die Damen kamen immer wieder, jetzt sind sie in Not. Ihr Beruf ist gerade nicht erlaubt, sie halten sich nun anderweitig über Wasser, wie Gerda Kalchschmid weiß. Dass die Puffs schließen mussten, findet die Bordellbetreiberin im Ruhestand richtig: „Abstandsregeln sind bei uns nicht möglich.“ Ab 15. September ist die Prostitution in vier norddeutschen Bundesländern unter Auflagen wieder zugelassen. „Wenn es in Hamburg wieder erlaubt ist, werden alle da hinfahren. Der Zulauf wird enorm“, prognostiziert sie.

Die 55-Jährige räumt weiter aus. Und freut sich über ihr zweites Leben, in dem sie nicht mehr in den Morgenstunden schlafen geht. In dem sie Cafés besuchen kann und vielleicht auch verreisen. Zu ihrer Tante in die USA zum Beispiel.

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