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Neu-Ulm

02.11.2020

Ungewisse Zukunft: Bei Evobus in Neu-Ulm stehen ab Dezember die Bänder still

Die Nachfrage nach Reisebussen ist durch Corona massiv eingebrochen. Zu erkennen ist das auch an der Anzahl an Gebrauchtbussen auf dem Neu-Ulmer Werksgelände.
Bild: Alexander Kaya

Plus Große Teile der Belegschaft im Evobus-Werk Neu-Ulm werden in Kurzarbeit geschickt. Die Produktion von Reisebussen ruht für ungewisse Zeit komplett.

Der größte industrielle Arbeitgeber der Region fährt die Produktion auf null: Ab Dezember werden in Neu-Ulm vorerst keine Reisebusse mehr produziert. Für wie lange, ist unklar. Deswegen gehen 1200 der 3800 Beschäftigten in Kurzarbeit. Die Intensität der Kurzarbeit variiert nach Angaben von Michael Klein, dem Leiter der Produktion der Daimler Bussparte, von 30 bis 90 Prozent.

Die Montage sei am stärksten betroffen. Dass nicht die ganze Belegschaft kurzarbeitet, ist der Rolle des Standorts im weltweiten Produktionsverbund geschuldet. In Neu-Ulm steht etwa die zentrale Lackiererei, in der auch Reisebusse ihren Anstrich erhalten. Und auch die Sitzproduktion sowie Rohrbiegung sind neben der Entwicklung sowie dem Service-Bereich zentral in Neu-Ulm beheimatet.

Betriebsrat bei Evobus sieht keine andere Wahl

Till Oberwörder, der Leiter der Daimler-Bussparte, sprach bei einer Telefonkonferenz von einer „angespannten Situation“. Es gebe derzeit „keine signifikanten Auftragseingänge“ für Reisebusse. Und noch bestehende Aufträge hätten die durch Corona gebeutelten Reiseunternehmen teilweise storniert, sodass eine Aufrechterhaltung der Produktion betriebswirtschaftlich nicht mehr sinnvoll sei.

„Es gibt keine andere Wahl“, sagte dazu Hansjörg Müller, der Betriebsratschef. Die Vereinbarung gelte zunächst bis Februar. Doch Müller glaubt nicht, dass sich bis dahin die Situation wesentlich zum Guten gewendet haben wird. Deswegen fordert Müller, dass das Instrument Kurzarbeit von der Bundesregierung bis weit ins Jahr 2022 verlängert werde.

Evobus-Chef: "Wir fahren auf Sicht."

„Wir fahren auf Sicht“, beschreibt Oberwörder die Lage. Niemand wisse, wann und wie sich die Reisebranche erhole. Und davon hängen die Jobs in Neu-Ulm ab: Wenn es keine Klassenfahrten, keine Fanbusse zu Bundesligaspielen und keine touristischen Ausfahrten mehr gibt, investiert kein Unternehmen in neue Reisebusse. Was Evobus derzeit übrig bleibt, ist auf die Sicherheit von Busreisen zu verweisen. So habe Daimler etwa bei der Technischen Universität Berlin (TU) eine Studie in Auftrag gegeben, die die Wahrscheinlichkeit von einer Corona-Infektion auf Busreisen zum Thema hatte.

Das Ergebnis: Lediglich im Fall von sechs infizierten, sprechenden Personen wäre im Bus eine höhere Aerosolkonzentration als in einem maschinell belüfteten Büroraum zu erwarten. Dies sei mit Blick auf die Infektionslage in Deutschland unwahrscheinlich, weshalb die Situation bei weniger Infizierten an Bord von der TU als „nicht besonders kritisch“ beurteilt wird. Inzwischen habe Evobus zahlreiche, nachrüstbare Corona-Hindernisse im Angebot: von Desinfektionsmittelspendern über eine abgetrennte Fahrerkabine bis hin zu Filtern in den Klimaanlagen, die selbst feinste Aerosole aus der Luft entfernen. Auf Wunsch könnten Unternehmen zudem die Austauschrate der Luft durch die Klimaanlage im Innenraum auch weiter erhöhen.

Reisebusse verkaufen sich besser

Während im Werk Neu-Ulm die Produktion heruntergefahren wird, gibt es in Mannheim keine Kurzarbeit. Die Nachfrage nach Stadtbussen sei vergleichsweise stabil. Doch so langsam würde sich auch hier bemerkbar machen, dass die Kommunen vorsichtiger würden, was die Bestellung von neuen Bussen angeht. Im Zweifel würde durch die leeren öffentlichen Kassen ein Bus halt ein Jahr länger gefahren, als ursprünglich geplant.

Im vergangenen Quartal sei der Verkauf von Reisebussen im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent eingebrochen. Im dritten Quartal verzeichnete die gesamte Bussparte, wie berichtet, allein in Europa einen Umsatzrückgang von 23 Prozent. Statt 9000 wie im Vorjahr wurden in diesem Zeitraum nur 5100 Busse und Fahrgestelle verkauft. Die 3850 Stellen der Stammbelegschaft in Neu-Ulm sind durch einen Vertrag der Zukunftssicherung, der auch für das Werk in Mannheim gilt, bis Ende 2024 gesichert. Betriebsbedingte Kündigungen sind also ausgeschlossen.

Wie Oberwörder auf Nachfrage sagte, stehe die Geschäftsführung aber im Gespräch mit dem Betriebsrat, was weitere Sparmaßnahmen angehe. Die Kurzarbeit sei ein sehr gutes Instrument, um die Beschäftigung zu sichern, so Oberwörder. Zuletzt habe Evobus als klarer Marktführer sogar noch Marktanteile hinzugewonnen. Corona stelle nicht die Produkte aus Neu-Ulm grundsätzlich infrage, sondern sei ein Problem der gesamten Branche.

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