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Ulm

04.10.2019

Uraufführung im Theater Ulm: Zu viel Last für einen Schneider

Die Ulmer Bürgerschaft (oben von links Nicola Schubert, Benedikt Paulun, Marie Luisa Kerkhoff) hat kein Mitleid mit Albrecht Ludwig Berblinger.
Bild: Marc Lontzek

Plus Ulf Schmidt hat für Ulm ein Stück zum 250. Geburtstag des abgestürzten Flugpioniers Albrecht Ludwig Berblinger geschrieben. Doch eigentlich geht es darin um Ungerechtigkeit in der Gegenwart.

Wer ist überhaupt dieser Bettler, der da im Kapuzenmantel über die Bühne schleicht? Egal, es gibt in in „Berblinger, Schneider“ zu viel zu bereden, schließlich feiert Ulm den 250. Geburtstag des Flugpioniers Albrecht Ludwigs Berblinger, der 1811 mit seiner Flugmaschine vor den Augen tausender Zuschauer in die Donau stürzte. Ein „unfassbar geiler Typ“, findet der Unternehmer, „Start und ab – Start-Up!“. Für seine Gegenspielerin ist der „Schneider von Ulm“ ein „armes Schwein, das mit den Flügeln schlagen musste, um nicht abzustürzen, ein Leben lang“. Oder war er am Ende der klassische Aufsteiger, der sich seinen Weg nach oben bahnen wollte? Ein „tapferer Ulmer durch und durch“? Ein Faust? Ein Napoleon? Oder doch nur eine Witzfigur?

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Jeder schneidert sich seinen eigenen Schneider in Ulf Schmidts Auftragswerk, das bei seiner Uraufführung im Großen Haus mit respektvollem Applaus quittiert wird. Mit der Produktion eröffnet das Theater Ulm ein paar Monate verfrüht das Berblinger-Jubiläumsjahr, das 2020 unter anderem auch noch mit einem Ideenwettbewerb und einer „Langen Nacht der Innovation“ gefeiert werden soll. Die Stadt Ulm hat sich dafür entschieden, dass Berblinger ein verkanntes Genie gewesen sei, ein verhinderter Überflieger. Schmidt, der zuletzt als Co-Autor der in Dresden uraufgeführten AfD-Groteske „Das Blaue Wunder“ auffiel, packt hingegen so viel aktuellen Ballast in sein mit „Variationen über einen Freiheitstraum“ untertiteltes Stück, dass dieses Mühe hat, die Flughöhe zu halten.

"Berblinger, Schneider" in Ulm ist sozialkritisches Gegenwartstheater

„Berblinger, Schneider“, inszeniert von Karin Drechsel, ist keine Fliegergeschichte aus dem 18. und 19. Jahrhundert, sondern sozialkritisches Gegenwartstheater – angereichert mit historischen Texten. Schauplatz ist eine Stadthalle aus Beton (Ausstattung: Christine Grimm), in der Kellner (Rudi Grieser, Marie Luisa Kerkhoff, Christel Mayr, Benedikt Paulun, Nicola Schubert) Stehtische und Stühle auf- und wieder abbauen – im Kasernenhofton auf Effizienz eingeschworen von einem Arschloch-Chef (Frank Röder).

Uraufführung im Theater Ulm: Zu viel Last für einen Schneider

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Doch in kurzen Monologen, zu denen ihre Gesichter groß auf die hintere Bühnenwand projiziert werden (Video: Alexander du Prel), offenbaren die Lakaien ihre Sorgen und Hoffnungen. Dass das Geld nicht für die Miete reicht, dass sie irgendwann studieren wollen – dass sie nur in Träumen fliegen. Zwischen dem ganzen Stühleschleppen, Aufdecken und Aufwischen wechseln die Akteure in andere Rollen, kriegen sich als Diskussionsteilnehmer in die Wolle, erzählen marschierend Geschichten vom Krieg, kanzeln den armen Schneider ab. Natürlich ist der Bettler, dessen Mantel farblich an die Patina eines Bronzedenkmals erinnert, Berblinger höchstpersönlich. Oder zumindest sein Stellvertreter in der Gegenwart, denn eine eigene Stimme hat er nicht, die kommt vom Band.

Ulf Schmidts Stück bürdet Berblinger viel Aktuelles auf

Oben schweben die Reichen, das Bodenpersonal muss um seine Freiheit kämpfen: Das ist die Grundbotschaft des Stückes, bei dem neben dem gut aufgelegten Ensemble auch eine chorisch sprechende Horde Schüler (die Theater-AG des Neu-Ulmer Lessing-Gymnasiums), ein Musiktrio und einige Statisten in Abendgarderobe mitwirken. Innerhalb dieses Rahmens wird allerdings die gesamte Gegenwart verhandelt, es geht um prekäre Arbeitsverhältnisse, Mietexplosion, Geschlechtergerechtigkeit, Lebensmittelverschwendung, sogar die „Fridays For Future“ blitzen kurz auf. Es ist eine große Last, die das Stück dem Schneider und dem Publikum aufbürdet, zumal die Gegenwartsbezüge immer allgemein bleiben. Da spuken zwar Reinhard Mey, die „Höhle der Löwen“ und „Deutschland sucht den Superstar“ durch den Text, aber Ulm konkret spielt keine große Rolle.

Doch die Inszenierung schafft auch Momente, die anrühren und im Gedächtnis bleiben. Etwa nach der Pause, wenn die Feier auf der Bühne vorbei ist und der Saal sich in ein Schlachtfeld verwandelt hat. Die Kellner schnaufen erschöpft durch, während eine Videoprojektion und eine Stimme aus dem Off Berblingers eigene Erfahrungen während der verlustreichen Napoleonischen Kriege schildern. 19. und 21. Jahrhundert, ein Regimentsschneider und ein paar Gastronomieaushilfen, die russische Kriegshölle und eine karge Stadthalle: Plötzlich finden diese Welten zusammen. „Berblinger, Schneider“ bleibt der Absturz seines Titelhelden erspart.

Wieder am 5., 10. und 12. Oktober. Weitere Termine bis Dezember und am 21. Mai 2020.

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