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Tischtennis

03.12.2020

Tiago Apolonia im Porträt: Ein Glücksfall für den TTC Neu-Ulm

Tiago Apolonia vom Tischtennis-Bundesligisten TTC Neu-Ulm hat in seiner Karriere schon einiges erlebt – und hat deren Ende offenbar noch lange nicht erreicht.
Bild: Willi Baur

Plus Der Portugiese Tiago Apolonia ist der Führungsspieler der Neu-Ulmer Bundesligisten - und sehr heimatverbunden. Das geht so weit, dass er sogar schon bei Stewardessen bekannt ist.

Ti-a-go, Ti-a-go – kein Spieler wurde von den Fans des Tischtennis-Bundesligisten TTC Neu-Ulm bisher mit mehr Inbrunst gefeiert als der Portugiese Tiago Apolonia. Klar, massive Unterstützung von den Rängen erfuhren stets auch seine Kollegen in der Box, als Publikum in der Halle noch möglich war. Aber zu dessen Liebling schlechthin avancierte schon in der Premierensaison der 34-jährige Musterprofi aus Lissabon.

Dies vom ersten Heimspiel an und nicht nur vieler spektakulärer Ballwechsel wegen, von seiner Erfolgsbilanz ganz zu schweigen. „Ich will immer mein Bestes geben, um jeden Ball kämpfen und nie aufgeben“, versichert der durchtrainierte Rechtshänder. Das entgeht keinem Betrachter, sein Feingefühl für das Sportgerät auch nicht. Nicht zu übersehen ferner die Emotionen, die den Portugiesen stets an den Tisch begleiten, die er freilich in der Regel zu kontrollieren weiß. Ein Athlet eben wie aus dem Bilderbuch, von den Zehen bis zu den stets perfekt frisierten Haarspitzen. „Ein tadelloser und vorbildlicher Sportler in jeder Beziehung“ sei Apolonia, beschreibt TTC-Chef Florian Ebner seinen Angestellten. „Und er war von Anfang an unser Führungsspieler, innerhalb des Teams wie unserem Umfeld gegenüber.“

So tickt Tiago Apolonia vom TTC Neu-Ulm

In der Tat, ob Sponsoren, Medien, Ballkinder oder „ganz normale“ Fans, ob Sieg oder Niederlage: Ein freundlicher Plausch nach dem Match ist mit dem Publikumsliebling immer möglich, auch gemeinsamen Selfie-Wünschen hat er sich vermutlich selten verweigert. „Für unseren Verein war es ein Glücksfall, dass er im Sommer des Vorjahres verfügbar war“, sagt Ebner heute. Da wollte der Spieler nach einjährigem Gastspiel in der japanischen Liga zurück nach Europa. Auf den jungen Vater warteten seine Frau und der damals zweijährige Sohn, der vor einigen Wochen ein Brüderchen bekommen hat. Mit Apolonias Wechsel nach Japan verbunden war ein Umzug der Familie von Saarbrücken nach Lissabon, wo Tiago geboren und aufgewachsen ist, wo zudem die Eltern des Profis und sein älterer Bruder leben.

Über ihn kam er dort auch zum Tischtennis. Sechs war der kleine Tiago damals, blickte kaum über den Plattenrand. Aber sein Talent wurde schnell entdeckt, bald durch erste Erfolge untermauert. „Ich habe täglich auch Fußball gespielt, aber nie im Verein“, erinnert er sich. Der sportlichen Perspektive wegen sei er beim kleinen weißen Ball geblieben. Und zunächst auch beim CF Estrela Amadora, bei dem er als Jugendlicher bereits in der Herrenmannschaft aufschlug und zweimal portugiesischer Meister wurde. Seinerzeit ab und an Gast bei den Heimspielen unweit Lissabons: Fußballstar Cristiano Ronaldo, Apolonias Landsmann und bekanntlich nicht minder mit schnellen Beinen und exzellentem Ballgefühl gesegnet. Weitere Gemeinsamkeiten freilich enden spätestens bei der Steuererklärung.

Auskömmlich leben lässt sich’s indes auch als Tischtennis-Profi. Neu-Ulms Portugiese jedenfalls steht nicht nur auf der Gehaltsliste seines Vereins. Die weltweite Popularität Apolonias nutzt zudem sein langjähriger Sponsor, ein namhafter japanischer Tischtennis-Ausrüster. Unterstützt wird der dreifache Olympia-Teilnehmer ferner als Kadermitglied für die auf 2021 verschobenen Spiele in Tokio. „Ich will auch in den nächsten Jahren mein derzeitiges Niveau halten“, hat sich Apolonia vorgenommen. Dafür arbeitet er unverändert intensiv und diszipliniert, in kürzeren Spielpausen gemeinsam mit dem TTC-Team, in längeren mit der Trainingsgruppe bei Sporting Lissabon oder im Leistungszentrum des portugiesischen Verbandes in Porto. Die Vielfliegerei ist der Preis für die Balance zwischen Beruf und Familie. Nicht nur. Den Profi, der seit Juli 2016 mit der aus China stammenden ehemaligen deutschen Nationalspielerin Zhenqi Barthel verheiratet ist, zieht es schlichtweg auch verstärkt in die Heimat. „Das Flair, das Meer, das Klima und die Menschen“, begründet Tiago Apolonia seine Verbundenheit mit der „weißen Stadt“ am Tejo. Schon sein erster Wechsel nach Mitteleuropa, 19 Jahre jung war er damals, sei ihm nicht leicht gefallen, erinnert sich der Portugiese. „Aber das war notwendig, um mich weiterzuentwickeln.“

Tischtennis-Bundesliga: Apolonia ist Führungsspieler beim TTC Neu-Ulm

Was ihm in den Jahren danach fraglos gelungen ist. Über das belgische Charleroi kam Apolonia bald in die Bundesliga, spielte in Saarbrücken, Jülich und Ochsenhausen. Konstant aufwärts ging es international: Vor sechs Jahren stand er auf Platz 13 der Weltrangliste. Als größten Moment seines Sportlerlebens freilich nennt er ohne Zögern den Titelgewinn bei den Europameisterschaften 2014 mit Portugals Mannschaft: im heimischen Lissabon 3:1 im Finale gegen Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Steffen Mengel, Riesenstimmung in der vollen Halle, vor den Augen des Staatspräsidenten und, nicht minder wichtig, im Beisein seiner Familie.

Und jetzt? „Spiele ohne Publikum sind für mich schlecht“, beschreibt Apolonia den Corona-Alltag in „Europas stärkster Liga“, wie auch er sie einschätzt. „Ich mag es, wenn ich die Leute mit meinem Spiel begeistern kann. Das fehlt mir sehr“, lässt er durchblicken. Unter diesen Umständen sei er mit seinen bisherigen Ergebnissen auch zufrieden. Mit dem Umfeld beim TTC ohnehin. „Im Verein herrscht ein guter Geist, der Umgang mit uns Spielern ist immer korrekt und ich fühle mich hier wohl“, sagt der Portugiese, dessen Vertrag noch bis zum Sommer nächsten Jahres läuft. Er begrüße auch, dass junge Akteure mit im Team seien. „Für sie bin ich gerne Vorbild.“

Konkrete Pläne für die Zeit nach seiner Profi-Karriere hat Apolonia noch nicht. Einen großen Wunsch schon: „Ich möchte auf jeden Fall dem Tischtennis verbunden bleiben.“ Wie, sei zweitrangig. Möglichkeiten für ihn dürften sich auftun. Der Portugiese, der zunächst eigentlich Wirtschaftsmanagement studieren wollte, kann sich in fünf Sprachen verständigen. Mit seiner Frau gelang das bisher abwechselnd in Deutsch und Englisch, inzwischen verstärkt auch auf Portugiesisch. „Clever und smart“ hatte eine Fachzeitschrift ihre Titelgeschichte über Tiago Apolonia überschrieben. Der könnte, mit Laptop statt Sporttasche, in der Tat in jedem Flieger als IT-Experte oder Unternehmensberater durchgehen. Allerdings kaum bei der portugiesischen Fluggesellschaft TAP. Hier, schmunzelt der populäre Tischtennismann, kenne ihn jede Stewardess.

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