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Lesung

01.06.2019

Barth-Biografie in Nördlingen vorgestellt

Professorin Christiane Tietz aus Zürich war zu einer Lesung ins Evangelische Bildungszentrum nach Nördlingen gekommen.
Bild: Friedrich Wörlen

Die Autorin Christiane Tietz ließ ein plastisches Bild von einem der weltweit führenden Theologen des 20. Jahrhunderts entstehen. Was Besucher bei der Veranstaltung erfuhren

Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Organisationen der evangelisch-reformierten und der unierten evangelischen Kirchen begehen 2019 als „Karl-Barth-Jahr“. Aus Anlass des 50. Todestages von Karl Barth wurde am 10. Dezember 2018 der Schweizer Jurist Bernhard Christ mit dem Karl-Barth-Preis ausgezeichnet. Im weiteren Verlauf sind Veranstaltungen an mehr als 140 Orten in Deutschland, der Schweiz und Österreich geplant – auch in Nördlingen. Es gibt ein kostenloses Karl-Barth-Magazin, sowie zahlreiche Texte und Hintergründe auf der Homepage www.ekd.de.

1919, also vor 100 Jahren, hatte der reformierte Schweizer Theologe Karl Barth mit seiner Auslegung des Römerbriefes eine neue Epoche der evangelischen Theologie eingeleitet. Im „Dritten Reich“ stellte er sich offen gegen den Nationalsozialismus und gehörte zur „Bekennenden Kirche“, sodass er 1935 aus Deutschland ausgewiesen wurde. Nach der Nazizeit kam er wieder nach Deutschland und war wegen seiner stets sehr deutlich geäußerten Überzeugungen in den Jahren des Kalten Krieges hier und in seiner Heimat heftig umstritten. Er gilt weltweit als einer der führenden Theologen des 20. Jahrhunderts.

Die Schwerpunkte des Lebens und Wirkens von Karl Barth lagen weder theologisch noch geografisch im Bereich der prononciert Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Das Evangelische Bildungswerk Donau-Ries und der Nördlinger Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing unternahmen es trotzdem, zusammen mit der Buchhandlung Lehmann die neue Barth-Biografie von Christiane Tietz vorzustellen: „Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch“.

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Die Autorin, Professorin für Systematische Theologie und Religionsphilosophie in Zürich, ließ – mit Zitaten aus Werken und Briefen –ein plastisches Bild von Karl Barth, seiner Denk-, Ausdrucks- und Lebensweise entstehen. Widerspruch prägte sein Leben in vielfacher Hinsicht. Da war sein Vater, der ihn auch als Theologe maßgeblich prägte – mit einem örtlichen Unternehmer, dessen Arbeitgeberpraktiken er als Vertreter eines religiösen Sozialismus anprangerte. Er wurde aber auch mit der Kriegsbegeisterung seiner liberalen theologischen Lehrer bei Beginn des ersten Weltkriegs konfrontiert. Oder mit dem Hitler-Regime und auch mit Teilen der Bekennenden Kirche, in der er an prominenter Position mitarbeitete. Bedeutsam soll aber auch sein eigenes Verhalten während der NS-Zeit gewesen sein. Er warf sich vor, nicht entschieden genug widersprochen zu haben, unter anderem aber auch die Judenverfolgung falsch eingeschätzt zu haben. Nicht zuletzt beeinflussten ihn Vertreter des kirchlichen und politischen Mainstreams, als er gegen Wiederbewaffnung und Atomrüstung Stellung bezog.

Stets leitete er seine Äußerungen aus intensivem und ernsthaftem Bibel-Studium ab. Das wurde ihm oft fälschlich als widersprüchlich vorgehalten. Radikaler Pazifist war er nicht: Bedrängte Völker wie die Tschechen (vorsichtshalber auch die Schweizer) forderte er zum Widerstand auf, aber das Wettrüsten im Kalten Krieg lehnte er ab. Nach dem Krieg rief er die Schweizer zur Versöhnungsbereitschaft auf und die Deutschen zur Anerkennung der eigenen Schuld. Als Mitautor des „Darmstädter Wortes“ kritisierte er 1947 zusammen mit Martin Nie-möller das Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945.

Ein unüberbrückbarer Widerspruch überschattete das Privatleben des Gelehrten: Er führte jahrzehntelang eine „Notgemeinschaft zu dritt“, das bedeutet, er lebte mit seiner Ehefrau Nelly und mit seiner Arbeitspartnerin Charlotte von Kirschbaum in einer Dreierbeziehung. Unter diesem Widerspruch zur kirchlichen Lehre und zum protestantischen Eheideal litten die Beteiligten, ohne sich daraus lösen zu können. Barths Hauptwerk blieb schließlich unvollendet: seine Kirchliche Dogmatik. Sie umfasst in 13 Teilbänden sowie einem Registerband 9300 Seiten und heißt laut Professorin Tietz inoffiziell „Der weiße Wal“. Als Kurzformel der Barth’schen Theologie könnte gelten: „Gott ist der ganz andere“.

Eine inhaltsreiche und informative Frage- und Diskussionsrunde beschloss den anregenden Abend in Nördlingen.

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