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Möttingen

11.01.2021

Eine Möttingerin wandert nach Kanada aus

Mark und Evelyn Mueller leben in Kanada. Evelyn Mueller kommt aber ursprünglich aus Möttingen. Nun hat sie sogar eine Städtefreundschaft mit auf den Weg gebracht.
Bild: Mueller

Plus Evelyn Mueller kommt aus dem Ries, doch über die Liebe verschlägt es sie nach Kanada. Nun hat sie sogar eine Städtefreundschaft in der Region mitaufgebaut.

Die Tickets waren gekauft und sie hatte sich so sehr darauf gefreut, ihre große Familie wiederzusehen. Eltern, Großeltern und Geschwister, Nichten und Neffen in den Arm zu nehmen. Aber Corona hat einen Strich durch die Rechnung gemacht. Denn Evelyn Mueller ist zwar in Möttingen geboren, wohnt aber seit fast zwölf Jahren mit ihrem Mann Mark und ihren vier Buben bei Perth East, einer 12 000-Einwohner-Stadt in der kanadischen Provinz Ontario. Mit dieser ist das württembergische Neresheim eine inzwischen von beiden Bürgermeistern besiegelte Freundschaft eingegangen. Evelyn Mueller und ihre Schwester Angela Pöhler waren die Geburtshelferinnen.

Angela war Sängerin bei den Original Härtsfelder Musikanten in Dorfmerkingen und Milverton, ein Stadtteil von Perth East, wollte ein Oktoberfest feiern, suchte dafür eine deutsche Kapelle und fand sie dank der beiden gebürtigen Möttingerinnen auf dem Härtsfeld. Die Gäste aus Deutschland mit Bürgermeister Thomas Häfele an der Spitze waren bei Familien untergebracht, und so entstand der Gedanke, über den Atlantik hinweg eine Städtefreundschaft einzugehen. Am Dienstag hat Bürgermeisterin Rhonda Ehgoetz ihre Unterschrift unter die Freundschaftsurkunde gesetzt und damit die Verbindung endgültig besiegelt.

Auf dem Oktoberfest lernte die Möttingerin ihre Liebe kennen

Dass aus der „Geburtshelferin“ Evelyn Mueller einmal eine Bäuerin werden würde, hatte sie nicht gedacht. Und wie findet eine waschechte Rieserin die Liebe ihres Lebens, die aus dem Farmland mitten in Kanada, eineinhalb Stunden entfernt von der größten Stadt des Landes, Toronto, stammt? Auf dem Münchner Oktoberfest.

Ausgerechnet am selben Tag waren nämlich Evelyn Böllmann, wie sie damals noch hieß, und Mark Mueller mit Freundinnen und Freunden in der bayerischen Landeshauptstadt, um zu feiern. Zur Gruppe gehörten ein Freund von Mark und eine Freundin von Evelyn, die sich von einem Aufenthalt in Australien kannten. Marks Eltern waren 1978 aus der Schweiz nach Kanada ausgewandert und hatten in der Provinz Ontario eine Milchfarm gekauft. Dort kamen auch deren fünf Kinder zur Welt. Mark schloss eine Lehre als Lastwagen-Mechaniker ab und ging dann für ein Jahr in die Schweiz.

Sie lies ihn zappeln, bevor sie "Ja" sagte

Und so traf er in München die junge Frau aus Möttingen. Die beiden waren sich von Anfang an sympathisch, der Kontakt hielt, die Zuneigung wuchs und die jungen Leute verständigten sich schließlich darauf, dass Evelyn für ein halbes Jahr nach Kanada kommen sollte. Zum Abschied wurde im Ries noch einmal zünftig gefeiert. Von ihren heutigen Schwiegereltern wurde die Rieserin im fernen Kanada gut aufgenommen und die Beziehung zu ihrem Mark wurde tiefer.

Doch Weihnachten 2008 hieß es für Evelyn Böllmann Abschied nehmen. Sie kehrte nach Möttingen zurück. Tage später stand ein Gast im Wohnzimmer der Eltern: Mark Mueller. Ehe er zum Jahreswechsel nach Kanada zurückkehren wollte, machte er seiner Angebeteten einen Heiratsantrag. „Ich wusste, dass ich ja sagen würde“, erzählt sie, „aber ich musste ihn drei Tage lang zappeln lassen, denn ich wusste, dass ein ‘ja’ bedeutet, in Deutschland alles aufzugeben, um in Kanada eine neue Heimat zu finden.“ Kurz bevor er ins Flugzeug steigen musste, fiel Mark Mueller ein Stein vom Herzen: Seine Evelyn sagte ja.

Anfangs hatte Evelyn Mueller Heimweh

Fast ein Jahr später, am 16. November 2009, gaben sich die beiden im engsten Familienkreis in Kanada auf dem Standesamt das Ja-Wort. Nach der Trauung und vor dem Fest aber musste Mark in den Stall. Schweine füttern.

Im August 2010 gab es dann im Ries ein großes Fest. Evelyn und Mark Mueller wurden in der Kirche in Möttingen kirchlich getraut. Und dazu waren viele Gäste aus Deutschland, der Schweiz und aus den Niederlanden – die Brautmutter ist gebürtige Holländerin – und natürlich aus Kanada angereist. Gleichzeitig galt es auch, den 60. Geburtstag des Brautvaters zu feiern.

Für die jungen Eheleute begann danach der Alltag in Kanada. „Die ersten sieben Jahre waren heftig“, erzählt Evelyn Mueller. Das Heimweh nach dem Ries plagte sie. Gleichzeitig wuchs die Familie: Vier Buben bekamen Evelyn und Mark Mueller. Und das half der Möttingerin auch, das Heimweh zu überwinden. „Die Wende kam“, erzählt sie, „als ich einmal mit nur einem Kind in Deutschland war und es an den Rückflug ging. Da wusste ich, es geht wieder heim zu meiner Familie.“

In Kanada kümmern sich die beiden um einen Hof

Jetzt habe sie so gut wie kein Heimweh mehr, wenngleich natürlich die Beziehungen zu Eltern und Geschwistern – Bruder Timo Böllmann ist seit vergangenem Jahr Möttinger Bürgermeister – nicht zuletzt dank der Messenger-Dienste sehr intensiv sind. In der Regel einmal im Jahr kommt Evelyn Mueller ins Ries. Heuer allerdings werden es im Mai zwei Jahre sein, dass sie nicht mehr in Möttingen war.

Wenn das Herz einmal doch zu schwer wird, denkt sie an den Satz, den ihr die Mutter mit auf den Weg nach Kanada gegeben hat: „Lieber sehe ich Dich glücklich 6500 Kilometer entfernt als unglücklich im nächsten Dorf!“ Im Jahr 2012 übernahmen Muellers die elterliche Farm und bewirtschaften seither einen Hof mit 600 Muttersauen und zahlreichen Ferkeln, die danach zu einem Mäster gehen, der sie auf das Schlachtgewicht bringt.

Ihre Ausbildung als Erzieherin wird nicht anerkannt

Zur Farm gehören außerdem viele Hektar Grünland, auf dem Mais, Bohnen und Weizen angebaut werden, Hühner und Pferde. Zwar gilt momentan auch in Kanada ein Lockdown, allerdings ein weniger strenger als in Deutschland, berichtet Evelyn Mueller. Es gebe keine Ausgangsbeschränkungen und viele Läden hätten geöffnet. „Für uns selbst hat sich wenig verändert“, erzählt die Rieserin. „Wir wohnen ohnehin außerhalb der Stadt und haben Wald und Garten, wo sich die Kinder austoben können.“

Sie selbst ist gelernte Erzieherin. Ihre deutsche Ausbildung wird jedoch in Kanada nicht anerkannt. Ohnehin nehmen sie Familie und Kinder voll in Anspruch und halten sie auf Trab. Daneben hat sie sich aber mit dem Thema Wildkräuter intensiv befasst und gibt dieses Wissen nun in Kursen weiter. Auch sonst ist die umtriebige junge Frau in ihrer neuen Heimat vielfach engagiert und so ist sie auch zur Geburtshelferin einer deutsch-kanadischen Städtefreundschaft geworden.

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