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Musik-Kabarett

28.05.2019

Hohe Schule der Improvisation

Der Münchner Musik-Kabarettist André Hartmann präsentierte seine „musikalisch vollwertige Koch-Show“ mit dem Titel „Veganissimo“ im Reimlinger Konzertstadel.
Bild: Toni Kutscherauer

André Hartmann begeistert das Publikum im Reimlinger Konzertstadel bei „Veganissimo“ mit virtuosem Klavierspiel und gekonnten Stimmenimitationen

Tun Sie sich auch manchmal schwer mit der „Political Correctness“? Rutschen Ihnen ohne böse Absicht nicht mehr opportune Begriffe wie Mohrenkopf oder Zigeunerschnitzel raus? Dann geht es Ihnen wie dem Musik-Kabarettisten André Hartmann, der seine „musikalisch vollwertige Koch-Show“ mit dem Titel „Veganissimo“ im Konzertstadel in Reimlingen präsentierte.

Folgerichtig begrüßt der Künstler die rund 50 Besucher korrekt mit „Liebe Veganer, Veganerinnen und diverse Veganes“, nicht ohne sich mehrfach zu vergewissern, ob sich auch niemand angegriffen fühle. Im Duktus des Programmtitels hat es sich André Hartmann nämlich zur Aufgabe gemacht, „sämtliche Lieder der Weltgeschichte vom Fleische zu befreien“ und „in eine politisch zulässige, also vegane Version“ zu überführen. Dazu reicht ihm seine Stimme und ein Piano – und sogleich gibt er mit den Wiesn-Hits „Schatzi, schenk mir ‘nen Tofu“ und „Eviva Vegania“ die Zielrichtung vor.

Was nun folgt, darf getrost als „hohe Schule der Improvisation“ bezeichnet werden. Denn das Publikum darf beliebige Lieder auswählen, die der „veganen Bereinigung“ bedürfen. So wird aus „Honeypie“ kurzerhand „Hirsebrei“, während bei „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ fleischlose tschechische, französische und chinesische Versionen geboten werden. Egal, welcher Titel aus den Besucherreihen nach vorne gerufen wird – in Sekundenschnelle hat Hartmann Text und Melodie parat und hämmert diesen mit Verve und in neuem Arrangement in die Tasten.

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Dabei vermischt der Münchner Musik-Kabarettist sein virtuoses Klavierspiel mit seiner zweiten großen Qualität, nämlich der Stimmenimitation prominenter Personen. Von Roland Kaiser bis Howard Carpendale, von Udo Lindenberg bis zu Herbert Grönemeyer („kein Mensch versteht, was er singt“) bringt er eine Vielzahl von Stars auf die Bühne. Und bei Georg Kreislers „Tauben vergiften“ führt er nach einer Walzer-Variation auch noch den Beweis, dass „sämtliche Stücke der Musikgeschichte“ aus der Bach’schen Fuge entstanden sind.

André Hartmann darf ohne Übertreibung als Multitalent der Kleinkunst gelten. Parallel zu seiner Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in München und einem abgeschlossenen Studium als Gymnasiallehrer war der 43-Jährige schon früh mit verschiedenen Künstlern als Pianist unterwegs. Es folgten diverse Solo-Konzerte, Kabarett-Shows und Moderationen, ehe er im Singspiel am Nockherberg als Double von Gerhard Schröder und Christian Ude einem breiten Publikum bekannt wurde. Folgerichtig wurde Hartmann mit zahlreichen Preisen dekoriert, zuletzt mit dem Fränkischen Kabarettpreis (2014) und dem Schwabinger Kunstpreis (2019).

Turbulent verläuft auch der zweite Teil im Konzertstadel, als der Imitator mit Strauß, Seehofer, Stoiber und Beckstein eine ganze Riege bayerischer Ministerpräsidenten aufmarschieren lässt. Zwar muss er bei den Zuschauerwünschen mitunter passen, dafür entschädigt eine Bach-Variation des Kinderlieds von der „Biene Maja“, welches er zudem noch von Jopi Heesters und Inge Meysel singen lässt.

Auf Elvis’ „In The Ghetto“ wird eine Mozart-Sonate gesetzt, Billy Joels „Piano Man“ gibt’s in einer Chopin-Variation mit Mazurka-Teil und zum Abschluss wird Sinatras „My Way“ nicht nur vom Quartett Schröder/Meysel/Grönemeyer/Moser intoniert, sondern erhält auch noch eine voluminöse Franz-Liszt-Adaption.

Am Ende des kurzweiligen und abwechslungsreichen Abends mit viel Musik und reichlich Wortwitz wird André Hartmann vom Publikum ausgiebig beklatscht. Erst nach mehreren Zugaben, unter anderem einer fulminanten „Hit The Road, Jack“-Version im Louis Armstrong-Style, wird der Musik-Kabarettist entlassen.

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