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Lebensweg: Das neue Leben des Gulagha Marupkhil

Lebensweg

Das neue Leben des Gulagha Marupkhil

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    Während seiner Ausbildung zum Anlagenmechaniker lernt der Afghane Gulagha Marupkhil auch das Lager der Deininger Firma Engelhardt kennen. Ausbildungsleiterin Christina Hopf erklärt ihm die verschiedenen Teile.
    Während seiner Ausbildung zum Anlagenmechaniker lernt der Afghane Gulagha Marupkhil auch das Lager der Deininger Firma Engelhardt kennen. Ausbildungsleiterin Christina Hopf erklärt ihm die verschiedenen Teile. Foto: Michael Lindner

    Gulagha Marupkhil hat in seinem jungen Leben schon viel Schreckliches durchgemacht. Er erlebte den Krieg mit all seinen zerstörerischen Folgen in Afghanistan, flüchtete unter abenteuerlichen Umständen in ein ihm unbekanntes Land und landete, ohne ein deutsches Wort zu kennen, in München.

    Marupkhil ist 15 Jahre alt, als seine Flucht aus dem kriegsgeschädigten Afghanistan vorbereitet wird. „Es war eine echt schlimme Situation in Afghanistan. Es war lebensgefährlich, deshalb bin ich geflohen“, erinnert sich Marupkhil an das Jahr 2011. Er hatte Angst vor den Taliban, die den Großteil seiner Heimatstadt beherrschten. Nachts schliefen er und seine Familie nur schwer ein. Die Sorge vor einem Angriff war viel zu groß. Doch die Taliban waren nicht die Einzigen, vor denen der Afghane Angst hatte. Auch die vermeintlichen Retter aus den USA bleiben Marupkhil negativ im Gedächtnis: „Sie warfen mit ihren Flugzeugen Bomben ab, obwohl sie nicht wussten, ob sie auch Zivilisten töten.“ Er erinnert sich daran, wie er mit Freunden Fußball spielte und amerikanische Flugzeuge plötzlich Bomben auf in der Nähe postierte Taliban abwarfen. Er selbst überlebte den Zwischenfall unverletzt, doch zwei seiner Freunde starben bei der Explosion, andere wurden schwer verletzt. „Scheiß Krieg“, entfährt es dem inzwischen 19-jährigen jungen Mann. Seine Familie entschloss sich, ihrem ältesten Sohn eine neue Zukunft in einem besseren, friedlichen Land zu ermöglichen. Sein Onkel organisierte die Flucht aus Afghanistan. Rund 7000 Kilometer lagen vor ihm – und zwar ganz allein.

    „Meine Familie konnte nicht mit, wegen meiner Brüder. Die waren erst fünf und acht Jahre alt. Für die wäre es viel zu gefährlich gewesen“, erzählt Marupkhil. Zunächst flüchtete er in den Iran. Dort schlief er zwei Wochen lang im Freien oder im Kofferraum eines alten Pkws. Es folgten Stationen in der Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich. Doch nirgends durfte er bleiben – bis er in München mit dem Bus ankam. Ohne ein einziges deutsches Wort zu sprechen, stieg er am Hauptbahnhof aus. „Ich wusste nichts über Deutschland. Aber es gefällt mir hier sehr gut“, sagt Marupkhil. Seine Ansprüche an seine neue Heimat waren gering: „Ich wollte nur in Frieden leben und keine Angst mehr haben. Mehr habe ich nicht erwartet.“ Und das fand der Afghane in Deutschland. Dabei war der Start in sein neues Leben schwierig.

    Marupkhil verliert die wichtigste Nummer seines Lebens

    Er kam in ein Asylbewerberheim, schlief mit acht anderen Flüchtlingen in einem kleinen Zimmer. Schlägereien waren in dem Heim keine Ausnahme. Er selbst ging jeder Konfrontation aus dem Weg. Marupkhil war trotzdem glücklich, denn er hatte telefonischen Kontakt zu seiner Familie. Auf einem kleinen Zettel war die wichtige Verbindung zu seiner Heimat notiert. Doch dann verliert er die Nummer. Seit drei Jahren hat er kein Lebenszeichen von seiner Familie gehört. Der junge Mann stellte Suchanträge bei verschiedenen Behörden und Hilfsdiensten – erfolglos. „Ich würde so gerne mit ihnen sprechen“, lautet sein größter Wunsch. Mitleid möchte er deswegen aber nicht. „Man muss nach vorne schauen, zurückblicken bringt nichts“, sagt der Afghane selbstbewusst.

    Trotz der Ungewissheit mit seiner Familie fühlt sich der Afghane in Deutschland wohl. Er lernte die ihm fremde Sprache in jeder freien Sekunde: „Ich bin mit dem Deutschbuch eingeschlafen und habe sofort nach dem Aufstehen weitergelernt“, erzählt der schlanke junge Mann. Er hat einen guten Mittelschulabschluss und spricht sehr gutes Deutsch. Inzwischen lebt er mit zwei weiteren Afghanen in einer WG in München. Im September begann er eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker in Deiningen. Über seine Lehrerin kam der Kontakt mit der Firma Engelhardt zustande. Im August dieses Jahres machte er ein Praktikum.

    „Er hat sich sehr gut angestellt“, erinnert sich Ausbildungsleiterin Christina Hopf. „Es hat alles gepasst, deswegen wollten wir ihm diese Chance geben.“ Hopf ist fasziniert, wie zielstrebig und ehrgeizig der junge Mann sei. Außerdem sei er ein „supernetter Kollege“. Größtenteils arbeitet Marupkhil in der Landeshauptstadt, da die Firma Engelhardt dort viele Aufträge hat. „Für ihn ist das praktisch, denn dadurch spart er sich viel Zeit und Geld“, sagt seine Ausbildungsleiterin. Denn von seinem Gehalt bekommt er lediglich 100 Euro ausbezahlt. Der Rest geht an das Amt, die für ihn die Miete und das Essen bezahlen. Trotz des geringen Gehalts macht Marupkhil die Arbeit Spaß. „Anlagenmechaniker ist ein guter Beruf und die Firma ist auch gut“, freut sich der Münchner. „Ich kann zur Schule gehen, habe Arbeit und verdiene Geld. Was will ich mehr?“, ist Marupkhil glücklich mit seiner Situation. Doch vor einem hat der Afghane doch Angst – dem Gang zur Behörde.

    Alle sechs Monate muss Marupkhil seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen. Ob er sie bekommt, ist jedes Mal ungewiss. Im Dezember folgt die nächste Beurteilung. „Hoffentlich darf ich bleiben. Ich möchte hier mein neues Leben aufbauen.“

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